Atomdebatte

11. Mai 2011 16:24; Akt: 11.05.2011 16:31 Print

Schweiz ohne AKWs, dafür mit Gaskraftwerken

Da in naher Zukunft keine neuen Atomkraftwerke in der Schweiz gebaut werden können, sind nach Ansicht der Energiewirtschaft Ersatzlösungen nötig.

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Dem wird der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts publik, dass das AKW Mühleberg vorerst nur bis Juni 2013 betrieben werden darf. Für eine längere Bewilligung braucht es ein umfassendes Sicherheits- und Instandhaltungskonzept. In der Schweiz soll es keine neuen Atomkraftwerke geben: Am gibt Energieministerin Doris Leuthard (CVP) den bundesrätlichen Beschluss zum mittelfristigen Atomausstieg bekannt. Nach dem Supergau in Fukushima ist die Bevölkerung aufgerüttelt: Am 20 000 Menschen in Kleindöttingen für einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. Das Volk im Kanton Bern sagt am Ja zu einem neuen AKW in Mühleberg, im Bild das Modell. Die Konsultativabstimmung findet einen Monat vor Fukushima statt. Gleich für drei neue Kernkraftwerke reichen die Stromkonzerne Gesuche ein: Gösgen, Beznau und Mühleberg. Das Bild zeigt eine Computerillustration des geplanten AKW in Beznau. Im besetzt Greenpeace den Kühlturm von Leibstadt. Zwei Monate später lehnt das Schweizer Volk erneut den Atomausstieg sowie ein weiteres Moratorium klar ab. Neben der Frage der Endlagerung sorgen auch die Atomtransporte immer wieder für Gesprächsstoff. Greenpeace blockiert Ende August das Zufahrtsgleis zum AKW Gösgen. In den prägt der Wellenberg im Kanton Nidwalden die öffentliche Debatte. Die Nagra führt auch an anderen Orten Sondierbohrungen durch. Aufnahme von in Benken im Zürcher Weinland. Dort soll ein Lager für radioaktive Abfälle entstehen. Nach der Ablehnung durch die Bevölkerung wird das Projekt auf Eis gelegt. Die Bohrstelle in Grafenort am Wellenberg in einer undatierten Aufnahme. Nach dem Volks-Ja vom September 1990 zu einem zehnjährigen Moratorium beruhigt sich die Diskussion um die Kernenergie in der Schweiz - zumindest grösstenteils. Am versuchen Greenpeace-Mitglieder auf das Gelände des Kraftwerks Beznau zu gelangen, um gegen den Einbau eines neuen Dampferzeugers zu protestieren. Wenige Tage vor der Abstimmung am werben Greenpeace-Aktivisten am Kühlturm von Leibstadt. Das Volk lehnt den Atomausstieg ab, stimmt aber einem zehnjährigen Moratorium zu. Die Linken üben sich in Solidarität mit Tschernobyl: Die SP-Nationalräte Peter Bodenmann (links) und Elmar Ledergeber, späterer Stadtpräsident Zürichs, unterziehen sich am einer Strahlenmessung während des Besuchs einer Parlamentarierdelegation in Tschernobyl. Beim Aareschwimmen in Bern am fordern die Atomgegner 3x Ja: für den Energieartikel, für die Ausstiegsinitiative und die Moratoriumsinitiative. In der Schweiz beginnt der Abstimmungskampf: Im Januar blockieren Greenpeace-Aktivisten einen Zug mit Atommüll beim Kernkraftwerk Gösgen. Die Beerdigung von Kaiseraugst als Coup: Der damalige SVP-Nationalrat Christoph Blocher stellt am in Bern eine Motion vor, die eine Entschädigung für das Ende von Kaiseraugst fordert. Motor-Columbus, in deren Verwaltungsrat Blocher sitzt, erhält vom Bund schliesslich 350 Millionen Franken. Die Regierung steht weiterhin zur Atomkraft: Ein halbes Jahr nach Tschernobyl, eröffnet Bundesrat Leon Schlumpf (links) das Fernwärmenetz des AKW Beznau. Als Folge der Tschernobyl-Katastrophe lancieren links-grüne Kreise die Zwillingsinitiativen zum Ausstieg aus der Atomenergie und zum Moratorium. SP-Präsident Helmut Hubacher an der Delegiertenversammlung im Der Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 mobilisiert auch in der Schweiz. Zwei Monate später, am versammeln sich rund 30 000 Demonstranten in Gösgen. Es ist die grösste Demonstration gegen die Kernenergie in der Schweiz. Dabei sind jedoch auch gewaltbereite Militante aktiv. Sie versuchen das Kraftwerksgelände zu stürmen, was die Polizei mit Tränengas verhindert. Kaiseraugst ist das Aushängeschild der Anti-Atom-Bewegung der in der Schweiz - obwohl in der gleichen Zeit die AKW Gösgen und Leibstadt nicht verhindert wurden. Protest-Denkmal in Kaiseraugst, aufgenommen 1985. Andere AKW wurden jedoch nie gebaut, wie jenes in Inwil (LU). Fackelmarsch am der Gewaltfreien Aktion Inwil in Luzern. Ein Teil der Anti-Atom-Bewegung radikalisiert sich und schreckt auch vor gewalttätigen Aktion nicht zurück. Im wird der Informationspavillon von Kaiseraugst mit einer Bombe zerstört. In Gösgen versuchen AKW-Gegner 1977 mehrmals die Baustelle zu besetzen, was misslingt. Am besetzen einige Tausend Personen Eisenbahnunterführungen bei Dulliken. Das Bild zeigt Filippo Leutenegger (mit Megafon), späterer Chefredaktor der Schweizer Fernsehens und heutiger FDP-Nationalrat. Gut zehn Wochen dauert die Besetzung. räumen die AKW-Gegner die besetzte Baustelle des geplanten Kernkraftwerks Kaiseraugst, nachdem der Bundesrat einen Baustopp zugesichert hatte. Das geplante AKW Kaiseraugst wird zum Kristallisationspunkt der Schweizer Anti-Atom-Bewegung. Am besetzen einige Hundert «A-Werk-Gegner» die Baustelle des geplanten Kernkraftwerks. formiert sich Widerstand gegen Kernkraftwerke in der Schweiz, der anfangs noch stark durch den Gewässerschutz motiviert war. FDP-Bundesrat Ernst Brugger sitzt 1970 an einem Schaltpult in Beznau I. Ausgerechnet ein Sozialdemokrat setzt sich für die Kernenergie in der Schweiz ein: Bundesrat Willy Spühler, von 1960 bis 1966 Energieminister, aufgenommen während des Besuchs eines AKW in Schweden Das erste AKW der Schweiz: Beznau I nimmt nach vier Jahren Bauzeit seinen Betrieb auf. Aufnahme von 2002 mit Beznau II, das 1972 ans Netz ging.

