Höchste Schweizerin Graf

24. November 2012 15:08; Akt: 24.11.2012 15:08 Print

«Ich spüre keinen Druck»

von Jessica Pfister - Mit Maya Graf präsidiert erstmals eine Grüne den Nationalrat. Die 50-jährige Baselbieterin über die Verluste ihrer Partei, Frauenquoten und Bundesratsambitionen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Frau Graf, als Vizepräsidentin des Nationalrats haben Sie im letzten Jahr viele Ratssitzungen geleitet. Gibt es etwas, was sie im Ratssaal gar nicht vertragen?
Maya GrafMaya
Graf

GPS, BL
Nationalrat
Profil anzeigenauf MerklisteVerbunden mit
Nordwestschw. Aktionskomittee gegen Atomkraftwerke (NWA), Basel
weitere Verbindungen anzeigen
:
Mich bringt wenig aus der Ruhe. Ich habe Verständnis dafür, wenn es mal ein wenig lauter zu und her geht. Immerhin weiss ich aus eigener Erfahrung, dass man beim Diskutieren mit Ratskollegen manchmal alles um sich vergisst. Das Parlament ist im grossen und ganzen sehr diszipliniert. Das Klima war schon lange nicht mehr so gut.

Woran liegt das?
Ein Drittel der Ratsmitglieder sind erst seit einem Jahr dabei. Sie wollen sich einarbeiten und haben nicht unbedingt Zeit, mit minutenlangen Standpauken auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich liegt es auch am jeweiligen Nationalratspräsidenten, eine angenehme Atomsphäre zu schaffen.

Ist das Ihrem Vorgänger Hansjörg WalterHansjörg
Walter

SVP, TG
Nationalrat
Profil anzeigenauf MerklisteVerbunden mit
Grünes Zentrum, Weinfelden
weitere Verbindungen anzeigen
gelungen?

Absolut. Ich habe ihn als höchsten Schweizer sehr geschätzt und bewundert, welche Ruhe er ausstrahlte. Er war wie ein Fels in der Brandung.

Sie wirken auch so, als könnten sie keiner Fliege was zuleide tun. Werden Sie nie laut?
Kaum, denn damit kommt man nicht weiter. Ich kann aber sehr bestimmt sein, wenn es nötig ist. Damit meine ich nicht, dass ich im Ratssaal wie eine Lehrerin auftreten werde. Das sind ja nicht meine Schüler, sondern meine Kolleginnen und Kollegen. Denen muss ich nichts vormachen.

Als Nationalratspräsidentin nehmen sie eine spezielle Rolle ein: Sie müssen repräsentieren. Liegt ihnen das?
Ich denke schon. Als Fraktionspräsidentin habe ich das Repräsentieren natürlich schon gelernt und auch als Nationalrätin nimmt man immer wieder eine andere Rolle ein. Diesen Wechsel finde ich spannend.

Ist es nicht ein wenig paradox, dass ausgerechnet jetzt eine Grüne die höchste Schweizerin wird, wo die Partei in allen Wahlen verliert.
Wir haben in den letzten zehn Jahren die Wahlen fast immer gewonnen. Für mich macht es durchaus Sinn, dass die Grünen jetzt dieses Amt innehaben. Mit der neuen Landwirtschaftspolitik, der Energiewende und der grünen Wirtschaft standen selten so viele grüne Themen auf der politischen Agenda wie jetzt.

In den letzten Monaten konnte ihre Partei und ihre beiden Präsidentinnen Adèle Thorens und Regula RytzRegula
Rytz

GPS, BE
Nationalrat
Profil anzeigenauf MerklisteVerbunden mit
Regionalkonferenz Bern-Mittelland, Kommission Verkehr
weitere Verbindungen anzeigen
, aber keinen Profit daraus schlagen.

Sie sind erst seit einem Dreivierteljahr im Amt. Beide haben sich unglaublich ins Zeug gelegt, aber Wunder können sie keine bewirken. Regula Rytz kann zudem erst im neuen Jahr richtig durchstarten, wenn sie ihr Amt als Berner Gemeinderätin abgegeben hat. Wir müssen ihnen ein wenig Zeit lassen, sie werden das hervorragend machen.

In der Zwischenzeit ruhen alle Hoffnungen auf Ihnen als höchste Schweizerin. Wie hoch ist da der Druck?
Ich spüre keinen Druck. Als Nationalratspräsidentin werde ich keine Parteipolitik betreiben, sondern alle Parlamentarierinnen und Parlamentarier gleichermassen vertreten.

Trotzdem: Mit dem Amt sind sie das Aushängeschild der Partei und werden auch an Anlässen auftreten.
Als Person Maya Graf stehe ich natürlich für die Grünen ein. Und klar werde ich an Anlässen Nachhaltigkeits- Themen wie die Agrar-Reform oder die Raumplanungsfragen aufgreifen. Das bezeichne ich aber nicht als Parteipolitik, schliesslich wurden dazu im Parlament auch Entscheide gefällt.

