Progressive Moschee

10. August 2017 05:54; Akt: 10.08.2017 10:35 Print

Liberale Muslime wollen «Radikalen Stirn bieten»

von D. Pomper - Ein Verein plant eine «vernunftorientierte» Moschee, die Frauen und Homosexuellen offensteht. Das Selbstbestimmungsrecht habe oberste Priorität.

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«Ich traue mich nicht mehr allein aus dem Haus», sagte Seyran Ates zum «Tagesspiegel». Die türkische Anwältin hat im Juni in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet, die Schiiten, Sunniten, Aleviten, Homosexuellen und Andersgläubigen offen steht. Frauen müssen beim Gebet kein Kopftuch tragen und können als Vorbeterin auftreten. Hunderte Morddrohungen hat Ates in der Zwischenzeit erhalten. Sie steht unter Polizeischutz.

Kritisiert wurde die Moschee auch von türkischen Medien, die Ates unterstellten, die Moschee sei ein vom Gülen-Netzwerk gesteuertes Projekt. Das Bedrohungsszenario hat Auswirkung auf die Besucherzahlen der Moschee. «Es ist Angst, die Leute haben pure, nackte Scheissangst», sagte Ates der «Neuen Zürcher Zeitung». Die Leute würden eingeschüchtert und von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt.

«Wir wollen radikalen Strömungen die Stirn bieten»

Nun soll auch in der Schweiz bis Ende Jahr eine fortschrittliche Moschee entstehen. Der Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe» plant eine «vernunftorientierte, koranzentrierte Moschee». Diese soll allen offenstehen: Sunniten, Schiiten, Frauen und Männern, Hetero- und Homosexuellen, berichtet der «Landbote». Der Verein vertrete «kritisches und vernünftiges Denken» und hat unter anderem zum Ziel, «die Autoritätsgläubigkeit abzubauen und die selbständig denkende Mündigkeit zu fördern», so Kerem Adigüzel, einer der Mitbegründer, zu 20 Minuten. Die Umgangssprache soll Deutsch sein, auch im theologischen Austausch. Ausserdem will der Verein eine soziale Beratungsstelle für Muslime gründen.

Hinter dem Verein steckt eine 15-köpfige Gruppe von 20- bis 40-Jährigen, die sich «Gottergebene» nennen, was die deutsche Übersetzung für Muslim ist. Die Gründungsversammlung findet am Samstag statt. Der Verein finanziert sich über Mitgliederbeiträge und Spenden. Der Verein besteht darauf, unabhängig zu bleiben, und will keiner übergreifenden muslimischen Organisation beitreten.

«Wir wollen radikalen Strömungen die Stirn bieten. Unsere Abmühung auf dem Wege Gottes, deutsch für Dschihad, bedeutet Liebe, Barmherzigkeit und Mitgefühl und ist koranisch motiviert», sagt Adigüzel. Der Verein orientiere sich ausschliesslich am Koran: «Wir lehnen es ab, Gelehrte und Mittler zwischen Gott und den Menschen zu stellen, auf deren Texte sich viele Konservative berufen», sagt Adigüzel, Sohn türkischer Eltern, der in der Schweiz aufgewachsen ist. Für Adigüzel und seine Mitstreiter spielt das Selbstbestimmungsrecht eine grosse Rolle: «Das gilt sowohl für einen Homosexuellen wie auch für eine Burkaträgerin.» Auch Homosexuelle sollten ohne Angst eine Moschee besuchen dürfen. «Man kann Homosexualität gut finden oder auch nicht – aber wir müssen immer die Menschenwürde respektieren. Wir wollen aufzeigen, wie wir den gottergebenen Glauben im 21. Jahrhundert praktizieren können.»

«Hiesige Muslime sind friedlich»

Adigüzel glaubt, dass gerade bei jungen Muslimen das Interesse sehr gross sein dürfte für die neue Moschee: «Das sind Hipster, Rapper, Arbeiter, Unternehmer, Schönheitsköniginnen oder Akademiker, die friedlich unterwegs sind und für die das heutige religiöse Angebot zu einseitig ist.» Die Diskussionsbereitschaft dieser jungen Leute sei gross, ebenso der Wille, etwas zu verändern.

