Tanzende Schweizerinnen

08. Januar 2013 20:14; Akt: 09.01.2013 11:09 Print

USA lassen «Gangnam-Girls» nicht ausreisen

von Martin Suter, New York - Die Pässe der beiden Schweizerinnen, die in der Silvesternacht auf dem Dach eines Polizeiautos tanzten, sind eingezogen worden. Die Behörden beurteilen den Fall als Verbrechen.

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Das Gericht in New York entscheidet über die Zukunft der beiden Schwizerinnen. (Bild: Martin Suter)

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Eine Rückkehr in die Schweiz können die zwei festfreudigen Schwestern Emma* (22) und Leslie B. (23) vorderhand vergessen. Die zwei Thurgauerinnen, die auf dem New Yorker Times Square in der Nacht auf den 1. Januar das Dach eines Polizeiautos «Gangnam Style» demolierten, haben ihre Pässe abgeben müssen und dürfen die USA vorderhand nicht verlassen.

Den Beschluss zum Einzug der Pässe fällte ein Richter im Strafgericht von Manhattan am 4. Januar. Immerhin verzichtete er darauf, den zwei Frauen eine Kaution abzuverlangen. Wie es weitergeht, entscheidet nun die Staatsanwaltschaft. Der nächste Gerichtstermin wurde erst einmal auf den 4. April festgelegt.

Auto war «schwer verbeult und zerdrückt»

Die Vorwürfe in der Strafanzeige tönen nicht harmlos. Sie enthält die Zeugenaussage des Polizisten, dem das Polizeifahrzeug anvertraut war. Der Cop sagt: «Ich beobachtete, wie die Beschuldigten zusammen mit mindestens zwei weiteren, nicht festgenommenen Individuen auf dem Dach und der Motorhaube des Polizeifahrzeugs standen … und auf dem besagten Fahrzeug mit ihren Füssen und Schuhen mehrfach stampften und kickten.» Als Resultat sei das Dach und die Motorhaube des Autos «schwer verbeult und zerdrückt worden, die Windschutzscheibe brach und splitterte, und der Rückspiegel auf der Fahrerseite war fast vollständig abgebrochen und hing am Fahrzeug.»

Der nüchterne Polizist beschreibt, was Tanzen im «Gangnam Style» auf einem Autodach anrichtet. In der Sprache der Gesetze tönt es noch dramatischer: Entscheidend sei, dass ohne Berechtigung fremdes Eigentum beschädigt und ein Schaden von mehr als 250 Dollar angerichtet worden sei, heisst es in der Strafanzeige. Die Beschuldigten hätten sich «tumultartig und gewalttätig» verhalten, sie hätten riskiert, eine «öffentliche Beunruhigung» auszulösen.

Krimineller Unfug im dritten Grad

Die Strafanzeige wirft den zwei Schweizerinnen daher nicht nur ein leichtes Vergehen («misdemeanor»), sondern ein Verbrechen («felony») vor. Die drei Klagepunkte lauten: Krimineller Unfug im dritten Grad, Aufruhr im weiten Grad und ordnungswidriges Verhalten.

Nach Angaben des Schweizer Generalkonsulats in New York hatten die zwei Schwestern am Dienstag für eine Unterredung bei der Staatsanwaltschaft anzutraben. Über das Ergebnis des Gesprächs ist aber noch nichts bekannt. Die Schweizer Vertretung in New York berät die zwei Beschuldigten rechtlich und hat ihnen eine Liste mit Vertrauensanwälten übergeben.

Nur eine Busse?

Wenn die Staatsanwälte eine harte Linie fahren, werden sie in den nächsten Tagen und Wochen den Fall der zwei Schweizerinnen einer Anklagekammer - «Grand Jury» - unterbreiten. Dieses rund zwanzigköpfige Laiengremium kann offiziell Anklage erheben oder befinden, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft seien nicht ausreichend belegt.

