Kunstaktion in Istanbul

03. Juli 2017 11:08; Akt: 03.07.2017 15:04 Print

«Wir stehen bereits auf Todeslisten»

Künstler Philipp Ruch steht hinter der Verteilung der Anti-Erdogan-Flugblätter. Er spricht über seine Motivation – und kündigt eine neue Aktion gegen Roger Köppel an.

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Herr Ruch, Sie haben via Fernsteuerung in Istanbul Flugblätter gegen Erdogan gestreut. Was haben Sie gegen den türkischen Präsidenten?
Er führt seit drei Jahren einen militärischen Krieg gegen die Kurden im Südosten der Türkei. Er hat sich zum Alleinherrscher per Referendum machen lassen. Er unterdrückt die kulturelle und intellektuelle Elite des Landes. Und er will die Todesstrafe wieder einführen. Kein Mensch mit einem Funken Vernunft wird Alleinherrscher. Die Entdeckung der Gewaltenteilung war vielleicht der entscheidendste zivilisatorische Fortschritte in der Menschheitsgeschichte.

Umfrage
Was halten Sie von der Aktion mit den per Fernsteuerung verteilten Flugblättern?
46 %
30 %
11 %
9 %
4 %
Insgesamt 7306 Teilnehmer

Stört es Sie nicht, dass Sie nun wohl nie wieder in die Türkei werden einreisen können?
Uns stört viel mehr, dass die Menschen im Land nicht mehr frei leben können und unterdrückt werden. Das Leitprinzip der Arbeit des Zentrums für Politische Schönheit ist die Uneigennützigkeit. Unser Wohlstand bringt gewisse Verpflichtungen mit sich. Wir stehen ja bereits auf Todeslisten von Rechtsextremisten (Franco A.). Jetzt kommen halt noch ein paar Irre dazu. Wenn wir inhaftiert oder getötet werden sollten, ist das ein guter Gradmesser für das Ende der Freiheit der Kunst. In so einer Welt kann ich mir ohnehin nicht vorstellen zu leben.

Auf dem Flugblatt steht, es sei mit Geldern des Freistaats Bayern und der Bundesregierung finanziert. Trifft dies tatsächlich zu, und hatten Sie vom Freistaat Bayern sowie der deutschen Bundesregierung schon ein Feedback zur Aktion von Istanbul?
Das Projekt «Scholl 2017» läuft seit einer Woche an den Münchner Kammerspielen. Es dürfte schwer werden für die bayerische Staatsregierung, den Diktatoren, zu denen der Ministerpräsident Bayerns doch so gern reiste, einerseits zu erklären, dass die Münchner Kammerspiele – das wichtigste Theater im gesamten Bundesland – nichts mit dem Freistaat zu tun haben, und auf der anderen Seite, dass man das Projekt mitsamt Staatswappen seit über einer Woche stillschweigend duldet. In dem Sinne haben wir eine grossartige Rückmeldung der bayerischen Staatsregierung erhalten: Man kann von begeisterter Anerkennung sprechen. Statt die Polizei vorzuschicken oder Websites zuzusperren, hat man uns machen lassen. Und jetzt sind wir in ihrem Auftrag in den Diktaturen unterwegs. Eigentlich sollte man jetzt darüber nachdenken, die Gelder für die Geheimdienste an uns umzuleiten. Schliesslich sind wir eine Art zivilgesellschaftlicher humanistischer Geheimdienst.

Planen Sie im Rahmen des «Scholl 2017»-Wettbewerbs weitere Aktivitäten in der Türkei?
Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns dazu derzeit nicht äussern werden.

Sie bezeichnen die Aktion in Istanbul als die bisher gefährlichste Aktion des ZPS. Wird sie die gefährlichste bleiben oder sind weitere, ähnlich gefährliche oder noch gefährlichere Aktionen in Planung?
Schauen Sie sich die Weltlage an. Es wird für uns alle mit Sicherheit brandgefährlich. Der anerkannte Historiker Timothy Snyder spricht davon, dass der einzige Plan Putins darin bestehe, Europa zu zerstören. Putin hat als erste Amtshandlung Völkermord in Tschetschenien begangen. Und das, nur um Wahlen zu gewinnen.

