Weniger Autos, leere Städte

19. Juni 2017 12:01; Akt: 19.06.2017 13:00 Print

So stellte man sich 2017 vor 30 Jahren vor

von Marco Lüssi - 1987 erschien ein Artikel über die Schweiz im Jahr 2017. 20 Minuten hat überprüft, ob die drei Jahrzehnte alten Prognosen tatsächlich eingetroffen sind.

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Wie leben die Menschen im Jahr 2017? Darüber machte man sich bereits vor 30 Jahren Gedanken. Im Bild: Feiernde am Greenfield Festival 2017. «Die Schweiz im Jahr 2017»: Ein Artikel mit diesem Titel erschien im Jahr 1987 in der Zeitung «Blick für die Frau». Im Artikel machte ETH-Professor Jean-François Bergier Voraussagen darüber, wie die Schweiz in drei Jahrzehnten aussehen werde. Ob seine Prognosen eintreffen würden, hat der Historiker nicht mehr erlebt: Er starb im Jahr 2009. Vorher war er durch den «Bergier-Bericht» bekannt geworden, der die Rolle der Schweiz im 2. Weltkrieg untersuchte. 20 Minuten hat überprüft, ob die Zukunftsprognosen von Bergier sich bewahrheitet haben. Zur im Jahr 2017 sagte Bergier, diese werde gegenüber 1987 um 300'000 steigen - auf rund 6,8 Millionen. Hier hat er sich vertan: Ende 2016 lebten bereits 8,4 Millionen in der Schweiz. Im Bild: Besucher des Züri Fäschts 2016. Über die sagte Bergier: «Die Kleinfamilie wird eher noch kleiner sein.» In Tat und Wahrheit lebten in den Haushalten in den Achtzigerjahren etwa gleich viele Kinder wie heute. Jedoch ist die Zahl der Kinder, die nur mit einem Elternteil zusammenleben, stark gestiegen. Im Bild: Eltern mit Kind beim Einkauf an der Zürcher Bahnhofstrasse. Historiker Bergier ging 1987 davon aus, Familien würden in 30 Jahren wohnen. Im Bild: Einfamilienhaus-Baugespanne im Jahr 1989. , prognostizierte Bergier. Damit lag er nicht ganz richtig: Noch heute wohnen viele Familien in Wohnungen in der Stadt. Im Bild: die neue städtische Wohnsiedlung Kronenwiese in Zürich. Über das sagte Bergier richtig voraus, dass wir 2017 deutlich mehr ausländische Sender empfangen würden. Auch werde das Schweizer TV mehr internationale Sendungen einkaufen, da die Schweiz zu klein sei, um eigene Produktionen zu finanzieren. In der Tat kauft das SRF heute viele Sendungen im Ausland ein. Es gibt aber auch Eigenproduktionen wie den «Bestatter» (Bild), die aus der Schweiz ins Ausland verkauft werden. Richtig lag Bergier mit der Voraussage, der öffentliche Verkehr werde ausgebaut und engmaschiger. Das war 1987 bereits absehbar: Damals war die Zürcher S-Bahn im Bau. Im Bild: Baustelle des Bahnhofs Stadelhofen im Jahr 1987. Bergier ging davon aus, dass der Ausbau des ÖV dazu führen werde, dass im Jahr 2017 sind. Damit lag er falsch: Fast sechs Millionen Strassenfahrzeuge waren im letzten Jahr in der Schweiz registriert. 1985 waren es erst 3 Millionen gewesen. Im Bild: Rosengartenstrasse in Zürich. Das werde erhöht, sagte Bergier zudem voraus. Das stimmte aber nur für die Frauen: Deren Rentenalter lag 1987 noch bei 62 Jahren und beträgt mittlerweile 64 Jahre. Männer wurden bereits 1987 im Alter von 65 Jahren pensioniert. Im Bild: Rentnerpaar am Zürcher Bürkliplatz. «Die Alternativenergien werden stark entwickelt», sagte Bergier 1987. «Sie decken in 30 Jahren rund 15 Prozent des Energiebedarfs.» Damit war er zu optimistisch. Zu pessimistisch war er dagegen mit seiner Annahme, der Energiebedarf werde 2017 gleich hoch sein wie 1987: Er ist mittlerweile tiefer als damals. Im Bild: Windräder auf dem Mont-Corset in Saint-Imier BE.

