Pädophilen-Fall

05. April 2017 09:50; Akt: 05.04.2017 11:07 Print

«Sexuell misshandelte Kinder reden nicht»

Dass es ein Pädophiler schaffe, sein ganzes Umfeld zu täuschen, sei typisch, sagt Regula Schwager von Castagna. Kindsmissbrauch sei noch immer ein Tabuthema.

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Frau Schwager, der pädophile Roland W. aus dem Knonauer Amt hat sich überall im Quartier beliebt gemacht und war der Freund von allen. Eine typische Masche?
Das ist ganz typisch. Kinder werden in der Regel von ganz nahen Bezugspersonen missbraucht. Die Täter bauen gezielt eine Bindung zu den Kindern auf, die tief geht. Man nennt das groomen. Sie lassen sich dafür meistens viel Zeit, damit sie dem Kind immer wichtiger werden und die Kinder in eine Abhängigkeit geraten.

Wie konnte er Eltern und Nachbarn so gut täuschen?
Wir hören das häufig, dass Nachbarn, Freunde und Bekannte für einen Täter die Hand ins Feuer legen würden. Sie können sich nicht vorstellen, dass jemand, der so begnadet gut mit Kindern umgehen kann und bei ihnen so beliebt ist, den Kindern etwas antun würde. Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist immer noch ein Tabuthema. Die Leute weigern sich, zu glauben, dass es Menschen gibt, die Kinder sexuell ausbeuten. Unter diesen Voraussetzungen kommt man nicht auf die Idee, genau hinzuschauen.

Wieso wirken die Kinder zum Teil so glücklich?
Ich hatte den Fall eines kleinen Mädchens, das von der Familie etwas vernachlässigt wurde. Da hat sich ein Fremder des Mädchens angenommen und sich um sie gekümmert. Das Mädchen durfte mit ihm zum ersten Mal in den Zoo, ins Theater und erlebte viele glückliche Momente. Gleichzeitig hat der Mann das Mädchen schwer missbraucht. Die Kindergärtnerin schöpfte Verdacht und intervenierte. Durch die darauf folgende Strafanzeige wurde das Kind zum Glück vor weiteren Übergriffen geschützt. Das war für ihre weitere Entwicklung elementar. Gleichzeitig aber hat sie etwas Schönes verloren.

Warum hat sich der Täter gezielt Familien ausgesucht, die durch Probleme belastet waren?
Eltern in belasteten Familien sind häufig froh, wenn ihre Kinder einen Ort haben, an dem sie gut aufgehoben sind. Die Energien dieser Eltern sind durch die Belastung gebunden, und sie haben oft keine Kraft, genauer hinzusehen. Und die Kinder wollen ihre Eltern nicht noch zusätzlich belasten.

Die Kinder schweigen, um ihre Eltern zu schützen?
Sexuell misshandelte Kinder reden in der Regel nicht, weil sie aufgrund ihrer Abhängigkeit die tätliche Person schützen möchten und weil sie ihr Familiensystem nicht zusätzlich belasten wollen. Sie wissen meistens genau, was die Aufdeckung ihres Horrors bei den Eltern auslösen würde. So reden sie erst dann, wenn sie es nicht mehr aushalten.

Der Täter hat zwischendurch aufgehört, wenn die Kinder ihm Grenzen setzten. Auch das ist also clever?
Das war sicher mit ein Grund, weshalb die Kinder nie etwas erzählt haben. Wenn der Druck stieg, reduzierte er die sexuellen Übergriffe für eine Weile und bot ihnen neue Anreize. Er scheint das sehr gezielt gemacht zu haben, um die Kinder an sich zu binden.

(ann)