Panik im Alltag

20. Mai 2016 05:50; Akt: 20.05.2016 14:25 Print

Jeder zehnte Schweizer hat eine Angststörung

von B. Zanni - Betroffene können nicht mehr Zug fahren oder sich mit Freunden treffen, sodass sie sich zuhause verkriechen. Schuld sein soll der Leistungsdruck.

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Mit Freunden ins Restaurant zu gehen oder ein Konzert zu besuchen, ist für Erika B. unmöglich geworden. Ihre Einkäufe erledigt sie im Internet. Die Angst hält B. selbst vor einem Spaziergang an der frischen Luft ab. «Ich bleibe zuhause, eingeschlossen in der Wohnung, ausgeschlossen aus der Gesellschaft», fasst sie ihren Alltag zusammen. Rund 800’000 Menschen leiden in der Schweiz laut der Behindertenorganisation Pro Infirmis an Angststörungen (siehe Box). Damit ist jeder Zehnte betroffen. Geschäftsleitungsmitglied Mark Zumbühl stellt fest, dass auch immer mehr junge Menschen dazuzählen.

Umfrage
Wie würden Sie reagieren, wenn ein Arbeitskollege von Ihnen von einer Angststörung betroffen wäre?
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6 %
Insgesamt 5201 Teilnehmer

«Die Betroffenen können im Laden an der Kasse, im Zug oder in Menschenmengen von einer Panikattacke heimgesucht werden», sagt Zumbühl. Annette Brühl, Leitende Ärztin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, behandelt oft auch Patienten, die an einer sozialen Angsstörung leiden. Im Vordergrund stehe die Angst, sich zu blamieren. «Diese Menschen können sich nicht mehr mit Leuten treffen, weil sie etwa Angst haben, zu erröten, zu stottern oder beim Essen zu kleckern.»

«Sie haben Angst vor der Angst»

Für viele Betroffene mit Angststörungen wird der Alltag zum Horror. «Am Ende trauen sie sich nicht mehr nach draussen und melden sich bei der Arbeit krank», sagt Zumbühl. Ihm sind Fälle bekannt, in denen Menschen jahrelang die Wohnung kaum mehr verlassen. «Grund ist die Angst vor der Angst.» Lieber als eine Panikattacke in der Öffentlichkeit zu riskieren, würden sie sich zuhause verkriechen. Das hinterlässt Spuren. «Sie sind schlecht ernährt, haben einen Vitamin-D-Mangel und können nur noch über das Internet mit Menschen in Kontakt treten.»

Annette Brühl fällt auf: «Viele kommen erst in Behandlung, wenn sie es nicht mehr aushalten.» Sie beklagten sich darüber, dass sie nicht mehr aus dem Haus könnten oder hätten bereits Nebenerkrankungen wie Herzrhythmusstörungen entwickelt. Es gebe Patienten, die in einem «total verkrampften» Zustand Hilfe suchten. «Sie haben Rücken-, Kopf- und Nackenschmerzen oder abgeschliffene Zähne, weil sie bei den Angstattacken so stark auf die Zähne beissen.» Andere würden an Depressionen leiden oder hätten bereits einen Suizidversuch hinter sich.

Studenten haben Panik

«Sehr oft entwickeln Menschen solche Störungen, weil sie im Job, in der Beziehung und in der Familie stark unter Druck stehen», stellt Zumbühl fest. Auch gebe es Studenten, bei denen die Jagd nach Credit-Punkten an der Universität Panikattacken auslösen. Brühl sagt, dass viele Menschen heute überfordert seien. «Dass man sich heute ständig und überall von der perfekten Seite präsentieren muss und nur das Maximum an Leistung gut genug ist, belastet viele.» Zudem gebe es nur noch wenige Jobs, in denen man nicht sozial interagieren müsse. «Auch der introvertierte Informatiker kann heute seinen Job nur ausführen, wenn er einen guten Kundenkontakt pflegt.» Der Stress mache die Menschen für Angststörungen empfindlicher.

Doch die Störungen sind laut Mark Zumbühl nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu (siehe Box). Meist verschwiegen die Betroffenen ihr Leiden, weil sie sich schämten. «Sie haben Angst, als Spinner abgestempelt zu werden.» Denn perfid an der Krankheit sei, dass sie nicht sichtbar sei. «Deswegen sitzt niemand im Rollstuhl oder geht an einem Blindenstock.» Am besten sind die Heilungschancen laut Brühl, wenn sich die Patienten einer psychotherapeutischen oder medikamentösen Behandlung unterziehen.

