Höhere Grenzwerte

13. April 2016 07:05; Akt: 13.04.2016 07:05 Print

Ärzte wollen Kinder vor Handystrahlen schützen

von Nikolai Thelitz - Im Parlament wächst der Druck, stärkere Mobilfunkmasten zuzulassen. Ärzte warnen vor Gesundheitsfolgen, besonders bei Kindern.

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Das Schweizer Mobilfunknetz kommt durch den massiv angestiegenen Datenfluss ans Limit: Laut Anbieterangaben laufen bereits jetzt 6000 der insgesamt rund 15'000 Mobilfunkanlagen an der Grenze der zulässigen Strahlungswerte. Eine Motion der Fernmeldekommission fordert deshalb, die Grenzwerte umgehend zu erhöhen. Der Bundesrat empfiehlt die Motion zur Annahme, das Parlament muss darüber noch abstimmen.

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Soll der Grenzwert für Strahlung von Mobilfunkantennen angehoben werden?
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Gegen diese Pläne laufen nun die Ärzte für Umweltschutz (Aefu) Sturm: «An der Öffentlichkeit vorbei wird im Parlament durch Lobby-Arbeit versucht, die Grenzwerte für Mobilfunkanlagen in der Schweiz zu erhöhen», sagt Aefu-Geschäftsleiter Martin Forter. Er warnt vor den Gefahren der Handystrahlung. Diese könnten die Hirnströme und die Gehirndurchblutung beeinflussen, die Spermienqualität reduzieren und Erbinformationen destabilisieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufe Handystrahlung als möglicherweise krebserregend ein. Deshalb fordert Forter: «Keine Erhöhung der Grenzwerte bei Mobilfunkanlagen.» Ungeborene, Säuglinge, Kinder und Jugendliche seien besonders gefährdet, weil Körper und Gehirn noch in Entwicklung begriffen seien.

Schädlichkeit nicht belegt

Der Bundesrat hat in einem Bericht von letztem Jahr festgehalten: «Der einzige für den Menschen schädliche Effekt von Mobilfunkstrahlung, der wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesen ist, ist die Erwärmung des Körpergewebes infolge der Absorption der Strahlung.» Davor würden die aktuellen Grenzwerte für Handys schützen.

Für die «wesentlich schwächere» Belastung durch Mobilfunkantennen fehlten aussagekräftige Langzeituntersuchungen, laut WHO würden Studien bisher nicht auf ein erhöhtes Krebsrisiko hinweisen. Das beruhigt Forter nicht. «Es ist noch zu früh, um Entwarnung zu geben, heben wir nun die Grenzwerte an, gehen wir ein völlig unnötiges Risiko ein.»

Trotz fehlender Beweise: Laut einer Studie des Bundesamtes für Statistik schätzt etwas mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung die Strahlung von Mobilfunkantennen als gefährlich oder eher gefährlich ein. Der Bund rechnet deswegen mit «Opposition von Teilen der Bevölkerung», wolle man die Grenzwerte anheben.

«Netflix im Zug, aber bloss keine Antenne am Haus»

Auch in der Politik ist die Anhebung der Grenzwerte umstritten: «Wir haben zehnmal tiefere Grenzwerte als zum Beispiel Deutschland, und dort hat man ja auch noch keine Auswirkungen festgestellt» sagt FDP-Ständerat Ruedi Noser. Verglichen mit dem Ausland sei die geplante Anhebung also moderat.

Ohnehin sei Handystrahlung höchstens dann bedenklich, wenn man das Gerät zum Telefonieren lange ans Ohr halte. «Die Jungen schreiben jedoch eher Nachrichten und surfen im Internet, wo man das Gerät weiter vom Kopf entfernt hält.» Die Strahlungsintensität nehme dadurch exponentiell ab. Dass sich die Bevölkerung gegen Handymasten wehrt, versteht Noser nicht: «Einerseits will jeder im Zug Netflix schauen können, aber andererseits bloss keinen Funkmasten in der Nachbarschaft haben.»

