AHV-Abstimmung

11. Juli 2017 10:34; Akt: 11.07.2017 14:57 Print

«Was macht man als Rentner 30 Jahre lang?»

Laut Salomè Vogt, Leiterin von Avenir Jeunesse, können wir uns den geplanten Ausbau der AHV nicht leisten. Sie fordert eine radikale Reform ohne Tabus.

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Frau Vogt*, Sie sind 29 Jahre alt. Denken Sie manchmal an Ihre Pensionierung?
Der Zeitpunkt scheint weit weg, aber in Anbetracht der bevorstehenden Abstimmung über die Altersvorsorge muss man sich zwangsläufig damit beschäftigen. Es geht um sehr viel.

Wie werden Sie bei der Reform der Altersvorsorge abstimmen und warum?
Die Alterung der Bevölkerung, die Lage an den Finanzmärkten, die Pensionierung der Babyboomer-Generation machen es nötig, dass wir das System umkrempeln. Eine Reform sollte dafür sorgen, dass alle ein sicheres Einkommen haben, wenn sie in Rente gehen – meine Generation inklusive. Bei aller Solidarität gegenüber den Älteren: Wir können es uns in dieser Situation schlicht nicht leisten, die AHV noch wie geplant auszubauen. Auch wenn Avenir Jeunesse keine Abstimmungsempfehlung herausgibt: Bei einem Nein ist der Druck da, eine weitsichtigere Reform zu machen, die auch die Anliegen der Jungen besser berücksichtigt.

Ist es eine unfaire Reform?
Die Reform sichert die Renten für das kommende Jahrzehnt. Und dann? Ich als junge Frau weiss nicht, was mit meiner Rente passieren wird. Die Reform bedeutet weiterhin Ungewissheit für die junge Generation, da es sich nur um eine Übergangslösung handelt. Es wäre schön, zu wissen, dass ich irgendwann auch etwas zurückbekomme. Die Reform löst die strukturellen Probleme der Altersvorsorge nicht. Es braucht bessere Lösungen, die der Alterung der Bevölkerung und dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen.

Woran denken Sie?
Eigentlich ist es schön: Wir werden immer älter. Mit knapp 30 ist man immer noch jung. Dass Politiker darüber streiten, ob das Pensionsalter erhöht wird oder der Umwandlungssatz bei der Pensionskasse gesenkt wird, ist unnötig. Denn es ist logisch, dass wir länger arbeiten müssen. Das Referenzalter sollte darum automatisch mit der Lebenserwartung steigen. Genauso sollte der Umwandlungssatz bei der 2. Säule an die Lebenserwartung und das aktuelle Zinsniveau gekoppelt sein.

Wie lange würden Sie denn arbeiten?
Ich werde sicher länger als bis 65 arbeiten müssen. Darauf bin ich bereits eingestellt – ganz ehrlich. Der Stellenwert der Arbeit ist in der Schweiz besonders gross. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele auch länger sinnstiftende Aufgaben erledigen wollen. Was macht man sonst noch 30 Jahre lang?

Ist das nicht elitär? Ein Büezer kann vielleicht gar nicht so lange arbeiten.
Wichtig ist, dass die Pension flexibel ist, je nach Gesundheitszustand. Es wird weiterhin bestimmte Tätigkeiten geben, bei denen eine frühere Pension legitim ist.

Die Reform wurde von älteren Männern entworfen. Eine Mehrheit der Stimmbürger ist älter – sie werden sich kaum in den Fuss schiessen und für Rentenkürzungen oder eine Erhöhung des Rentenalters stimmen.
Da sage ich: Junge, studiert die Unterlagen und geht an die Urnen. Ich hoffe, die ältere Generation wird an die Enkel denken. Wir sollten aber die Generationen nicht gegeneinander ausspielen, es müssen einfach alle ihren Beitrag leisten.

Für Bundesrat Alain Berset ist die Reform der Altersvorsorge dringend notwendig. In der beruflichen Vorsorge finde wegen der tiefen Renditen eine «unglaubliche, schlechte, illegale Umverteilung» zwischen der aktiven Generation und den Rentnern statt. Das belaste insbesondere die jüngere Generation. Wie sehen Sie das?
Die Idee bei der 2. Säule ist das Kapitaldeckungsverfahren: Während der Erwerbszeit wird Geld für die eigene Pension angespart und angelegt. Die Rentner sollten ihr eigenes Altersguthaben nicht überziehen. Das gelingt wegen der Situation an den Kapitalmärkten und der steigenden Lebenserwartungen nicht mehr. Die letzten fünf Lebensjahre müssen die Pensionskassen auf Kosten der Aktiven bezahlen. Dies widerspricht dem Sinn und Geist der beruflichen Vorsorge. Angesichts dieses Systemfehlers sollte der Umwandlungssatz entpolitisiert, sprich automatisch an die steigende Lebenserwartung angepasst werden – dem würde Herr Bundesrat Berset aber kaum zustimmen.

Warum hört man kaum Junge bei der Debatte der Altersreform? Sind die Generationen Y und Z unpolitisch?
Nein, denn viele Themen, mit denen sich auch Junge auseinandersetzen, sind in irgendeiner Form politisch. Ohnehin nerven mich die Zuschreibungen, mit denen man Junge heute versieht. Die Rede ist von der «Generation Praktikum» oder der «Generation Maybe». Man kann doch nicht alle in einen Topf werfen. Klar ist, dass sich meine Generation vielen Herausforderungen gegenübersieht – von der Digitalisierung bis zu neuen Arbeitsformen. Solche Dinge betreffen Junge vielleicht unmittelbarer als die Rentenreform. Man kann sich auch nicht für alles gleich stark interessieren.