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«Die Schweiz im Jahr 2017»: So lautete der Titel eines Artikels, den die Zeitung «Blick für die Frau» im Jahr 1987 veröffentlichte. Im Text machte ETH-Professor Jean-François Bergier Aussagen dazu, wie die Schweiz sich in 30 Jahren verändert haben werde.

Umfrage
Wie gut haben die Prognosen von 1987 Ihrer Meinung nach die Realität von 2017 getroffen?
25 %
66 %
9 %
Insgesamt 2601 Teilnehmer

Leser-Reporterin Heidi (59) las den Artikel damals, schnitt ihn aus und hat ihn bis heute aufbewahrt. Der «Blick für die Frau» wurde 1990 eingestellt. Heute liest Heidi 20 Minuten – und sie hat uns gebeten, die Prognosen von 1987 mit der heutigen Realität zu vergleichen. Jean-François Bergier konnte nicht mehr erleben, ob seine Voraussagen eintrafen: Der Historiker, der durch den «Bergier-Bericht» zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg bekannt geworden war, starb 2009 im Alter von 77 Jahren.

Welche von Bergiers Prognosen war richtig, wo lag er daneben? Nachstehend die Voraussagen im Artikel von 1987 und die Fakten von heute:

«Bevölkerung beginnt 2017 zu schrumpfen»

Artikel von 1987: «Heute gibt es 6'523'000 Schweizer. Bis im Jahr 2017 werden es noch etwa 300'000 mehr sein. Dann allerdings beginnt das Schweizervolk rapide zu schrumpfen. Grund: Die geburtenstarken Jahrgänge sind im Sterbealter – pro Jahr werden etwa 30'000 mehr Menschen sterben als Babys zur Welt kommen.»
Die Realität im Jahr 2017: Gemäss der Prognose von 1987 hätte die Bevölkerung in der Schweiz 2017 also rund 6,8 Millionen betragen. Tatsächlich sind es über 1,6 Millionen mehr: Ende 2016 lebten in der Schweiz 8'417'730 Menschen. Völlig falsch ist auch die Voraussage, ab 2017 würden in der Schweiz mehr Menschen sterben als zur Welt kommen: Der Geburtenüberschuss lag im letzten Jahr bei 21'062 und dürfte auch 2017 wieder eine ähnliche Grössenordnung erreichen. Grund für Bergiers Fehleinschätzung zur Bevölkerung: Er dürfte den Zustrom aus dem Ausland unterschätzt haben.

«Stadtzentren werden sich für Büros entleeren»

Artikel von 1987: «Die Kleinfamilie wird eher noch kleiner sein und im Einfamilienhaus in der Peripherie wohnen», sagt Bergier. «Die Stadtzentren werden sich weiter entleeren, um Büros und Verwaltungen Platz zu machen.»
Die Realität von 2017: Gemäss dem Familienbericht 2017 des Bundesamts für Statistik ist die Anzahl Kinder in den Haushalten seit 1980 relativ stabil geblieben. Deutlich zugenommen hat jedoch die Zahl der Haushalte, in denen Kinder nur mit einem Elternteil leben. Zunehmend mehr verbreitet als das von Bergier erwähnte Häuschen im Grünen ist jedoch die Eigentumswohnung, die oft auch in der Stadt oder in der Agglomeration liegt. Dass sich die Stadtzentren entleeren, um Platz für Büros zu machen, trifft aktuell nicht zu. Im Gegenteil: Eben hat etwa die Grossbank UBS bekannt gegeben, dass sie Hunderte Arbeitsplätze aus Zürich in ländlichere Regionen verlegt – aus Kostengründen.

«Mehr Einflüsse fremder Kulturen»

Artikel von 1987: «Es wird mehr Mischehen geben; dadurch verstärken sich die Einflüsse fremder Kulturen.»
Die Realität von 2017: Hier lag Bergier richtig. 40'186 Ehen wurden im letzten Jahr in der Schweiz geschlossen. Rund 37 Prozent dieser Ehen sind binational, wurden also zwischen einer Ausländerin und einem Schweizer eingegangen – oder umgekehrt.

«Es wird weniger Autos geben»

Artikel von 1987: «Wegen der Landflucht wird das öffentliche Verkehrsnetz engmaschiger, Nebenachsen werden erschlossen. Schnellverbindungen zwischen Städten und Ballungszentren entstehen. Es wird weniger Autos geben.»
Realität von 2017: Mit dem Ausbau des ÖV und schnelleren Verbindungen lag Bergier richtig. Dass dies aber dazu führt, dass die Zahl der Autos sinkt, war ein Irrtum: Die Zahl der registrierten Strassenfahrzeuge ist seit den Neunzigerjahren stark angestiegen. Ende 2016 waren es 5,98 Millionen. Noch 1985 lag die Zahl lediglich bei 3,22 Millionen.