Werden Sie künftig auch in anderen Ländern tätig, beispielsweise Nordkorea?
Die Aktion war ein überwältigender Erfolg: Wir haben über 70 Kandidatinnen und Kandidaten, die in Diktaturen Flugblätter verteilen wollen. Das Zentrum für Politische Schönheit wird von 732 Fördermitgliedern getragen. Um unsere Pläne weiter in die Tat umzusetzen, brauchen wir etwa 2500 Fördermitglieder. Dann werden wir ganz grossflächig angreifen. Die Diktatur ist ein abstraktes und überzeitliches Phänomen. Und man kann es offenbar nicht besiegen, wie man nach dem Zweiten Weltkrieg glaubte, sondern nur zurückdrängen.

War die Anwendung der Installation mit dem ferngesteuerten Drucker eine einmalige Sache oder soll sie erneut zum Einsatz kommen?
Der Prototyp heisst «Churchill 1» und sollte technisch das Erbe der Weissen Rose ins Jahr 2017 heben. Das ist gelungen. Jetzt geht es um die Serienreife.

Sie haben durch Ihre Aktionen gegen Roger Köppel in der Schweiz Aufsehen erregt. Planen Sie in nächster Zeit auch mal wieder etwas in der Schweiz?
Ja. Und sie werden lachen: Es wird wieder eine Köppel-Aktion. In der Schweiz haben wir beschlossen, nur noch Köppel-Aktionen zu machen. Bis auch der Letzte versteht, dass es sich dabei um den von Blocher gesponserten Ziehsohn handelt, der diese völlig irrationale und für die Schweiz schädliche Politik auch noch in die 2020er-Jahre retten soll.

So lief die Aktion in Istanbul ab:


(Video: Tamedia/Zentrum für Politische Schönheit)

(lüs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Baumstamm am 03.07.2017 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    keine Unterstützung von mir

    Ein Irrer fühlt sich von Irren verfolgt! Was für eine Ironie.

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  • R. Krug am 03.07.2017 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin's langsam müde!

    Und wer schützt endlich das Volk von solchen Krawallbrüdern?

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  • Peter Pan am 03.07.2017 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    Kunstaktion wow

    Kunstaktion, aha. Dass passiert mir öfters, dass der Druck mein Papier auf den Boden semmelt. Bin ich jetzt auch Kunstaktivist?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • kurt am 03.07.2017 19:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    endlich jemand der es sieht wie es ist und was tut.

  • Daniel am 03.07.2017 18:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnfrei und erreicht zu wenige Vorort.

    Für mich ist das Werbung in eigener Sache und hat mit dem was er erreichen wollte nichts zu tun. Aleine auch Bayern und die Bundesregierung in den Zusammenhang zu bringen ist unglaublich. So zündet man Feuer an, oder giesst Öl dazu.

  • John KIpkoech am 03.07.2017 17:18 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Kunst

    Ich störe mich daran dass man Philpp Ruch als "Künstler" bezeichnet. Die Aktion hat nichts mit Kunst zu tun, sie ist ein (berechtigter) politischer Aufschrei.

  • Erdogo am 03.07.2017 17:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tatsache

    Seht es ein, das Volk hat ihn gewählt Punkt! Das Land ist Souverän Punkt! Ihr habt dort gar nichts zusagen Punkt! Ihr wollt auch nicht das EU Über uns entscheidet! Also hoffentlich wird er erwischt und erhält die höchststraffe wegen einmischung innerer Angelegenheiten!

  • Pegasus77 am 03.07.2017 17:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Verständnis

    Was soll das Gejammer, er wusste genau was er tat.

    • Adrian am 04.07.2017 18:17 Report Diesen Beitrag melden

      Vielleicht wusste er es nicht

      Jemand der möglicherweise nicht mehr urteilsfähig ist eben nicht.

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