Die lieben Nachbarn

18. März 2015 09:52; Akt: 18.03.2015 13:22 Print

«Am Samstag können wir hier nicht mehr einkaufen»

von G. Brönnimann - Konstanz profitiert wie viele grenznahe Städte sehr von Schweizer Einkaufstouristen. Doch manchem Einwohner wird es langsam zu viel des Guten.

In Konstanz herrscht wegen der vielen Schweizer Einkaufstouristen nicht nur eitel Freude. (Video: Vincent Freigang/Gabriel Brönnimann)
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Kreuzlingen, Dienstag, kurz vor 14 Uhr. Bis auf die Motoren der Autos auf den Strassen zwischen der Schweiz und Deutschland läuft nicht viel in der zweitgrössten Stadt im Kanton Thurgau. Die Läden sind, genauso wie die Gassen, halbleer. «Nichts los», sagt Claudia Zürcher vom Second-Hand Tierzubehör an der Konstanzerstrasse 1 – dem letzten Haus vor der Grenze. «Schon seit Januar nicht. Januarloch, dachte ich.» Doch es ist der 17. März, warmes Wetter, Sonnenschein. Und trotz Discount-Preisen scheint sich kaum jemand für Claudia Zürchers Tierzubehör zu interessieren. «Alles Qualitätsware, aber günstig», sagt sie.

Auf dem Konstanzer Parkplatz Döbele, 200 Meter entfernt, reiht sich Auto an Auto. Schweizer Nummernschilder aus allen Kantonen. Die 335 Plätze sind am Dienstagnachmittag fast vollständig besetzt. Konstanz, 81‘000 Einwohner, hat zehn grosse öffentliche Parkhäuser und Parkplätze – Platz für weit über 3‘000 Autos. Es reicht am Wochenende kaum mehr. Kilometerlange Staus sind die Folge.

«Die Stadt ist zu klein für den Ansturm»

In der verkehrsfreien Konstanzer Altstadt herrscht gleichzeitig mehr Betrieb als in mancher Schweizer Kleinstadt an einem Samstagnachmittag. Die Gassen und Cafés sind ebenso gut gefüllt wie die vielen farbigen Plastiktaschen der Fussgänger.

Man spricht Deutsch. Auch sehr viel Schweizerdeutsch. Am Bahnhof: Plakate für Ferien in den Alpen und das Connyland. «Lueg wie schön! Meinsch, da isch in Euro au billiger?», sagt einer aus einer Gruppe von Neuankömmlingen. Manche Bürger aus Konstanz mögen es nicht mehr hören. Eine Detailhandelsangestellte* sagt: «Es ist unterdessen so: Ich komme aus meinem Aussenquartier nicht mehr in die Stadt am Samstag. Das dauert Stunden statt Minuten.» Die junge Frau schüttelt den Kopf: «Am Samstag können wir Einheimischen hier nicht mehr einkaufen gehen. Es ist viel zu voll. Parkplätze kann man vergessen.» Auch Paul Glassner erzählt, viele gingen samstags nicht mehr einkaufen: «Die Stadt ist zu klein für den Ansturm.»

«‹Koghba›? Die sind ja wohl bescheuert!»

Beatrice Patter aus Konstanz erzählt von Schweizern, die trotz Verbotstafeln und Lotsen mitten im Wohnquartier parkieren. Nichts gegen Schweizer, im Gegenteil, aber trotzdem: «Ich habe das Gefühl, dass es eine grosse Dreistigkeit gibt.» Ein Konstanzer* erklärt, was mit dieser Dreistigkeit gemeint sein könnte: «Die sparen Hunderte. Eine mögliche Busse von 15 Euro ist denen doch egal.» Bei den Worten «Parkplatz» und «Samstag» verdreht jeder Angefragte kurz die Augen. Schüler Lenné Nawrocki erzählt von langen Wartezeiten in Läden: «Ich habe schon erlebt, dass ein Schweizer für einen Eistee an der Kasse einen Ausfuhrschein ausfüllen liess. Wegen fünf Cent liess er alle warten!»

Verkehr, Lärm und lange Schlangen in den Läden: Die Klagen sind immer dieselben. Eines betonen aber auch alle: «Wir mögen die Schweizer, und die meisten sind sehr freundlich. Ein schlechtes Erlebnis hatte ich noch nie.» Und viele wissen auch: «Ohne ginge es ja auch nicht.» Und bei einem sind sich auch alle einig: Die Facebook-Gruppe «Konstanz gegen die Helvetisierung des Badnerlandes» (Koghba) unterstützt niemand. «Was? Die sind ja wohl bescheuert», lautet die typische Antwort.

30'000 Pakete für die Schweiz. Plus 30 Prozent.

Angefragte Gewerbler wollen von Kritik an den Schweizern nichts wissen. «Unsinn», heisst es in den Läden, «Quatsch» sei das. «Lieferadresse Konstanz» steht auf einem Schaufenster in Bahnhofsnähe. So heisst das Geschäft von Frank Klein: Kunden können bestellte Waren – etwa von Online-Shops – unter ihrem Namen an dieses Zwischenlager senden lassen und es dann später persönlich abholen. Das spart Porto- und Verzollungsgebühren.

Was 2009 in Frank Kleins Wohnung seinen Anfang nahm, wurde ein Business an zwei Standorten mit über zehn Beschäftigten. «Das lief schon gut, als der Euro noch bei 1.58 war», sagt Klein, auf vier Seiten umgeben von Paketen, die sich bis an die Decke türmen. Fast auschliesslich solche mit vierstelligen Postleitzahlen. «30‘000 waren es letztes Jahr», sagt Klein. Und 2015 werden es wohl sehr viel mehr: «Seit dem SNB-Entscheid sind es noch etwa 30 Prozent mehr geworden», sagt der Geschäftsinhaber. Für Schweiz-Kritiker hat er gar kein Verständnis: «Ohne die Schweizer Kunden ginge es dem Gewerbe hier schlecht.»