«Das Pensionsalter steigt»

Artikel von 1987: «Um die Renten zu gewährleisten, wird das Pensionsalter heraufgesetzt.»
Realität von 2017: Erhöht wurde das Rentenalter tatsächlich – jedoch nur bei den Frauen: 1987 wurden sie noch mit 62 Jahren pensioniert, heute müssen sie bis 64 arbeiten, und die AHV-Revision, über die das Volk im Herbst abstimmt, sieht eine weitere Erhöhung auf 65 vor. Männer hingegen gehen heute wie bereits seit der Einführung der AHV im Jahr 1948 mit 65 Jahren in Pension.

Artikel von 1987: «Die Frauen werden sich vermehrt selbst verwirklichen – sie werden in die Arbeitswelt einbezogen.»
Realität von 2017: Tatsächlich ist die Erwerbsquote bei den Frauen seit Ende der Neunzigerjahre angestiegen. Doch auch 2017 sind noch immer deutlich mehr Männer erwerbstätig als Frauen.

«15 Prozent des Bedarfs wird aus Alternativenergie gedeckt»

Artikel von 1987: «Die Alternativenergien werden stark entwickelt», glaubte Bergier. «Sie decken in 30 Jahren rund 15 Prozent des Energiebedarfs, der gleich bleiben wird.»
Realität von 2017: Bergier war zu optimistisch: Derzeit stammen etwas mehr als 4 Prozent der Stromproduktion aus Alternativenergien. Was den Energieverbrauch der Schweizer betrifft, war Bergier dagegen zu pessimistisch: Der ist gegenüber 1987 nicht gleich geblieben, sondern gesunken.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Damian am 19.06.2017 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn

    Also ich sag voraus: in 30 Jahren werden wir noch mehr Probleme auf der Welt haben, Die Wetterkapriolen werden extremer, es wird eine Torkamera geben und Handys werden nicht wesentlich grösser falls es die noch gibt. Just Bieber wird nicht mehr in den News sein, auch Michelle Hunziker und Co. Mal schauen ob ich recht haben werde. Wir hören uns dann in 30 Jahren :)

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  • Corncircle am 19.06.2017 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön wärs.....

    Die 30h Woche wäre doch was gewesen! Schade :(

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  • Hr. Dandro am 19.06.2017 12:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tolle Vorausage!

    So falsches hätte ich auch voraussagen können! Brauchts kein Profesor dazu!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • QuoVadis am 20.06.2017 08:35 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitsmarkt

    Bis in 30 Jahren wird die arbeitende Bevölkerung massiv erhöhte Steuer- und Versicherungsbelastungen ertragen. Der Arbeitsmarkt wird noch brutaler, viele werden schon mit 40 Jahren völlig ausgebrannt und nie wieder arbeitsfähig sein. Stellen für diese Personen wird es gar nicht mehr geben und die Arbeitenden werden vollumfänglich für sie aufkommen müssen. Altersarmut wird ab 50Jahren beginnen, betroffene werden für Jahrzehnte von der Gesellschaft ausgeschlossen, die Kaufkraft geht allgemein zurück. Die Gesellschaft wird daran verrohen. Ethik und Moral wird es nur noch in den Irrenhäusern geben

  • Toni am 20.06.2017 04:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    WW3

    In 30 jahren gibt es nur noch 1-2 milliarden menschen auf der erde :)

  • fischli am 20.06.2017 00:32 Report Diesen Beitrag melden

    Glücksfall

    In dreissig Jahren werden die KK- Prämien verdreifacht sein, also die Tragbarkeit analog zur Hypothekenvergabe nicht mehr gegeben sein bei den meisten. Aber zum Glück gibt es in der Schweiz noch 3 Tierspitäler, dort kann man sich zwischen 2 Operationen an Rennpferden mit etwas Glück eine Krebsbestrahlung ergattern.

  • Matzli am 19.06.2017 23:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsere Welt in 30 Jahren

    In 30 Jahren, also 2047 übernehmen ferngesteuerte Zahnbürste die Weltherrschaft!

  • Rusty Bloom am 19.06.2017 22:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ne, ne

    Ne, so was wollen wir nicht. Wir diskutieren doch grad drüber ab 16 Jahren die Autoprüfung zuzulassen. Verstehst det?