Gangnam-Sisters

11. Februar 2013 07:13; Akt: 11.02.2013 10:00 Print

«Im Gefängnis mussten wir um Wasser betteln»

von Andreas Bättig - Isabelle und Silvia Braham sollen an Silvester in New York auf einem Polizeiauto getanzt haben. Danach wurden sie verhaftet. Nun äussern sich die beiden erstmals zum Vorfall.

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Während die meisten an Neujahr feierten, sassen Isabelle (24) und Silvia (22) Braham in einer New Yorker Gefängniszelle. Sie wurden in der Nacht auf den 1. Januar festgenommen, weil sie auf einem Polizei-Auto herumgehüpft sein und es so völlig demoliert haben sollen. Die «New York Post» nahm die Geschichte auf und behauptete, dass die beiden den berühmten Gangnam-Style auf dem Polizeiauto getanzt hätten. In der Schweiz sorgten sie deshalb bald als Gangnam-Girls für Schlagzeilen.

Ihr habt lange Zeit geschwiegen und euch abgeschottet. Ihr habt zudem eurem Anwalt befohlen, nicht mit den Medien zu sprechen. Warum geht ihr nun trotzdem an die Öffentlichkeit?
Isabelle Braham: Wir wollen unseren Namen reinwaschen. Es wurde viel Falsches über uns geschrieben.
Silvia Braham: Die Leute sollen die ganze Wahrheit erfahren, denn wir sind unschuldig.

Dann habt ihr an Silvester nicht auf einem Polizeiauto den Gangnam-Style getanzt?
Silvia Braham: Absolut nicht. Wir waren weder auf einem Polizeiwagen noch sonst auf einem Auto.
Isabelle Braham: Dass wir den Gangnam getanzt haben sollen, ist ebenfalls frei erfunden. Die «New York Post» hat sich dies nur ausgedacht, damit sich die Story besser verkaufen lässt.

Was ist dann am 31. Dezember in New York passiert?
Isabelle Braham: Wir waren in den USA, weil wir dort Verwandte haben. In New York selber wollten wir die legendäre Neujahrsfeier miterleben. Vor Mitternacht waren wir in der Ninth Avenue. Dort war es sehr voll, überall standen Polizisten. Wir wollten den kleinen berühmten Ball sehen, der ja beim Times Square herunterkommt und das Neujahr einläutet. Kurz vor Neujahr wurde die Stimmung immer aufgeladener und das Gedränge immer grösser. Aus der feiernden Masse wurde ein richtiger Mob. Um uns herum standen viele Menschen, wir konnten nicht weg. Wir hatten Angst. Wir wurden dann vom Mob gegen das Auto gedrückt.

Ein Polizeiauto?
Silvia Braham: Nein. Es war ein schwarzer Personenwagen. Ein Polizeiauto haben wir nie gesehen. Irgendwann sahen wir, wie die Menschen auf dieses Auto stiegen und auf dem Dach wild herumhüpften. Wir standen die ganze Zeit hinter und mit dem Rücken zu diesem Auto. Das Auto lag nicht in unserem Blickfeld. Wir waren weder auf diesem Auto, noch haben wir es in irgendeiner Weise demoliert. Dann ging alles ganz schnell. Zwei Unvercover-Polizisten kamen auf uns zu und schrien: «Who fucking made this?» Sie haben uns sofort gepackt und auf den Boden geworfen. Uns wurden auch gleich Handschellen angelegt.

War es ein ziviles Polizeifahrzeug?
Silvia Braham: Das habe ich die Polizisten mehrmals gefragt. Aber dies wurde nie bestätigt.

Warum haben sie ausgerechnet euch und nicht die anderen verhaftet?
Isabelle Braham: Die anderen sind in der Zwischenzeit geflohen, vermute ich. Es waren ja nur die beiden Polizisten da. Und weil wir gleich hinter dem Auto standen, haben sie einfach uns verhaftet.

Wie haben denn die anderen Menschen um euch herum reagiert? Haben die nicht gesagt, dass die Polizei die Falschen beschuldigte?
Isabelle Braham: Nein. Das ist ja das Schlimme. Niemand hat das interessiert.

Wart ihr betrunken?
Beide: Nein.

Wie ging es dann weiter?
Silvia Braham: Wir wurden sofort Streifenpolizisten übergeben. Ich habe den Polizisten gefragt, was wir den verbrochen hätten. Der schrie aber nur «Shut the fuck up» zurück. Ausserdem sagten sie, dass hier überall Kameras seien, die alles genau aufgezeichnet hätten.
Isabelle Braham: Über die Tatsache mit den Kameras haben wir uns zuerst ja noch gefreut. Wir dachten, dass die Kameras unsere Rettung sind. Dass sie zeigen würden, dass wir unschuldig sind.
Als wir im Polizeiauto am demolierten PW vorbeifuhren, sagte einer der Polizisten, dass wir uns anschauen sollten, was wir gemacht hätten. Das Auto sah wirklich schlimm aus. Das Dach war eingedrückt.
Silvia Braham: So etwas würden wir nie tun. Wir waren noch nie mit dem Gesetz in Konflikt.