Pro Infirmis macht mit der neuen Kampagne «Angst lähmt» auf Angststörungen aufmerksam. Im Video dazu traut sich ein Mensch nur in Begleitung, das Zuhause zu verlassen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Giusi Raffa am 20.05.2016 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Schein trügt

    58% ich würde helfen?!?!? Leider sieht das Verständnis in der Realität ganz anders aus....

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  • Mona W. am 20.05.2016 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Panikstörung

    Leide selbst auch an einer Panikstörung. Sieht bei mir aus wie ein epileptischer Anfall, daher waren etliche Untersuchungen (Bluttests, motorische Tests, MRI, EEG, Schlafentzugs-EEG,...) notwendig. Ich kann zum Glück sehr gut damit umgehen, verstehe aber auch jeden, der das nicht kann. Mein Umfeld hat heute nach 3 Jahren noch bei jeder Panikattacke Angst um mich. Ich sage ihnen dann jeweils, sie sollen sich vorstellen ich sei ein gestrandeter Fisch, der zappelt auch so, dann können sie wieder lachen. :) Wünsche jedem Betroffenen Stärke und Kraft! Ihr seit nicht alleine damit.

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  • G.V. am 20.05.2016 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Betroffen

    Seit 15 leide ich unter krankhaften Angst- und Panikzuständen. Ich hab's zwar inzwischen ziemlich gut im Griff, aber dennoch gehören Adrenalinkicks, selten sogar Panikattacken zu meinem Alltag.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • martin born am 21.05.2016 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    angst und glück

    ich habe aufgrund von panikattacken meinen job verloren und sehe das als chance. wer mehr wissen will folge @bornomatic auf twitter. und ja, die angst ist das gegenteil vom glück !

  • Karlsson am 21.05.2016 14:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm

    Ich kenne nur Frauen die Panikattacken haben, keinen einzigen Mann. Ich habe mal gelesen das Fleischesser sehr viel häufiger Panikattacken haben als Vegetarier warum man vermutet, dass die Stresshormone der Schlachttieren im Fleisch diese begünstigen.

    • HomerJ am 21.05.2016 14:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Karlsson

      So ein Seich. Jeder Veganer der mich beim Fleisch essen sieht, bekommt eine Panikattacke und nicht umgekehrt.

    • catish am 21.05.2016 14:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @HomerJ

      Ehrlich? Niemand sollte Veganer durch Fleischessen provoz

    • Karlsson am 21.05.2016 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @HomerJ

      Leider kein Seich sondern so gelesen. Ob das aber stimmt kann einem niemand sagen da es Ärzte nicht untersuchen sondern lieber Pillen verschreiben. Daran verdienen sie mehr.

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  • Therese K am 21.05.2016 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbsthilfe Angstgruppe jetzt in fb

    Ich habe eine Facebook Gruppe gegründet Angst und Panickgruppe Schweiz würde mich freuen wenn man dort so weiter schreiben könnte. und zusammen einander halt geben könnte. An Aengste zu leiden ist nix wofür man sich schämen muss. und schon gar nicht ein Grund sein Leben zu beenden. Zusammen sind wir stark

  • Ritalinjunkie am 21.05.2016 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Weshalb ist er nicht in einer Klinik?

    Er müsste doch jetzt stationär in einer Klinik sein. Er erzählt er wäre jetzt erleichtert weil er nicht mehr arbeiten muss und gleichzeitig sagt er, dass er zu 100% arbeitsfähig sei. Ein Mann mit Panikattacken ist alles mögliche aber sicher nicht zu 100% arbeitsfähig.

    • Never Say Never am 21.05.2016 15:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ritalinjunkie

      Wenn er sich selber so einschätzt, dann ist er auch 100% arbeitsfähig. Er kann sich ja jetzt etwas anderes suchen, etwas wo er nicht so einen Druck hat. Dies macht es leichter, war bei mir auch so.

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  • Cornel W. am 21.05.2016 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Sucht ihn euch!

    Ich hatte Panikattaken bis zur Ohnmacht. Es war grauenhaft, die Ohnmacht hat dann jeweils die Spannung gelöst. Das gefährliche war, dass es überall passieren konnte.Heute, habe ich diese Krankheit nicht mehr. Sie war einfach nicht mehr da, konnte aber auch meine Kindheit aufarbeiten. Ich wünsche allen, dass euch dies auch gelingen wird. Sucht euch einen guten Psychologen! Nur nicht dieser komische Mensch, der sich hier Psychologe nennt. Probiert einfach einige aus, bis es passt. Von Herzen alles Gute!

    • Lady in Black am 21.05.2016 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Cornel W.

      Danke, jemand der anspricht, dass diese Krankheit auch ihre Ursachen hat! Und wenn diese aufgearbeitet werden, kann auch die Krankheit geheilt werden...

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