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Neben dem Weiterbetrieb der bestehenden AKW brauche es wahrscheinlich auch weitere Gaskraftwerke. Die Energiewirtschaft müsse jederzeit in der Lage sein, dem Land Energie zu erschwinglichen Preisen zu liefern, hielten die Präsidenten der Strom-, Erdgas- und Erdölbranche am Mittwoch an einer Medienkonferenz des Energieforums Schweiz fest.

Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, müsse die Schweiz verlässliche langfristige Rahmenbedingungen schaffen. Die Energiewirtschaft unterstütze den Wandel zu mehr erneuerbaren Energien und Energieeffizienz - der Übergang werde aber mehrere Jahrzehnte dauern.

Die Sistierung der Rahmenbewilligungsgesuche für neue Atomkraftwerke führe zu einer mehrjährigen Verzögerung und erfordere Ersatzlösungen. «Wahrscheinlich ist - neben dem Weiterbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke - der Zubau einiger Gaskraftwerke unumgänglich», hielt Rudolf Steiner, Präsident des Energieforums Schweiz, fest.

Stromimport keine Lösung

Der zusätzlich CO2-Ausstoss solle dabei im Ausland kompensiert werden können. Die Verpflichtung zur CO2-Kompensation im Inland halten die Verbände für unwirtschaftlich. Auch Importe seien keine Lösung. Damit steige nur der CO2-Ausstoss Europas. Es fehle zudem an Übertragungskapazitäten und künftig drohten beim Einkauf von Strom hohe Preise.

Vernünftig sind nach Ansicht der Energiewirtschaft einzig Stromerzeugungsanlagen im Inland. Langfristig setzt die Branche aber nicht auf Gaskraftwerke, sondern auf Wärmekraftkoppelung, die vom grossen Quartierwärmenetz bis zur Brennstoffzelle reiche.

Skepsis beim Schiefergas

Die Förderung von Schiefergas hat für die Branche keine Priorität. «Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine grosse Industrie für Schiefergas in der Schweiz entwickelt, ist gering - wegen der hohen Bevölkerungsdichte, der topographischen Bedingungen und einer sehr strikten Umweltschutzgesetzgebung», sagte Jean-Marc Hensch vom Verband der Schweizerischen Gasindustrie.

Die Entwicklung der Schiefergas-Industrie etwa in Frankreich und Polen könnte die Chancen in der Schweiz allerdings erhöhen, sagte Hensch. Die Gewinnung von Schiefergas, das in tiefen Gesteinsschichten lagert, gilt als schwieriger und kostspieliger als die Erschliessung herkömmlicher Gasfelder. Aufgrund der steigenden Gaspreise könnte sich die neue Technologie allerdings rechnen.

