Lesbos

10. Januar 2016 21:31; Akt: 10.01.2016 22:03 Print

Model und Jungpolitiker helfen Flüchtlingen

von J. Büchi - Viele Schweizer reisen derzeit in den Süden, um Flüchtlinge zu betreuen. Unter ihnen: Chantal Kammermann und Andreas Lustenberger.

Bildstrecke im Grossformat »
(26) lebt normalerweise in New York und arbeitet als Model. Über Weihnachten reiste sie jedoch nach Lesbos, um den ankommenden Flüchtlingen zu helfen. Zwei Wochen lang war sie im Camp Moria im Süden der Insel. Dort engagierte sich auch (29). Er ist Zuger Kantonsrat und noch bis Ende Monat Co-Präsident der Jungen Grünen. Kammermann sagt: «Ich habe mir immer wieder vorgestellt, wie es wäre, wenn ich plötzlich all meine Sachen packen und fliehen müsste.» Sie habe einen Beitrag leisten wollen, sich aktiv engagieren und nicht mehr einfach nur zusehen. Die Helfer sortierten Kleider, verteilten Essen und Decken, machten Zutrittskontrollen oder halfen am Strand. Erspäht einer der Helfer ein Schiff in den Wellen, gibt er den anderen Helfern per Whatsapp Bescheid. Lustenberger sagt, es sei eindrücklich, wenn wieder ein Boot voller Menschen ankommt. «Die meisten Flüchtlinge sind in diesem Moment euphorisch: Sie bedanken sich überschwänglich, rufen sofort die Familie in der Heimat an oder machen Selfies.» Auf einem Militärgelände müssen sich die Asylsuchenden offiziell registrieren lassen, bevor sie später ein Ticket für die Fähre nach Athen kaufen können. Oft stehen sie dafür viele Stunden an. Nicht alle Flüchtlinge dürfen in einem Container oder in einem Zelt schlafen. Manche übernachten auch unter freiem Himmel. Lustenberger erzählt: «Verkäufer bieten im Camp für 10 Euro Plastikzelte an. Sie machen ein gutes Geschäft.» Unter den Ankömmlingen sind auch viele Kinder. Chantal Kammermann kaufte Spielzeug, Süssigkeiten und Ballone für die Kinder. «Es ist schön, wenn sie ihren Alltag für einen Moment vergessen können», so Kammermann. Es ist kalt, in der Nacht fallen die Temperaturen manchmal unter den Gefrierpunkt. Manchmal hängen laut Kammermann giftige Rauchschwaden über dem Camp: «Die Flüchtlinge zünden Plastik oder andere Sachen an, damit sie wenigstens ein bisschen warm kriegen.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Säugling, den Andreas Lustenberger in den Armen hält, ist erst wenige Stunden alt. Die Mutter, eine Syrerin, ist geschafft. Als die Wehen einsetzten, wollte sie eigentlich im Flüchtlingscamp Moria in Lesbos bleiben. Erst, als ihr die Helfer versicherten, dass sie für den Spitalaufenthalt nichts bezahlen muss, liess sie sich von den Ärzten ohne Grenzen in die Geburtenklinik fahren. Kaum vier Stunden später ist sie zurück in ihrem Zelt – und zeigt dem Schweizer Helfer voller Stolz ihren kleinen Sohn.

Lustenberger (29) ist Zuger Kantonsrat und noch bis Ende Monat Co-Präsident der Jungen Grünen. Über Weihnachten reiste er zusammen mit einem Freund auf die griechische Insel Lesbos, um den ankommenden Flüchtlingen zu helfen. Dort traf er auch Chantal Kammermann (26). Das Luzerner Model lebt sonst in New York. Auch sie packt in diesen Tagen im Camp Moria mit an – genauso wie viele weitere Freiwillige aus aller Welt.

Strandwache per Whatsapp

Die Einsätze werden kaum koordiniert. Lose Facebook-Gruppen informieren darüber, wo Hilfe nötig ist und geben Tipps für die Anreise. «Ich habe gestaunt, dass wir einfach ins Camp reinspazieren konnten», erzählt Lustenberger. Vor Ort teilen sich die Helfer auf: Die einen verteilen Decken, Essen und Kleider. Andere machen Zutrittskontrollen bei den Unterkünften oder schieben am Strand, wo rund um die Uhr Flüchtlingsboote ankommen, Wache. Erspäht jemand ein Schiff in den Wellen, gibt er den anderen Helfern per Whatsapp Bescheid.