Innovation statt Strahlung

Gegen stärker strahlende Mobilfunkantennen ist SP-Nationalrat Thomas Hardegger. «Anstatt die Grenzwerte zu erhöhen, sollen die Mobilfunkanbieter lieber zusammenarbeiten und ihre Antennen teilen, dann bräuchten wir auch keine Kapazitätserhöhung.» Zudem sollten die Mobilfunkanbieter innovative Möglichkeiten prüfen. «Wenn wir die Grenzwerte nicht anheben, werden die Antennenhersteller dazu motiviert, weniger stark strahlende Antennen mit hoher Leistung zu entwickeln, was nur im Sinne der Bevölkerung sein kann.» In St. Gallen würden zum Beispiel kleine Antennen im Boden getestet, die nicht so stark strahlen und trotzdem eine gute Abdeckung ermöglichen würden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • max müller am 13.04.2016 07:28 Report Diesen Beitrag melden

    zum Nachdenken

    es gibt unabhängige Studien (auch aus D) welche die Auswirkungen von Mobilfunkstrahlungen auf die Bienenvölker belegen. Was ist wichtiger ? Menschen die den ganzen Tag Banalitäten in Apparate tippen, oder Bienen die direkt dafür sorgen dass eben diese Menschen auch noch was zu Essen haben. Und es komme mit jetzt bloss keiner mit der Floskel die Wirtschaft brauche dies....die Wirtschaft hat auch vorher gefunzt.

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  • CH am 13.04.2016 07:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tina

    Stets erreichbar ... Klar und wie immer wird es heissen: Für Mensch und Tier absolut bedenkenlos ... Wer's glaubt!!

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  • Bajud Farn am 13.04.2016 07:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bin gegen erhöhung

    Die Ignoranz von Herr Noser macht mich ein wenig wütend. Erstens behauptet er, dass "jeder im Zug Netflix schauen will". Wer will denn im Zug Netflix schauen? Ich kenne niemanden, und mir fällt auch höchstens Kinder mit ihren Eltern auf Feriensreisen ein, welche etwa 0.5% der Pendler bilden. Auch sagt er dass in DE noch "keine negativen Auswirkungen seit der Strahlenerhöhung gemessen" wurden. Diese Auswirkungen kommen ja auch nicht sofort, sondern bilden sich über Zeit. Studien belegen schon lange, dass das Krebsrisiko über die letzten Jahren stetig angestiegen ist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ja Aber am 14.04.2016 19:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was bringt

    Ein "Grenzwert" wenn man ihn dann immer nach oben korrigiert wenn es nötig ist?

  • Nadel Stich am 14.04.2016 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt erst..

    Ach was - und da wird immer behauptet, die Wellen / Strahlen seien unschädlich und bedenkenlos zu ertragen. Offensichtlich wird die Menschheit doch noch klüger!

  • BOTE am 14.04.2016 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist nicht das CO2!!!!!!!!!!!!!!

    Mikrowellen die der Mobilfunk nutzt heizen nicht nur Menschliches Gewebe auf. Sie erhitzen auch die Umgebung, zudem lassen sie Wasser verdampfen! Mal ein typischer Sommertag 36 Grad, 1 KmH Wind, 89% Luftfeuchtigkeit, der Boden Staubtrocken und die Sonne ist hinter einer dicken Masse aus keine Ahnung was versteckt. Ich habe auch noch nie einen Vogel auf einem Mast gesehen. Ist bestimmt zu heiß.

  • Willy Furter am 14.04.2016 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Erhöhung gegen Schlafqualität

    Meine Frau und ich sind ganz klar gegen eine Erhöhung. Eine Antenne auf unserem Nachbarhaus wurde erst vor wenigen Jahren ausgebaut. Seither schlafen wir in jedem Hotel besser als zu hause und haben dort auch weniger Kopfschmerzen. Die Mobilfunkanbieter sollen doch ihre Antennen gemeinsam betreiben; dann braucht es keine Kapazitätserhöhung. Meine Frau und ich haben Ruedi Noser die Stimme gegeben; das werden wir in Zukunft nicht mehr tun.

  • nidnormau am 14.04.2016 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    nidnormau

    Am besten die Masten auf dem Dach einer Schule montieren. Aber das ist ja schon geschehen.