Vierfachmord von Rupperswil

07. März 2018 16:35; Akt: 07.03.2018 18:12 Print

«Ich schaute Carla S. am Bancomaten in die Augen»

von Jennifer Furer - Der Vierfachmord überschattete die 5000-Seelen-Gemeinde im Dezember vor zwei Jahren. Wie gehen Rupperswiler heute damit um?

Über den Vierfachmord von Rupperswil hat 20 Minuten einen Dokumentar-Film gedreht. (Video: Murat Temel und Jennifer Furer)
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Es ist ein kalter Februarmorgen. Wolken ziehen über das idyllische Rupperswil im Kanton Aargau. Die Sonne drückt gelegentlich durch die Wolken und erhellt die Baumkronen im Wald am südöstlichen Rand der 5000-Seelen-Gemeinde. In dieser grünen Landschaft lebten die 48-jährige Carla S., ihre beiden Söhne Dion (19) und Davin (13) sowie Carlas Lebenspartner in einem weissen Einfamilienhaus.

Heute erinnert fast nichts mehr daran, dass hier eines der grausamsten und unfassbarsten Verbrechen der Schweiz stattgefunden hat. Nur noch eine blaue Kerze in einem Topf vor einem der Fenster, das mit blauen Rollladen verdunkelt ist, erinnert an die Tat.

Rupperswil-Reportage

«Es ist gut, dass die Tat nicht vergessen geht»

Dass wenig an die Tragödie erinnert, heisst nicht, dass die Rupperswiler sie verdrängen oder vergessen wollen. Es ist ein Versuch, in die Normalität zurückzukehren und damit zu leben, dass jemand aus der eigenen Mitte die Leben von Carla S., Davin, Dion und seiner Freundin Simona F. auf grausame Art beendet hat.

In Rupperswil ist das Thema aber immer noch präsent. «Klar, sprechen die Leute noch darüber, und es ist auch gut, dass es nicht vergessen geht. Die Tat ist für mich noch so nah und die Trauer nicht überwunden», sagt eine ältere Dame, die mit ihrem Hund spazieren geht.

«Es kann überall passieren»

Ein junger Tiroler ist vor sechs Monaten ins Dorf gezogen. Der Vierfachmord sei immer wieder Gesprächsstoff. «Für mich war die Tat aber kein Grund, nicht hierher zu ziehen. So etwas kann überall passieren.» Dennoch sei seit der Tat, eine gewisse Unsicherheit aufgekommen, sagt ein 15-jähriger Jugendlicher: «Wir haben beschlossen, die Tür jetzt immer abzuschliessen.» Obwohl bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt, wollen die Rupperswiler auch wegen dieser Unsicherheit den Täter lebenslang wegsperren. «Ich hoffe, dass er nie wieder frei herumlaufen wird», sagt der junge Mann.

In der kleinen Gemeinde, in der sich die Leute kennen und man sich auf der Strasse grüsst, ist der Wunsch zu spüren, das Thema nicht mehr in den Mittelpunkt von Rupperswil zu stellen. Viele, die auf die Tat angesprochen werden, weichen aus oder wollen nicht darüber sprechen. Ein Mann, der in der Nähe des Bahnhofs ein Geschäft betreibt, glaubt, den Grund zu kennen: «Es ist halt immer noch ein sehr schlimmes Thema für die Rupperswiler.»

Haus des Täters neu bewohnt

Besonders im Quartier, wo sich das Drama zugetragen hat, wird spürbar, dass die Tat immer noch in den Köpfen der Menschen ist, aber die Anwohner versuchen, das Thema nicht mehr so nah an sich heranzulassen. Anwohner haben Schilder angebracht, auf denen «Privatweg» steht, damit der Zugang zu ihren Haustüren etwa für neugierige Journalisten erschwert ist.

Ein solches Schild steht auch vor dem ehemaligen Haus des Täters, dem 33-jährigen Rupperswiler Thomas N., das nur wenige Hundert Meter vom Tatort liegt. Inzwischen lebt in diesem Haus eine sechsköpfige Familie. Vor der Tür liegen Schuhe, Storen verdecken die Sicht ins Haus, und ein brauner Zaun lässt keinen Blick auf den Garten zu. Wie es scheint, wünschen sich die Rupperswil die Normalität zurück. Im Hinblick auf den Prozess gegen Thomas N., der auf breites Interesse stösst, wird dies noch Zeit in Anspruch nehmen.

Rupperswilerin begegnete Carla S. am Tag der Tat

Auch die Orte, die mit dem Verbrechen in Verbindung stehen, lassen sich nicht einfach entfernen und erinnern an die brutale Tat. Man müsse lernen, mit dem umzugehen, sagt die Rupperswilerin V. R.* Sie wird besonders an das Verbrechen erinnert, wenn sie im Dorfzentrum an der Hypothekarbank vorbeigeht. Es ist jener Ort, an dem Carla S. Geld für den Täter abheben musste. R. begegnete dort Carla S. am Tag der Tat und schaute ihr in die Augen. «Ich wusste nicht, dass sie in Gefahr ist. Als ich im Nachhinein erfuhr, was passiert war, war ich schockiert. Es tut mir unendlich leid für sie.»

Nur wenige Hundert Meter von der Bank entfernt steht das Gemeindehaus von Rupperswil. Dort wirkt Rudolf Hediger als Gemeindeammann. Mit dunkelblauem Anzug, weissem Hemd und Krawatte sitzt er im Sitzungszimmer. Er wirkt nachdenklich, wenn er über den Vierfachmord von Rupperswil spricht. Die Tat hat auch beim obersten Rupperswiler Spuren hinterlassen. Dennoch sagt er, dass es der Gemeinde gelungen sei, stückweise in die Normalität zurückzukehren: «Im Verlauf der Zeit kamen neue Themen auf, Probleme, die die Gemeinde beschäftigen, beispielsweise das Wachstum von Rupperswil. Trotz der Trägodie ziehen immer mehr Leute in die Gemeinde. Durch neue Anforderungen, mit denen man sich beschäftigen muss, fällt es auch etwas leichter, von einer solch schrecklichen Tat Abstand zu nehmen.»

Laut Hediger hat die Tat den Rupperswilern aber klar zu denken gegeben: «So ein Verbrechen stimmt einen nachdenklich. Man betrachtet das Leben danach anders. Und einem wird ganz klar bewusst, dass eben doch das Leben das Wichtigste ist. Man lernt, dass man sich manchmal einfach zurücknehmen und Sachen gelassener angehen muss.» Obwohl die Tat für Hediger und die Gemeinde ein grosser Prüfstein gewesen sei, sei die Seele von Rupperswil nicht angeschlagen. «Das Leben geht auch hier weiter, und Rupperswil ist und bleibt ein lebenswertes Dorf.»

*Name der Redaktion bekannt.