Vinyl-Baby

23. April 2014 13:04; Akt: 24.04.2014 09:19 Print

«Wir raten vom Einsatz von Puppen ab»

Eine Mutter «ersetzte» ihr verstorbenes Kind durch eine Vinyl-Puppe, ein so genanntes Reborn-Baby. Psychotherapeutin Swantje Brüschweiler warnt vor dem Verdrängen der Tatsachen.

Fehler gesehen?

Frau Brüschweiler, hilft ein Reborn-Baby über den Tod eines Kindes hinweg?
Ein Ersatzobjekt wie eine Puppe kann im Notfall eine Zeit lang helfen, den Schock überhaupt zu überleben, in dem man an einer nicht mehr vorhandenen Realität festhält, also «so tut als ob».

Warum tun Eltern das?
Der Wunsch nach Beziehung zum Kind wird dabei deutlich. Es ist hilfreich, die Betroffenen zu unterstützen, wie sie auf Dauer die Beziehung zum verstorbenen Kind anstatt zur Puppe gestalten können.

Eine Beziehung zum verstorbenen Kind – wie meinen Sie das?
Es ist für den weiteren Trauerprozess sehr hilfreich, wenn gleich nach dem Tod mit dem Kind noch möglichst viel Kontakt bestehen kann, um die Beziehung zum realen Kind zu festigen. Im Zusammensein – das verstorbene Kind halten, waschen, anziehen, fotografieren –, aber auch mit symbolischen Handlungen. So wird der Tod greifbarer, was für den folgenden Prozess sehr hilfreich ist.

Wie können diese Handlungen aussehen?
Zum Beispiel Briefe schreiben, den Sarg und das Grab gestalten oder Spielzeug auf den Weg mitgeben. Weiter hilft, darüber zu sprechen, das Kind in Erinnerung und die Beziehung lebendig zu halten. Dabei können auch selbst geschaffene Rituale im Alltag und zu speziellen Anlässen hilfreich sein. Für Paare oder Familien kann es hilfreich sein, gemeinsame Trauerrituale zu schaffen, wie zum Beispiel abends gemeinsam aus einem Buch zu lesen. Es gibt spezielle Bilderbücher, die Geschwistern und Eltern helfen können, sich mit dem Thema Tod kindgerecht auseinanderzusetzen.

Also ist eine Puppe nur eine Notlösung?
Wir Fachpersonen raten vom Einsatz der Puppen ab, da sie das Akzeptieren des definitiven Todes verhindern, was für eine gesunde Trauerentwicklung nötig ist.

Wie erklären Sie sich, dass die Mutter die Gespräche mit der Psychologin nicht hilfreich fand?
Es gibt viele Fachpersonen wie Psychologen, Ärzte und Hebammen, die im Umgang mit dem Thema Kindstod oder Trauer allgemein wenig Erfahrung haben. Deshalb ist es auch für Fachpersonen, die mit der Thematik in Kontakt kommen, wichtig, sich weiterzubilden, zu informieren oder sich Unterstützung bei der Fachstelle zu holen. Wir von der Fachstelle haben noch nie erlebt, dass unser Angebot nicht hilfreich war. Betroffene, welche eine fachgerechte Trauerbegleitung erhalten, erleben dies eigentlich immer als hilfreich und unterstützend.

Womit sehen sich Mütter nach einem Kindstod konfrontiert?
Mit unterschiedlichen, heftigen und teilweise als nicht bewältigbar erlebten Gefühlen und Gedanken wie unfassbarer Trauer, innerer Leere, Einsamkeitsgefühle, Akzeptieren der neuen Realität, Schuldgefühle – auch wenn keine reale Schuld besteht.

Gibt es da einen Unterschied, ob man schon ein Kind hat oder ob das erste verstirbt?
Stirbt das Kind früh, zum Beispiel im Mutterleib, bei oder kurz nach der Geburt, ist der Rollenfindungsprozess schwierig: Sie sind Eltern, das Umfeld und sie selbst nehmen sich so wahr – aber es ist kein lebendiges Kind da. Das stellt ihre Identität in Frage. Eine Lebensaufgabe fällt weg und hinterlässt auch im Tagesablauf eine grosse Leere.

Wie sollte man als Angehöriger oder Verwandter reagieren?
Jeder Tod eines Kindes ist einzigartig und tragisch, da gibt es nicht «schlimmere» und «weniger schlimme» Varianten. Es kann für die Eltern sehr verletzend sein, wenn sie zu hören bekommen: «Es ist ja nicht so schlimm, ihr habt ja noch eines», oder: «Es war ja noch klein, ihr könnt ja bald wieder eines bekommen». Es ist hilfreicher, die Betroffenen in ihrer Trauer zu unterstützen, anstatt die Situation zu verharmlosen. Man kann die Betroffenen auch ermuntern, sich fachliche Unterstützung zu holen.

Wie können Eltern den Verlust überhaupt überwinden?
Viele Betroffene haben gute eigene Ressourcen und ein stützendes Umfeld. Trotzdem kann es in diesem speziellen Trauerfall nötig und hilfreich sein, sich fachliche Unterstützung zu holen, zum Beispiel bei in dieser Thematik speziell
ausgebildeten Fachpersonen.

(num)