Philosophie-Professor

08. Januar 2015 05:53; Akt: 08.01.2015 17:38 Print

«Am besten unbeeindruckt weitermachen»

von Stefan Ryser - Wie sollen Gesellschaft und Medien auf den Anschlag von Paris reagieren? Philosophie-Professor Georg Kohler rät zu Besonnenheit – und Mut.

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«Keep calm and carry on, wie es so schön auf Englisch heisst»: Georg Kohler, emeritierter Professor für Politische Philosophie der Uni Zürich. (Bild: Thomas Burla)

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Herr Kohler, das Attentat auf «Charlie Hebdo» ist wohl als Reaktion auf die islamkritische Haltung des Satiremagazins zu werten. Sind die Journalisten selber schuld?
Nein, natürlich nicht. Das gehört zur Meinungsfreiheit des Westens, dass man auch scharfe islamkritische Aussagen macht. Zu sagen, dass die Journalisten selber schuld seien, ist absurd.

Das Attentat bedeutet einen direkten Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit. Ist die Meinungsfreiheit in den westlichen Demokratien überhaupt noch zu gewährleisten?
Selbstverständlich. Dass es immer wieder solche Angriffe gibt, ist zu erwarten. Die Meinungsfreiheit ist aber ein garantiertes Recht in unserem Staat, das in keiner Weise in Frage gestellt ist. Gewiss ist diese Freiheit auch mit Risiken verbunden, doch der Staat muss sie mit allen verfügbaren Massnahmen schützen, im Notfall auch mit polizeilichen.

Auch auf unserer Redaktion sitzt der Schock tief. Die Attentäter haben damit ein wichtiges Ziel bereits erreicht; der Terror erreicht die Redaktionen und beeinflusst die Berichterstattung.
Ich erwarte von den Journalisten, dass sie für dieses hohe Gut – die Meinungsfreiheit – einstehen und den entsprechenden Mut beweisen.

Der Chef von «Charlie Hebdo» sagte vor zwei Jahren in «Le Monde», dass er eher aufrecht sterben wolle, «als auf den Knien weiterzuleben». Dieser Satz zeugt vom Mut des nun ermordeten Stéphane Charbonnier. Ist Mut am Ende alles, was uns bleibt?
Nein, sicher nicht. Mut ist nur ein Faktor bei der Verteidigung der Errungenschaften der westlichen Welt, für die wir uns alle einsetzen müssen.

Die Schweiz ist eine offene Gesellschaft, unsere Medienhäuser ein Abbild dieser Gesellschaft und praktisch für alle frei zugänglich. Ist diese Offenheit nicht auch fahrlässig?
Nein, auf keinen Fall.

Medienhäuser im Ausland sind aber heute schon wahre Festungen, mit Sicherheitsschleusen wie am Flughafen. Müssen auch Schweizer Medien sich besser schützen?
Wenn einem Medienhaus nichts anderes übrigbleibt, muss es sich besser schützen und schärfere Sicherheitsvorkehrungen in Kauf nehmen.

Die Attentäter verbreiten Angst und Schrecken. Was wäre eine adäquate Reaktion auf dieses Massaker?
Am besten nicht zur Kenntnis nehmen und unbeeindruckt weitermachen: Keep calm and carry on, wie es auf Englisch so schön heisst.

Wie sehr gefährdet das Attentat den inneren Frieden der freiheitlichen Gesellschaft?
Ich könnte mir vorstellen, dass das Attentat unsere Gesellschaften in ihren Überzeugungen sogar noch stärkt, ihre unabdingbaren Positionen zu behaupten.

Gibt es überhaupt eine angemessene Antwort auf diese Form des Terrorismus?
Wie gesagt: sich in der eigenen Überzeugung nicht beirren lassen. Und die Meinungsfreiheit weiter verteidigen, indem man sie ausübt.

Georg Kohler ist emeritierter Professor für Politische Philosophie der Universität Zürich.