In einem Beitrag im «Schweizer Monat» schrieben Sie, dass es kein Zufall ist, dass etwa Emmanuel Macron oder die Operation Libero Jüngere erreichen. Warum?
Macron oder die Operation Libero in der Schweiz zeigen, dass sich viele Junge durch die traditionellen Parteien nur schlecht vertreten fühlen. Die Fragen sind heute so komplex, dass selten nur eine Partei die richtige Antwort hat. Viele Themen können parteiübergreifend angegangen werden – ohne dass man sich einer Parteidoktrin unterwerfen müsste.

*Salomè Vogt ist Politologin und leitet bei Avenir Suisse den Bereich Avenir Jeunesse.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Evita77 am 11.07.2017 10:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverschämte Frage

    Was ich mit meiner hart erarbeiteten Freizeit mache nach meiner Pensionierung geht die gute Frau, milde gesagt, einen Dreck an. Nur schon der Titel ist unverschämt. Muss man bald anmelden was man in der Freizeit macht? Man kann froh sein wenn man gesund und fit in den Ruhestand gehen kann und noch ein paar gute Jahre hat. Und die wollen sie uns jetzt auch noch klauen?

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  • Labdi am 11.07.2017 11:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm..

    Länger als 65 arbeiten ist absoluter Schwachsinn. Das behebt das Problem nicht. Je länger gearbeitet wird, desto später werden diese Stellen neu besetzt. Folge: Noch mehr Arbeitslose. Somit werden die Kosten lediglich verschoben.

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  • Theorie & Praxis am 11.07.2017 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne mich

    Ich wandere vorher aus, arbeite bestimmt nicht mit 65+. Als ob man nicht 20 jahre geniessen kann ohne arbeit in der pension

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anna Meier am 13.07.2017 19:58 Report Diesen Beitrag melden

    Schlagworte oder Verantwortung?

    Viele verhalten sich nicht mehr sozial. Man tritt Verantwortung an AGBs ab und lässt sich den Lohn so auszahlen, dass nur noch auf einem kleinen Teil Sozialabzüge abgezogen werden. So gehen den Kassen Millionen verloren. Die Kassen sind noch nicht leer, aber die Prognosen der Egoisten werden schwärzer. Abzüge für Junge sollten gleich hoch sein, wie die der älteren Arbeitnehmer. 30 - Jahre Pension? No Problem: Gebiss putzen (kein Geld für Zahnarzt), Enkel hüten (kein Geld für Ferien), abstimmen gehen (kein Geld für Chat-Equipment), im Garten buddeln (kein Geld für Sushi-Lunch) usw.

  • Oliver R. am 12.07.2017 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht leisten?

    Solange wir Millionen, mit der Giesskanne, in der Weltgeschichte verteilen; solange wir diverse NGO's unterstützen; solange wir uns einen so grossen Politapparat leisten, können wir uns ohne Probleme und Sorgen die AHV leisten. An sonst halt anfangen zu sparen, siehe Textanfang.

  • Ernst Ruetimann , Trang am 12.07.2017 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    30 Jahre Pensionierung !!

    liebe junge Frau ; ich kann leider nicht in die Zukunft blicken , aber etwas aus der Vergangenheit berichten . Als Vater mit 66 verstarb , schwor ich mir , auf keinen Fall bis 65 zu Malochen und dann darauf die Loeffel abzugeben . Also ging ich mit 55 in Pension und wanderte aus .-Das hatte natuerlich seinen Preis : bekomme ich doch eine um 21.5% reduzierte AHV . Dann starb eine Schwester mit 64 Jahren , ein paar Wochen vor der AHV - was mich wieder in meiner Entscheidung bekraeftigte . Mutter verlies uns mit knapp 80 ; jahrelang im Pflegeheim nach einem Schlaganfall .-

  • Igel am 12.07.2017 07:35 Report Diesen Beitrag melden

    Abzüge

    Wenn das Pensionsalter höher geschraubt wird und die Leute vorher entlassen werden, weil angeblich zu Alt werden Automatisch die AHV Renten gekürzt und es werden kleinere Prämien ausbezahlt. Oder wer das noch kann bezahlt seine AHV bis erreichen aus der eigenen Tasche weiter.

  • Peter am 11.07.2017 15:14 Report Diesen Beitrag melden

    Völlig neue Strukturen

    Ich bin froh, dass das Mädchen darüber nachdenkt. Aber 10 Jahre Zeit zugewinnen ist nicht falsch. Nur in dieser Zeit muss ein riesen Wandel durch die Gesellschaft gehen. Das Parteiensystem kommt aus dem vorletzten Jahrhundert. Der Klassenkampf ist vorbei und auch die rein Kapitalistische Struktur ist nicht mehr zu halten. Wir brauchen eine Umverteilung der Güter und Interessen. Ein Grundeinkommen wäre ein Ansatz. Die Menschen sind sehr unterschiedlich, Es sollte aber alle in Würde leben können. Die fixen Regelungen müssen fallen und sollten einer flexiblen Lösung Platz machen.