Schweizer zeigen Verständnis. Mehr oder weniger.

Zwei Schweizer Männer, graues Haar, rosige Wangen, spazieren nach ihrem Zmittag plaudernd durch die Altstadt. «Wir sind nie hier zum Einkaufen, wir gehen nur hier essen», sagt der eine. Auf die Probleme mancher Einwohner angesprochen, sagt der andere: «Wenn ich aus Konstanz wäre, würde ich es hier nicht mehr aushalten. Die vielen Schweizer haben die Stadt schon kaputtgemacht. Es ist nur noch unter der Woche auszuhalten.» Christian Steiger aus Bülach kommt ebenfalls regelmässig nach Konstanz, um mit seiner Frau einzukaufen. Er sieht es nicht so tragisch wie die zwei anderen Schweizer, zeigt aber ebenfalls Verständnis für die Einwohner: Es sei sicher nicht immer einfach mit so vielen Schweizern. Negative Erlebnisse habe er noch nie gehabt, obwohl er seit Jahren immer wieder kommt: «Ich wurde hier immer nur sehr freundlich empfangen und fühle mich wohl.»

Weniger angetan waren Claudia Steiner und Juliana Lima de Oliveira aus Bern. Steiner sagt, die Leute in den Läden hätten sie nicht gerade zuvorkommend bedient: «Dabei waren wir freundlich. Sie haben uns nicht einmal gefragt, ob wir eine Tragtasche wollten.» Juliana Lima de Oliveira meint, die Angestellten in den Läden hätten «etwas genervt, etwas gestresst» gewirkt. Der Grund? Sie sagt lachend: «Es hat viel zu viele Schweizer hier.»

*Namen bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans Guggindieluft am 18.03.2015 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Morgens in Basel

    Klar ist es mühsam für die Konstanzer, aber ich habe auch jeden Morgen Stau wegen den Deutschen und den Franzosen, würden diese nicht in der Schweiz arbeiten hätte ich keinen Stau mehr!

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  • Alessa am 18.03.2015 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Sie würden es genau gleich machen

    Wäre es umgekehrt, würden die Deutschen ebenfalls in grenznahen Schweizerstädten einkaufen. Ich glaube auch nicht, dass sie Parkverbote respektieren würden.

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  • Mike am 18.03.2015 09:58 Report Diesen Beitrag melden

    verstanden und akzeptiert.

    Ich verstehe die Betroffenen und werde Ihrem Wunsch nachkommen und nicht mehr in Konstanz oder anderen grenznahen Städten einkaufen. Schade aber ich akzeptiere es.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anni am 19.03.2015 22:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @Angestellter

    Ach un die CEO sind auch von Heut auf Morgen plötzlich da gestanden und haben "einfach" den Laden übernommen ? Mit Ihre Aussage mögen Sie vielleicht recht haben aber bitte dann nicht auf die Arbeitnehmer schieben !

  • R.Lüthi am 19.03.2015 20:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt reichts!

    Hört doch endlich mit diesem unsäglichen Schlagabtausch auf. Ich erlebe diesen sog. Dichtestress in der Schweiz auch und ich lebe damit. Dies ist nun mal der Lauf der Zeit und eine Folge der unbegrenzten Mobilität. Ich mag die Deutschen, lebe und arbeite mit ihnen - ohne Probleme, ohne Futterneid. Dasselbe erwarte ich aber auch in Konstanz. Schlechte Erfahrungen machte ich diesbezüglich nie und hoffe, dies bleibe auch so. In diesem Sinne freue ich mich auf den nächsten Besuch in Konstanz wenns etwas wärmer ist und Markstätte und Seepromenade zum Verweilen einladen. Und bitte, bleibt tolerant.

  • f.f. am 19.03.2015 18:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja jaa...

    zu stosszeiten staut sich der verkehr zwischen zürich und winterthur auch praktisch jeden abend... ein grossteil fährt von der arbeit nach hause ins benachbarte deutschland! sagt ja auch keiner was.

  • Gabri am 19.03.2015 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unmögliches Verhalten

    Die Leidtragenden am ganzen sind wir in Kreuzlingen. Die Geschäfte schließen einer nach dem andern. Wir hatten zu Konstanz immer ein gutes Verhältnis, aber dank den Zürchern, Zuger St. Galler etc die sich teilweise unmöglich benehmen werden wir blöd angepöbelt. Und zu den Konstanter will ich sagen, ich verstehe das es nicht mehr erträglich ist aber dafür habt ihr genügend Jobs und eure Läden florieren was bei uns nicht der Fall ist. Lasst uns wieder in Frieden Zusammenleben den das wahr schön!

  • Rene A am 19.03.2015 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    ist es nicht so

    liebe Konstanzer, noch etwas, wir kommen um einzukaufen, gehen aber wieder, aber wenn Ihr kommt dann bleibt ihr meistens.

    • H.H. am 19.03.2015 14:47 Report Diesen Beitrag melden

      Klares Nein.

      die Konstanzer sind Konstanzer. Per Definition wohnen sie in Konstanz und versteuern in Deutschland, sofern sie irgendwo arbeiten. Sie schicken ihre Kinder in der Regel auch in deutsche Schulen und kaufen in Deutschland ein.

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