Experten warnen

21. April 2014 21:49; Akt: 22.04.2014 08:32 Print

«Selfies können bis zum Selbstmord führen»

In sozialen Netzwerken wird man täglich mit Selfies konfrontiert. Diese Möglichkeit, sich selbst überall zu fotografieren, kann laut Experten gefährlich werden. Vor allem für Jugendliche.

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Selfies machen ist nach wie vor ein wachsender Trend. Für Teenager, die unsicher sind, kann dieser Trend gefährlich werden. (Bild: Bild: Thinkstock)

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Ein britischer Teenager hat versucht, Selbstmord zu begehen, nachdem es ihm misslungen war, das perfekte Selfie von sich zu machen. Danny Bowman war so besessen von diesem Gedanken, dass er während zehn Stunden am Tag bis zu 200 Selfies von sich schoss. Bei dem Streben nach dem besten Foto verlor der 19-Jährige 13 Kilogramm Gewicht, wurde aus der Schule geschmissen und verliess das Haus ganze sechs Monate nicht.

Der Teenager glaubte lange, er sei der einzige Selfie-Süchtige. Er täuschte sich. Der britische Psychiater David Vea sagt: «Zwei von drei meiner Patienten, die seit dem Auftauchen der Kamerahandys zu mir wegen einer körperdysmorphen Störung (siehe Kasten) kommen, haben einen Zwang, ständig neue Selfies von sich zu machen und diese in sozialen Medien hochzuladen.»

«Selfie-Süchtige haben ein narzisstisches Problem»

Die Selfie-Sucht ist auch in der Schweiz ein Thema, das Experten beschäftigt. Der Zürcher Psychotherapeut Felix Hof sagt, er beobachte dieses Phänomen vermehrt und insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Doch was steckt hinter dieser Abhängigkeit? «Menschen mit dem Bedürfnis, ständig und überall Fotos von sich selbst zu machen, haben ein narzisstisches und autoerotisches Problem.» Diese Sucht, sich permanent spiegeln zu wollen, sei äusserst ungesund. «Die betroffenen Menschen wollen ein Ideal erreichen, das unerreichbar ist», so Hof.

Ausschlaggebend dafür sei nicht das Bild selbst, sondern die Reaktionen darauf in den sozialen Netzwerken. Den jungen Menschen gehe es in erster Linie um Bestätigung, sie wollten wissen, wie sie beurteilt würden. «Doch egal, wie viele Likes oder positive Kommentare jemand für sein gepostetes Selfie bekommt, es ist nie genug, nie zufriedenstellend.» Diese daraus folgende Enttäuschung führt laut Hof zu einer emotionalen und sozialen Verarmung. Die betroffenen Personen versänken in ihren Selbstzweifeln, könnten keine Beziehungen mehr aufbauen und keinen Sinn im Leben mehr erkennen. «Das kann zu starken Depressionen und schlimmstenfalls sogar zu einem Selbstmord führen.»

«Jugendliche investieren mehr Zeit in ihr Aussehen»

Auch Urs Kiener, Psychologe von Pro Juventute, bestätigt die Selfie-Sucht: «Bei unserem Beratungstelefon 147 melden sich viele Jugendliche, die unter dieser Abhängigkeit leiden.» Seiner Meinung nach sind diese Menschen sehr unsicher und kennen keine andere Möglichkeit, Selbstbestätigung zu bekommen. «Für viele Junge ist der einzige Lebenszweck, schön auszusehen.» Dies sei besorgniserregend, aber nicht ganz unlogisch. Früher hätten Teenager zu Hause mithelfen müssen, Pflichten und Aufgaben bekommen, wenn sie nicht in der Schule waren. Heute hätten sie mehr Zeit für sich und würden diese auch oft in sich selbst investieren, in ihr Aussehen und darin, dieses zu hinterfragen. «Das Alter zwischen 13 und 18 ist dafür da, eine Identität zu entwickeln. Dass sich junge Menschen in dieser Zeit hinterfragen, ist normal und nicht neu», so Kiener. Die Möglichkeit, Selfies zu machen, könne diese Unsicherheit aber extrem verstärken.

Auch der Zürcher Sozialpädagoge und Psychotherapeut Heinrich Bader glaubt, die Selfie-Sucht sei ein altes Problem, das mit den Handy-Kameras neu aufgewärmt werde: Er nennt es «Spieglein, Spieglein an der Wand». Er kenne aus eigener Erfahrung in der Adoleszenz und aus vielen Therapien diese Form des Versuchs der Selbstvergewisserung, wo das Bild – als Bild im Spiegel, aber auch als Bild im Spiegel der Peergroup und der Öffentlichkeit – von manchmal «übergrosser Bedeutung» ist, was er mit einer ebenso «übergrossen Verunsicherung» in Verbindung bringe. «Es handelt sich also um ein Ritual der narzisstischen Selbstvergewisserung als Resultat einer tiefen Selbstverunsicherung.»

Spieglein, Spieglein an der Wand

Das Foto sei mit einem Bedürfnis verbunden, etwas festzuhalten, was sich ständig entziehen möchte. Dies sei mit dem «Zwang» zu vergleichen, vor dem Spiegel zu stehen und immer wieder neu das eigene Bild zu finden oder zu suchen. Dass sich dann jemand umbringe, nachdem ihm solches offenbar partout nicht zu seiner Befriedigung gelingen will, würde er als etwas darüber Hinausführendes sehen: «Es gibt ja auch junge Menschen – aus China hört man das oft –, die sich wegen einer verunglückten Prüfung umbringen.» Dies sei nicht unbedingt mit einer eingängig tönenden Modediagnose abzutun, sondern es spielten viele Faktoren zusammen, bis eine dermassen schreckliche Handlung auf solche Weise geschehe.

Esther Huser, Psychotherapeutin in Zürich, kennt sich aus mit Unsicherheit und Ich-Bezogenheit. Auch sie relativiert: «Die Selfie-Sucht würde ich persönlich als Phänomen noch nicht allzu ernst nehmen.» Sie sehe dies eher als Modeerscheinung und neues Kommunikationsmittel, das sich in der virtuellen Welt erst beweisen müsse. «Meistens gehen solche Phänomene früher oder später allen auf die Nerven und verschwinden wieder.» Es dürfe durchaus im Leben jedes Menschen Phasen geben, in denen er sehr auf sich selber bezogen sei. Wenn man aber die Fähigkeit nicht habe, andere früher oder später «ins Boot zu holen», dann werde es sehr eng und einsam für diesen Menschen.

Haben Sie das Gefühl, selbst selfiesüchtig zu sein? Melden Sie sich auf feedback@20minuten.ch und geben Sie Ihre Telefonnummer an.

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