Was passierte auf dem Polizeirevier?
Isabelle Braham: Uns wurde alles weggenommen: Pässe, Geld, Handy. Danach wurden Fingerabdrücke abgenommen, unsere Iris gescannt und Fotos gemacht. Wir kamen dann ohne Befragung in eine Zelle - zusammen mit einer illegalen Einwanderin und einer Strassenhändlerin ohne Genehmigung. Dort blieben wir die nächsten 10 Stunden.
Silvia Braham: Es war schlimm. Wir mussten um Wasser betteln.

Inwiefern?
Isabelle Braham: Ein Polizist sagte, dass diesmal die Schweiz dran sei. Jetzt würden es die USA mal der Schweiz zeigen. Danach kamen wir in eine andere Zelle mit noch mehr Frauen. Schlussendlich kamen wir nach 18 Stunden wieder frei.

Dann kam es am 1. Januar zur ersten Gerichtsanhörung.
Isabelle Braham: Ja. Wir hatten an dem Tag zwei Pflichtverteidiger. Sie wollten, dass wir uns schuldig bekennen. Aber das haben wir nicht getan, da wir unschuldig sind. Der ganze Spuk vor Gericht dauerte wenige Sekunden. Dann bekamen wir einen Termin am 4. Januar.

Was war mit den Videoaufnahmen?
Silvia Braham: Die wurden nie gezeigt.

Wie verhielt sich das Schweizer Konsulat in dieser Angelegenheit?
Isabelle Braham: Die waren zwar nett, konnten uns aber auch nicht gross weiterhelfen. Wir bekamen eine Liste mit Anwälten, die wir kontaktieren konnten.

Wie verlief der zweite Termin am 4. Januar?
Isabelle Braham: Noch schlimmer. Mein Pflichtverteidiger kam zwei Stunden zu spät. Als wir draussen auf ihn warteten, haben wir den Aufruf des Richters verpasst. Der war danach stinksauer. Als wir reinkamen, hat der Richter den Reporter der «New York Post» zu sich gerufen. Dann wurden von uns etwa 100 Fotos mit Blitz geschossen. Ich war schockiert. Schlussendlich bekamen wir nochmals einen neuen Termin für den 4. April.

Danach wart ihr berühmt. Die «New York Post» hatte eure Namen und das Bild aus dem Gericht publiziert. So habt ihr auch in der Schweiz für Schlagzeilen gesorgt. Wie habt ihr davon erfahren?
Isabelle Braham: Wir haben es im Internet gesehen. Ich dachte, mein Leben ist zerstört. Vor allem, weil unsere vollen Namen und das Bild publiziert wurden.
Silvia Braham: In dieser Zeit habe ich auch fieberhaft nach einem Strafverteidiger gesucht und zum Glück einen guten gefunden. Der hat uns dann am 8. Januar vor der Anhörung der Bezirks-Staatsanwältin von Manhattan gut vertreten.

Da konntet ihr einen Deal aushandeln, richtig?
Isabelle Braham: Nein, wir haben unsere Pässe zurückbekommen und bekamen die Auflage, dass wir in den USA die nächsten sechs Monate nicht straffällig werden dürfen. Nur dann wird die Anzeige zurückgezogen. Die Staatsanwältin sah ein, dass ich zurück musste, um mein Studium fortzusetzen.

Aber ihr musstet eine Busse zahlen.
Isabelle Braham: Es ist kein Geld geflossen.

Wie viel habt ihr für den Anwalt bezahlt?
Isabelle Braham: Das möchten wir nicht sagen.

Nun seid ihre beide zurück in der Schweiz. Wie hat euer Umfeld auf die Geschichte reagiert?
Isabelle Braham: Eigentlich ziemlich locker. Auch an der Uni gab es keine Probleme. Die meisten haben mich in den Arm genommen und gefragt, was die Amis bloss mit uns gemacht hätten. Wir haben auch viele SMS bekommen. Alle glauben, dass wir unschuldig sind.

Ihr wolltet eure Geschichte ja noch vergolden und habt Geld für ein Exklusivinterview gefordert.
Isabelle Braham: Das war eine Schnapsidee. Bekannte sagten nur, dass wir so viel Schlimmes erlebt hätten und dass wir daraus vielleicht Geld machen könnten. Diese Idee haben wir aber schnell wieder verworfen, schliesslich haben Sie ja für dieses Interview auch nichts bezahlt.

Werdet ihr je wieder in die USA reisen?
Isabelle Braham: Ja, irgendwann sicher. Wir haben keinen Groll gegenüber den USA. Wir haben eher Angst, dass uns so etwas nochmals passiert. Schlussendlich weiss man es nicht.

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