Ihre Parteipräsidentin Adèle Thorens hat bereits angekündigt, dass Ihr Amt als höchste Schweizerin eine hervorragende Gelegenheit für eine Kampagne zur Gewinnung von Neu-Mitgliedern sei. So unwichtig sind sie dann doch nicht.
Klar kann meine Position zur Mobilisation beitragen. Es geht aber vor allem darum, dass die bestehenden Mitglieder und Sympathisanten stolz sein können und sich motiviert fühlen. Ich repräsentiere durch meinen Werdegang die Partei exemplarisch. Ich war ein Kind der Öko- und Anti-AKW-Bewegung und wurde danach mit dem Waldsterben und der Friedens- und Frauenbewegung politisiert.

Apropos Frauenbewegung: Mit zwei Parteipräsidentinnen und der höchsten Schweizerin haben die Grünen mehr Frauenpower den je. Sind Frauen die besseren Politiker?
Wir sind nicht besser, sondern anders. Es spreche lieber von weiblichen Eigenschaften, die nicht nur in der Politik von grossem Nutzen sind. Wir pflegen eine andere Art von Führungsstil, haben mehr das Gesamtbild im Auge, statt nur das nächste Ziel. Wir sprechen Probleme an und versuchen nicht, sie alleine lösen, und stellen öfters die Sache in den Vordergrund als uns selbst. Das ist manchmal auch ein Nachteil.

Sind Sie für eine Frauenquote?
Als vorübergehendes Instrument ja. Die Quote kann erreichen, dass in der Wirtschaft genauer hingeschaut wird, ob es auch Frauen gibt, die für eine bestimmte Stelle geeignet sind. Die Quote ist aber nur ein Mittel, wichtiger sind die Rahmenbedingungen und das Umfeld, welche verbessert werden müssen.

Sie haben die Wirtschaft angesprochen – wie sieht es in der Politik aus?

Im links-grünen Lager ist die Frauenquote bei rund 50 Prozent. Handlungsbedarf besteht bei den bürgerlichen Kollegen. Bei ihnen herrscht noch heute offenbar die Meinung vor, dass die Frau in erster Linie zur Familie gehört und der Beruf an zweiter Stelle kommt. Ich bin aber überzeugt, dass nun eine neue Generation von Frauen und Männern heranwächst, die diese Rollenbilder korrigieren wird. Im Gegensatz zu mir haben diese Frauen Vorbilder in der Politik. Als ich vor 22 Jahren angefangen habe, gab es noch keine Frauen im Bundesrat - heute sind es deren drei.

Inspirierend genug, damit auch Sie mit diesem Amt der Bundesrätin liebäugeln?
Momentan steht für mich das Amt als Nationalratspräsidentin im Vordergrund. Ich habe noch nie auf ein nächstes Amt geschielt.

Aber sie schliessen es auch nicht aus?
Man kann in der Politik nichts planen. Aber im Moment stellt sich die Frage nicht – auch weil die Grünen zurzeit gar keinen Anspruch auf einen Sitz in der Landesregierung erheben.

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nela am 25.11.2012 22:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gleiche Rechte

    Es gibt noch viel zu regeln für Mütter wie auch für Väter . Und ich bin für gleicher Lohn für alle und gleiches Pensionsalter für Mann und Frau, für geteiltes Sorgerecht, gleiche Rechte für Männer bei Scheidungen etc. Und ja, ich finde, mehr Frauen müssten verantwortungsvolle Jobs ausführen, weil sie es nämlich könnten und weil wir schon genug Männer an der Spitze haben, die nur dort sitzen, weil sie Männer sind -

  • anna am 25.11.2012 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker haben keine Verantwortung !

    Natürlich spürt sie keinen Druck. Wieso sollte sie auch ? In der Politik hat man ja sowieso einen geschützten Arbeitsplatz und für Fehler muss man kaum mit Konsequenzen rechnen .Leute geht in die Politik dann habt ihrs schön!

  • Mats am 25.11.2012 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grüne?

    Eine grüne, das kann nicht gutgehen!!

  • ein Visionär am 25.11.2012 13:02 Report Diesen Beitrag melden

    Erst die wichtige Dinge regeln....

    Mit einer Quotenregelung an die Macht kommen - easy. Man braucht also als Frau nicht unbedingt qualifiziert zu sein - cool. Wie wär's mit einer Ü50-Regelung, wo unserer Volkswirtschaft mehr bringen würde (z. B. Entlastung der ALV und der Sozialämter). Wegen der Personenfreizügig-keit ist dies ein viel wichtigeres Thema geworden. Solange aber eine (reiche) Elite (Arbeitgeber und Politiker (oft ein und dieselbe Person) uns austricksen und wir uns durch Schönreden, Lügen und der Verzögerungstaktik blenden lassen, wird es sicher eher noch minder. Also, erst die wichtigen Probleme lösen...

  • CH-Bürger am 25.11.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    verluste kommen nicht von ungefähr

    grüne ziele zu verfolgen erachte ich durchaus als legitim und sinnvoll. trotzdem, wenn ich mir anschaue in welchem übersteuerten ausmass die grüne partei auf die wirtschaftlichen interessen druck ausübt, dann kann ich dieser geballten ladung an ideologie leider nicht meine zustimmung geben. gute ansätze sind sicher vorhanden, aber eben, zu oft zu überzogen und völlig realitätsfremd.

Immobilien

powered by

Immobilien finden

PLZ
Preis bis
Zimmer bis

Nachmieter finden? Jetzt bei homegate.ch inserieren