Getöteter Asylbewerber

13. Oktober 2017 22:48; Akt: 13.10.2017 22:48 Print

«Wir fordern Gerechtigkeit von der Schweiz»

Die Familie des Asylbewerbers, der im Tessin von der Polizei erschossen wurde, verlangt Antworten von den Behörden. Der Mann sei ungefährlich gewesen.

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Die Familie des 38-jährigen Asylsuchenden S.K. aus Sri Lanka, der am 7. Oktober in Brissago TI von einem Polizisten erschossen wurde, verlangt nach Antworten der Behörden. «Wir wollen Antworten der Schweizer Regierung. Sie muss wissen, dass ihre Entscheidungen auch unsere Zukunft betreffen», sagt seine Frau in einem Interview mit einer sri-lankischen Zeitung.

Wie die Tessiner Polizei mitteilte, wurde sie in der Nacht auf den 7. Oktober kurz vor 2 Uhr wegen einer Auseinandersetzung unter zwei Asylsuchenden alarmiert. Vor Ort sei S.K. auf die beiden Asylbewerber losgestürmt und habe mit zwei Messern herumgefuchtelt. Zum Schutz der Anwesenden habe ein Polizist auf den Mann geschossen und ihn dabei tödlich verletzt.

«Er wurde verfolgt»

«Er war sanft und hilfsbereit», sagt seine Schwester im Interview. Nach dem Tod der Eltern sei er zum Familienoberhaupt geworden. Er sei freundlich und hilfsbereit gewesen und habe nie Probleme gehabt. «Er war ein ruhiger Mensch, der morgens zur Arbeit ging und abends wieder zurückkam. Aber er wurde verfolgt. Wir hatten grosse Angst. Deshalb beschlossen meine Mutter und mein Onkel, ihn in die Schweiz zu schicken.»

Die Flucht sei nötig geworden, weil der Mann als Tamile in Sri Lanka von den Behörden verfolgt worden sei und es Mordversuche gegeben habe. Tamilen sind eine Minderheit im buddhistisch geprägten Sri Lanka. Seit Jahrzehnten tobt ein Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen, in dessen Verlauf es zu mehreren Pogromen gegen die Tamilen kam.

Vier Brüder und fünf Schwestern

Zwischen 1983 und 2009 herrschte im Inselstaat ein Bürgerkrieg zwischen den als «Tamil Tigers» bekannten tamilischen Separatisten und der Regierung. Ihm fielen bis zu 100'000 Personen zum Opfer. Auch nach dem Ende des Krieges sind die Spannungen gross. Die Eltern von S.K. sollen gegen Ende des Krieges im Bürgerkrieg gestorben sein.

Der 38-jährige S.K. hatte mit seiner Frau zwei Töchter im Alter von 16 und 20 Jahren. Zudem finanzierte er den Lebensunterhalt seiner Schwester, die nach einem Unfall verwitwet war. Bekannte beschreiben ihn der Zeitung gegenüber als verantwortungsvollsten seiner vier Brüder. Zudem hatte er fünf Schwestern. Die Flucht in die Schweiz sei möglich gewesen, weil er den Schmuck seiner Frau und seiner Schwester verkauft habe, so seine Schwester.

Die Frau von S.K. sagt, ihr Mann sei fortgegangen, um am Leben zu bleiben und für die Familie sorgen zu können. «Wer denkt nun an uns?», so die Frau. Nur Stunden vor seinem Tod habe sie noch mit ihrem Mann telefoniert. «Wir sprachen über unser Land und die Arbeit. Er fragte, wie es uns gehe. Er war wie immer.»

«Wir fordern Gerechtigkeit»

Im Internet hätten sie schliesslich von seinem Tod erfahren. Tamilische Medien hätten darüber berichtet. Als S.K. nicht ans Telefon gegangen sei und sie genauer recherchiert hätten, sei Gewissheit eingetreten. «Er hatte mit niemandem Probleme. Er war nicht gewalttätig und auch kein Terrorist», sagt sein Bruder im Interview. «Wir können nicht glauben, dass er auf diese Weise gestorben ist.»

Die Familie will nun in die Schweiz reisen und hat bei der Schweizer Botschaft um ein Visum gebeten. Im Tessin wollen sie ihrem getöteten Verwandten eine Stimme geben. «Wir haben die Person verloren, die unser Leben ermöglicht. Wir fordern Gerechtigkeit.»

(tio.ch/ehs)