Angst vor negativen Reaktionen oder gar Todesdrohungen, wie dies nach der Eröffnung der Berliner Moschee der Fall war, hat Adigüzel, Offizier der Schweizer Armee, keine: «Die hiesigen Muslime sind friedlich, so wie es die Gottergebenheit (deutsch für Islam) vorsieht. In der Schweiz haben wir eine offene, friedliche Diskussionskultur, auch mit Vertretern des traditionellen Islam.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Purzelkaktus am 10.08.2017 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich

    Die sind super. Ich lese schon seit einiger Zeit ihre Berichte udn die zitieren immer direkt aus dem Koran, zeigend verbindungen und Übersetzugnsfehler auf. Leider akzeptieren meine Eltern Dinge von dieser Seite nicht und "verbieten" mir meinen Christlichen Freund. Das wäre mal eine Moschee die ich besuchen würde.

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  • Real Swiss am 10.08.2017 06:47 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich ist es soweit

    Sehr lange habe ich auf diesen Schritt gehofft und er war schon sehr lange überfällig. Ich freue mich und hoffe, dass der Islam sich nun weltweit öffnet und entwickelt. Alle diese Pioniere und Pionierinnen sind für mich die wahren Muslims, da der wahre Glaube (egal welcher Religion) aus der Liebe spricht und nicht aus dem Hass oder Unterdrückung. Solche Moscheen darf es mehr geben... Viel Erfolg und Kraft für alle Vorreiter/innen!

  • Roman am 10.08.2017 06:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na ja....

    Na das werden wir ja sehen, wie friedlich die Muslime in der Schweiz sind. Trotzdem viel Glück....und der Islam soll trotzdem eine Ausnahme bleiben in der Schweiz!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Loooo am 10.08.2017 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    Kopftuch

    Das ganze wird nicht verheben. Wir Muslime kennen unseren Religion zu gut dafür. Kopftuch muss sein. Es gibt nur eine Wahrheit und Menschen können nicht einfach versuchen Dinge anzupassen. Der Mensch ist nicht perfekt !

  • Nöggi am 10.08.2017 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Kleiner Schritt in die richtige Richtung

    Es ist Sache der Muslime gegen extremistische Tendenzen unter ihnen vorzugehen. Das kann niemand anderes. Wir christlich geprägten SchweizerInnen müssen uns für den Schutz unserer abendländischen Kultur einsetzen. Das kann auch niemand anderes. Vor allem sind unsere Errungenschaften der Säkularisierung zu verteidigen. Grenzenlose Toleranz und Akzeptanz duch linke Parteien in der Schweiz gefährden die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Fortschritte der Säkularisation und bieten Nährboden für Radikalität und Extremismus. Hoffentlich ist der Verein Al-Rahman kein Wolf im Schafspelz.

  • Das ABC am 10.08.2017 14:03 Report Diesen Beitrag melden

    Es stimmt mich als Atheist traurig...

    Leider haben wir viele Menschen in unseren Land die den Frieden stören wollen und dabei rede ich nicht von den Muslimen. Täglich sterben im Westen Muslime im Kampf gegen den IS, währenddem hier Menschen hinter ihren PCs sitzen und den gesamten Islam diskreditieren. Klar schafft man sich so keine Freunde. Die Schweiz ist durch ihre Diversität stark, denn wir haben alle Religionen vertreten. Das einzige was fehlt ist der Zusammenhalt, aber der wird ja, wie hier im Forum gut zu lesen ist, nicht gewünscht. Helft diesen mutigen Reformern! Möget ihr Frieden im Herzen tragen.

  • Argus am 10.08.2017 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    Zeit für Vernunft und Menschcnrechte!!

    Höchste Zeit, dass so etwas geschieht. Es wäre jedoch auch höchste Zeit, die Saudis, die Iraner und andere Fundamentalisten zu zwingen, jetzt endlich die Menschenrechte einzuhalten!!!!

  • Oliver R. am 10.08.2017 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Schriften

    Würd mich noch intressieren auf welche Schriften sich die liberalen Muslime beziehen wollen, oder erklären sie die Exsistierenden als ungültig und nich ernst zu nehmend.