Ruf mich nicht an!

25. März 2017 17:07; Akt: 25.03.2017 17:37 Print

«Anrufe gelten als unhöflich und übergriffig»

von Simon Ulrich - Mail mir, schreib mir per Whatsapp – aber ruf mich ja nicht an. Warum das Telefongespräch zunehmend in Verruf gerät.

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«Nur fiese Menschen rufen an: Warum Millennials so ungern telefonieren» – unter diesem Titel erklärt eine junge Journalistin im Online-Magazin «Edition F», warum sie das Telefonieren hasst. Ein Anruf komme ihr oft «wie ein Überfall aus dem Hinterhalt» vor.

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Man wisse nie, wobei man den anderen gerade störe. Klingle das Telefon zur falschen Zeit, entwickle sie «latente Aggressionen». «Du entscheidest nicht, wann ich mit dir zu sprechen habe!», mahnt sie gebieterisch.

Mit ihrer Meinung steht die junge Journalistin nicht alleine da. Das Telefonieren ist bei unter Dreissigjährigen zunehmend unbeliebt – das zeigt sich auch in der Schweiz: Im Media Use Index 2016 fungiert das Telefonieren bei den 14- bis 29-Jährigen nicht einmal mehr unter den Top 5 der Aktivitäten auf dem Smartphone. Stattdessen belegen Nachrichten schreiben, im Netz surfen und Emailen die vorderen Plätze.

Verlagerung der emotionalen Kommunikation

«Anrufe werden von jüngeren Menschen als unhöflich und übergriffig wahrgenommen», bestätigt Social-Media-Experte Philippe Wampfler. Dies, weil der Angerufene nicht aussuchen könne, wann er antworten will. «Jüngere Menschen vereinbaren deshalb ihre Anrufe oftmals vorgängig», so der Dozent für Medienpädagogik an der Uni Zürich.

Ein Grund für den Rückgang von Telefongesprächen sei zudem, dass sich die emotionale Kommunikation auf multimediale Kanäle verlagert habe. «Während wir beim Telefonieren auf unsere Stimme begrenzt sind, erlauben uns Instant-Messenger wie Snapchat oder Whatsapp, mit Bildern und Videos zu kommunizieren», sagt Wampfler. In dieser Hinsicht sei das Telefon das «ärmere Medium».

Sprachnachrichten sind beliebt

Mit dem Telefon verbinden deshalb viele eher Unangenehmes: dringende Notfälle, unerwünschtes Tele-Marketing und Anrufe des Chefs. Wampfler verweist dabei auf den Briefkasten, den bereits zuvor dasselbe Schicksal ereilt habe. «Auch er muss sich vorwiegend mit Rechnungen, Werbung und Bettelbriefen begnügen.»

An die Stelle von Telefonaten treten laut Wampfler vermehrt aufgezeichnete Sprachnachrichten: «Sie haben dieselbe Funktion wie Telefonate, folgen aber dem Gebot der Höflichkeit, da man sie zum gewünschten Zeitpunkt anhören kann.»

Das Telefon wird nicht aussterben

Trotz der sinkenden Zahlen von Anrufen: Vom Aussterben bedroht sei das Telefon nicht, glaubt Wampfler. In bestimmten Situationen sei es nach wie vor die geeignetste Kommunikationsform – sofern ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht möglich sei. «In engen Beziehungen und bei Konflikten werden wir weiterhin zum Hörer greifen.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kunz am 25.03.2017 17:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein Zwang

    ich bin ja nicht verpflichtet ans Telefon zu gehen, wenn es gerade nicht passt. Nur über WhatsApp oder Mail zu Kontakten ist auf dauer zu unpersönlich. ...

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  • clini am 25.03.2017 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    immer und überall erreichbar

    Das Problem ist,dass man heutzutage immer erreichbar sein muss.Hat man mal keine Zeit den Anruf entgegen zu nehmen oder zu Antworten,machen sich gleich alle sorgen. Früher übers Festnetz,dann war man einfach nicht zu Hause und der andere probierte es später nochmal.

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  • SinnLos am 25.03.2017 17:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Entwicklung

    Sehr gut, jetzt müsst Ihr nur noch mit whatsapp aufhören und schon habt Ihr gar keinen Kontakt mehr mit anderen Menschen. Weiter so mit der Vereinsamung!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Achmet am 27.03.2017 00:45 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Zeit

    Achmet keine Zeit telefonieren. Muss fahren M3

  • Urs M. am 26.03.2017 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    Falscher Experte

    Ach Herr Wampfler, ein Bild oder ein Video kann die Stimme des Gegenübers am Telefon niemals ersetzen. Telefon ist viel reichere und umfassendere Kommunikation als Mail und WhatsApp.

    • Philippe Wampfler am 27.03.2017 09:44 Report Diesen Beitrag melden

      Andere Perspektive

      Das sagen aus meiner Sicht die Menschen, die WhatsApp nicht intensiv und multimedial nutzen.

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  • Quasel Tante am 26.03.2017 14:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Emanzipiert

    Ich stehe nur nach Buchung über meinen Sekretär für Audienzen bereit. Ich trage auch kein Handy mit mir herum. Dafür hat man Lakeien.

  • Guschti am 26.03.2017 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    aufgezeichnete Sprachnachrichten

    sind so etwas von ego - hauptsache man muss sich nicht mit dem Gegenüber auseinandersetzen: ein Ausdruck des derzeit grassierenden Konsumwahns. Arme Gesellschaft, einfach nur traurig.

  • Sayadina am 26.03.2017 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erreichbarkeit vs Abgrenzung

    Ich verstehe die ganze Aufregung nicht so ganz. Ich nehme es mir auch heraus manchmal einen eingehenden Anruf zu ignorieren. Ich rufe dann zurück, wenn ich die nötige Ruhe habe, mich auf ein Gespräch einzulassen. Anonyme Anrufe ignoriere ich prinzipiell. Wenn es wichtig ist, gibt's ja eine Mailbox. In Zeiten der ständigen Erreichbarkeit, halte ich es für umso wichtiger, sich abgrenzen und Freiräume schaffen zu können.