Erdölvereinigung bezweifelt Klimawandel

Bei den Themen Stromversorgung und Klimapolitik sei es an der Zeit, von «Panikmache» wegzukommen, sagte Ronald Ganz. Der Präsident der Erdölvereinigung stellte in seinem Referat gar in Frage, dass der vom Mensch verursachte CO2-Ausstoss der Umwelt schade. Dies sei «wissenschaftlich keineswegs so gesichert, wie es immer wieder unreflektiert kolportiert wird».

«Der Klimawandel ist ein globales Phänomen, und dafür braucht es - wenn er wirklich ein Problem ist - globale Lösungen.» Den CO2- Ausstoss ausschliesslich im Inland kompensieren zu wollen, sei ein unbezahlbares «Fantasieziel».

(sda)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anina am 24.05.2011 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Beleuchtung!

    Bevor man überhaupt übers abschalten der AKW`s diskutieren kann, sollten wir erst mal den Stromverbrauch reduzieren und ich rede nicht vom roten Knöpfchen am Fernseher, das ist sowieso ein Witz! Wieso sollten wir "normal Bürger" diesen mini Verbrauch an Strom einsparen, wenn man die ganze Nacht lang in der Stadt die Schaufenster beleuchtet? Wir könnten sicherlich mindestens ein AKW abschalten, wenn wir nur all die unnötigen Beleuchtungen von Autogaragen, Schaufenstern, Werbetafeln, Selecta-Automaten und all diesen reizüberflutenden Lichtquellen von 00.00Uhr bis 04.00Uhr ausschalten würde.

  • Nemo am 13.05.2011 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Ist das die

    Alternative die AKW-Gegner zu bieten haben? Eine Dreckschleuder gegen eine andere Dreckschleuder auszutauschen?

  • Franz W. Seibold am 11.05.2011 23:38 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist unsere Regierung noch wert?

    Wer sagt denn, wir dürfen künftig keine AKW's mehr betreiben? Doch nicht etwa die grenznahen Oesterreicher oder die Deutschen? Wir wollen sehen, ob der Souverän nichts mehr dazu zu sagen hat. Oder ist unser Bundesrat schon wieder ein weiteres Mal vor dem Ausland eingeknickt?

    • Papierlischweizer am 13.05.2011 10:34 Report Diesen Beitrag melden

      Mehr als Sie denken

      Der Souverän, wie Sie es so schön nennen, ist nicht derart blauäugig, die Geschehnisse in Japan nicht richtig zu interpretieren und daraus eine Grundeinstellung gegenüber atomarer Energie abzuleiten zu können. Der Bundsrat tut gut daran, die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen. Deshalb wird der Bau von neuen AKWs in der Schweiz wohl am Ende genau an diesem Souverän scheitern, genauso wie mit Fossilenergie betriebene Kraftwerke. Das hat nichts mit unseren Nachbarn zu tun, sondern schlicht mit gesundem Menschenverstand und nachhaltigem, zukunftsgerichtetem Denken.

    • Adrian fler am 21.06.2011 10:55 Report Diesen Beitrag melden

      100 FR.

      nein sind sie nicht

    einklappen einklappen
  • Hans Dampf am 11.05.2011 22:30 Report Diesen Beitrag melden

    Strom ohne CO2

    Ausserdem schreien die Grünen ja auch, wenn man ein Windkraftwerk aufstellen will. Sehen wir bestens auch an dem Beispiel des Grimselkraftwerkes. Wasserkraftwerk wäre noch das Einzige, was CO2 frei wäre aber eine Erhöhung der Staumauer kommt für Geri Müller und Co ja auch nicht in Frage... Meine ich das nur, oder kommen die Grünen nie mit zahlen? Präsentiert doch bitte mal eine Lösung, mit welcher wir die 40% der Stromproduktion der KKWs ersetzen sollen. Aber bitte vorrechnen und nicht Glaskugeln lesen...

  • Hans Dampf am 11.05.2011 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    Alternativen?

    Auf Grund des zunehmenden Wohlstandes steigt auch der Stromverbrauch jährlich. Natürlich kann die Energieeffizienz gesteigert werden, aber der totale Stromverbrauch steigt trotzdem an, wenn der neue LCD-Fernseher dafür doppelt so gross ist. Das gleiche gilt für Autos. Wie soll man in der Schweiz den Strombedarf mit Solaranlagen oder Windkraft bei Spitzenlast decken? Wir brauchen auch Strom, wenn die Sonne nicht scheint oder wenn es windstill ist.

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