Anklage wegen Körperverletzung

01. Februar 2017 10:07; Akt: 01.02.2017 15:19 Print

Neue Prügelei – Carlos drohen 30 Monate Haft

Jugendstraftäter Carlos muss im März wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht. Der Vorwurf: Er rastete wegen der Bemerkung eines Kollegen aus und schlug zu.

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Carlos werde «immer wieder gegen Material und / oder Personen tätlich», schrieb das Obergericht. Mit 15 Jahren hat er einem Kontrahenten im Streit ein Messer in den Rücken gestochen. Weil er für alle üblichen Institutionen für junge Straftäter – selbst für die Psychiatrie – untragbar war, wurde er in einem Spezialprogramm betreut. Medienrummel um einen jugendlichen Straftäter: Carlos auf seinem Bett in seiner damaligen Wohnung in Reinach. (Screenshot SRF) Dokumentation als Auslöser: Der Fall wurde durch ein Filmporträt des Schweizer Fernsehens über Jugendanwalt Hansueli Gürber publik. Dieser hatte die Sondermassnahmen für Carlos angeordnet. Umstrittene Methoden: Carlos (vorne) sollte mit speziellen Betreuungsmassnahmen resozialisiert werden. Dazu gehörte eine Rundumbetreuung durch Sozialarbeiter und Thaibox-Kurse. Die Gesamtkosten für das Resozialisierungsprogramm beliefen sich auf 29'000 Franken monatlich. Musste mehrfach zum Fall Stellung nehmen: Justizdirektor Martin Graf (Grüne) hielt erstmals am 6. September eine Pressekonferenz (Bild), nachdem er bei der Oberjugendanwaltschaft einen Bericht zum Fall angefordert hatte. Inzwischen fanden bereits drei Medienkonferenzen zum Fall Carlos statt. In der Kritik: Oberjugendanwalt Marcel Riesen (vorne) stellte sich am 6. September den Fragen der Medien. Die Oberjugendanwaltschaft liess Carlos verhaften, obwohl er sich nichts mehr zuschulden hatte kommen lassen und obwohl er seine Strafe abgesessen hatte. Der Jugendliche wurde erst ins Gefängnis Limmattal, dann ins Massnahmenzentrum Uitikon versetzt. Dort zerstörte er aus Protest eine Zelle.

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Der mittlerweile 21-jährige Zürcher Jugendstraftäter Carlos soll am 29. März 2016 einem flüchtigen Bekannten im Tram einen Faustschlag verpasst haben. Dieser sei so heftig gewesen, dass das heute 20-jährige Opfer in sich zusammensackte, aus dem Tram fiel und mit dem Kopf auf dem Asphalt aufschlug, heisst es in der Anklageschrift, die nun vorliegt. Dort blieb das Opfer mehrere Sekunden liegen. Carlos habe erneut mit der Faust zugeschlagen, das Opfer aber verfehlt.

Zuvor hatten sich die beiden während der Tramfahrt gestritten: Als sie sich voneinander mit einem Handschlag verabschiedeten, hat Carlos laut Anklage dem Opfer und seinem Begleiter gesagt, sie sollten nicht «herumgangstern», sondern einmal in die Moschee gehen. Das Opfer entgegnete Carlos, dass jeder machen könne, war er wolle. Carlos soll daraufhin gefragt haben, was dieser eben gerade gesagt habe. Das Opfer habe geantwortet, dass Carlos ihm nicht sagen müsse, dass er in die Moschee gehen solle, dies sei seine Sache.

30 Monate Gefängnis gefordert

Als das Opfer daraufhin an einer Haltestelle das Tram verlassen wollte, habe Carlos zugeschlagen. Und das nicht ohne Folgen: Die Liste der Verletzungen des Opfers ist lang. Darunter ein leicht verschobener Bruch des Unterkiefers, diverse Hautschürfungen und Quetsch-Risswunden.

Die Staatsanwaltschaft fordert für diese Tat von Carlos, der sich seit dem 1. April 2016 wieder in Haft befindet, eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Ausserdem soll Carlos dem Opfer eine Entschädigung zahlen. Der kampfsporterfahrene Carlos habe billigend in Kauf genommen, dass sich sein Opfer durch den Sturz eine lebensgefährliche Kopfverletzung hätte zuziehen können.

«Sondersetting» für 29'000 Franken monatlich

Carlos war im Sommer 2013 in die Schlagzeilen geraten. In einem Dokumentarfilm präsentierte der damalige Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber den «Fall» des seit seiner Kindheit äusserst schwierigen Jugendlichen als Beispiel dafür, dass eine gezielte Ausnahmebehandlung durchaus Erfolg haben kann.

Der Jugendliche hatte einen anderen jungen Mann mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Als der Film ausgestrahlt wurde, befand er sich seit gut einem Jahr in einem so genannten «Sondersetting», rundum betreut und überwacht. Und zum ersten Mal griff eine Massnahme: Carlos hielt sich an die Regeln.

Angesichts der hohen Kosten – 29'000 Franken pro Monat – ging allerdings ein Aufschrei der Empörung durch Medien und Öffentlichkeit. Dazu kam die Tatsache, dass Carlos Thai-Boxen trainieren durfte.


Hansueli Gürber spricht im Interview über Carlos, sein Privatleben mit zwei Frauen und seine Frisur. (Video: 20 Minuten/Marco Lüssi)

(jen)