Laut Kennern der Praxis vor amerikanischen Strafgerichten ist es allerdings auch denkbar, dass der Fall der «Gangnam-Style»-Schwestern vorgängig erledigt wird. Es könnte sein, dass die Staatsanwaltschaft ihre Klagepunkte reduziert oder sich in einem Vergleich mit einer Busse zufrieden gibt. Nicht zuletzt aus Kostengründen ist die US-Justiz in der Regel daran interessiert, dass möglichst viele Strafsachen ohne aufwendige Prozesse erledigt werden.

Bis sich die Staatsanwaltschaft entscheidet, sitzen Emma und Leslie B. jedenfalls in New York fest. Nur der Richter kann ihnen die Pässe wieder zurückgeben.

Haben Sie Informationen zu diesem Fall oder den Schweizerinnen? Dann schreiben Sie ein Mail an: feedback@20min.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Antonius am 09.01.2013 21:46 Report Diesen Beitrag melden

    Massloses Strafmass!

    War wohl eher Dämlichkeit als destruktive Absicht der beiden Damen. Deshalb absurd, wenn da überhaupt von Gefängnis die Rede ist. Der Sachschaden sollte bezahlt werden müssen (wenige tausend Dollar) und eine kleine Busse als Denkzettel. Die US Justiz ist eine materialistische Profitindustrie und sicher kein Vorbild. USA als Symbol für Freiheit des Individuums? Das ist lange her!

  • Jack Welch am 10.01.2013 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig

    Wenn sich die beiden Frauen im Ausland nicht zu benehmen wissen, müssen sie die Konsequenzen tragen. Absolut RICHTIG, liebe USA.

  • Schuldig ? am 08.01.2013 22:10 Report Diesen Beitrag melden

    Unschuldsvermutung

    nur so nebenbei, gilt in den USA nicht auch die Unschuldsvermutung? "die zwei Thurgauerinnen ... die das Polizeiauto demolierten" steht im Artikel. Sind die zwei also schon schuldig?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Glen Schuerch am 10.01.2013 14:18 Report Diesen Beitrag melden

    Selber Schuld...

    Ist verständlich, man kann schliesslich nicht Vandalismus betreiben und dann erwarten dass man ungeschoren davon kommt.....

  • Daniel Dvoracek am 10.01.2013 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Naja...2

    Randallieren sieht wiederum anders aus... Aber eben AMIS - Sachbeschädigung, ja. Aber wieso haben die Polizisten nur die Mädels verhaftet und nicht auch die "mindestens zwei weiteren, nicht festgenommenen Individuen" festgenommen? Weil Mädels einfacher zu verfolgen sind nach täglichen Doughnut-Exzessen? :-P Ich würde das wohl unter Willkür abtun. Wenn die Mädels falsch angefasst wurden könnte daraus ja noch ein Prozess wegen sexueller belästigung gegen die Polizei werden mit Genugtuungsforderungen - wär doch mal was... :-)

  • Toby Meyer am 10.01.2013 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Lächerlich

    Die Amis machen aus einer Mücke einen Elefanten...! Sachschaden + milde Busse bezahlen sollte vollkommen ausreichen.

  • Fritz von Dach am 10.01.2013 09:11 Report Diesen Beitrag melden

    also nein

    Du sollst nicht auf fremden Autodächer herumstampfen.Das lernt man doch als Kind schon.Was für eine Erziehung war das denn?

  • Fabian am 10.01.2013 09:08 Report Diesen Beitrag melden

    Recht so?

    An alle, die hier so besser-wisserisch "Recht so" und "Respekt?" von sich geben oder fragen "wenn das ihr Auto wäre?"... da frage ich zurück: "Wenn das ihre Tochter oder Freundin wäre?". Die Mädchen haben niemanden angegriffen! Dennoch haben sie Sachbeschädigung begangen und eine horrende Busse würde es wirklich auch tun.