«An manchen Küstenabschnitten können die Flüchtlinge ohne Hilfe gar nicht aussteigen», erzählt Lustenberger. Offizielle Einsatzkräfte habe es dennoch kaum welche am Strand. «Die Küstenwache schreitet nur ein, wenn Boote nicht mehr weiter kommen oder am Sinken sind.» Es sei eindrücklich, wenn wieder ein Boot voller Menschen ankommt. «Die meisten Flüchtlinge sind in diesem Moment euphorisch: Sie bedanken sich überschwänglich, rufen sofort die Familie in der Heimat an oder machen Selfies.»

«Viele Kinder haben Fieber»

Allerdings gebe es auch immer wieder belastende Situationen. Am 25. Dezember sind 18 Menschen ertrunken, am 5. Januar nochmals 34. «Man fragt sich, warum das sein muss.» Denn die türkische Küste sei so nah, dass man sie von Lesbos aus sehen könne. Chantal Kammermann ergänzt, viele Kinder hätten Fieber, wenn sie aus dem Boot stiegen. «Ihre Kleider sind nass, vor der Bootsfahrt mussten sie viele Kilometer zu Fuss zurücklegen.» Im Camp bekämen sie trockene Kleidung und würden verarztet – «allerdings ist die Infrastruktur ziemlich schlecht».

Das Camp Moria im Süden von Lesbos besteht aus zwei Teilen: Auf einem Militärgelände müssen sich die Asylsuchenden offiziell registrieren lassen, bevor sie später ein Ticket für die Fähre nach Athen kaufen können. Oft stehen sie dafür viele Stunden an. Daneben liegt der inoffizielle Teil, ein Grundstück, auf dem Freiwillige unter dem Namen «Better Days for Moria» eine Kleiderzentrale, ein medizinisches Versorgungszelt, eine Küche und weitere Angebote aufgebaut haben. Auch im Medizinzelt arbeiten alle ehrenamtlich: Die meisten von ihnen sind ausgebildete Krankenschwestern, Medizinstudenten oder Ärzte.

Rauchschwaden über dem Camp

Familien mit Kindern dürfen in Container-Siedlungen schlafen. 40, 50 Personen pro Einheit. «Es hat nicht genug Betten – und die wenigen, die da sind, sind für Babys oder schwangere Frauen reserviert», so Kammermann. Der Rest schlafe auf Decken oder Kartons am Boden. Wer nicht zur verletzlichsten Gruppe von Flüchtlingen zählt, muss sich im Freien ein Plätzchen suchen. In der Nacht fällt die Temperatur oft auf den Gefrierpunkt. Manchmal hängen laut Kammermann giftige Rauchschwaden über dem Camp: «Die Flüchtlinge zünden Plastik oder andere Sachen an, damit sie wenigstens ein bisschen warm kriegen.» Und Lustenberger erzählt: «Verkäufer bieten im Camp für 10 Euro Plastikzelte an. Sie machen ein gutes Geschäft.»

Mit Geld, das sie zuhause gesammelt hatten, versuchten das Model und der Jungpolitiker, das Leid etwas zu lindern. Sie kauften Akkulampen und Brennholz sowie Spielzeug, Süssigkeiten und Ballone für die Kinder. «Es ist schön, wenn sie ihren Alltag für einen Moment vergessen können», sagt Kammermann.

Keine PR-Aktion

Ihre Reise nach Lesbos, das Hotelzimmer und den Mietwagen vor Ort zahlten beide aus der eigenen Tasche. Kostenpunkt: rund 1000 Franken pro Person. Nicht alle befürworten diese Art von Hilfeleistung. Kritiker bemängeln, die Qualifikation der Freiwilligen könne nicht überprüft werden. Für manche stehe zudem nicht das Helfen im Vordergrund, sondern die Aussicht, auf Facebook mit ihren Heldentaten prahlen zu können.

Kammermann betont, ihr Hilfseinsatz sei keine PR-Aktion gewesen. «Ich habe mir immer wieder vorgestellt, wie es wäre, wenn ich plötzlich all meine Sachen packen und fliehen müsste.» Sie habe einen Beitrag leisten wollen, sich aktiv engagieren und nicht mehr einfach nur zusehen. Lustenberger räumt ein: «Vereinzelt gibt es schon Leute, die am Strand gerne Kinder aus den Booten tragen, sich aber zu gut sind, um im Camp Decken zu verteilen oder zu putzen.» Auch er habe sich vorgängig überlegt, ob er die tausend Franken für die Reise besser einer Hilfsorganisation gespendet hätte. «Im Nachhinein bin ich aber sehr froh, dass ich dort war. Ohne die Freiwilligen würde es auf Lesbos nicht funktionieren.»