20 Buben missbraucht

14. März 2013 07:34; Akt: 12.08.2016 10:44 Print

Berner Sex-Täter war Vorzeige-Pädagoge

von A. Hirschberg - Als Sozialarbeiter stand er erfolgreich im Rampenlicht, im Verborgenen missbrauchte er unzählige Kinder: der ADHS-Coach T. B. Seine Arbeitgeber wollen nichts geahnt haben.

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Die Nachricht erschüttert derzeit die Schweiz: Schulsozialarbeiter T. B. soll gemäss Berner Polizei während 16 Jahren 20 Knaben missbraucht haben. Der heute 43-Jährige ist nicht einfach irgendein Jugendarbeiter. B. ist ein Schulsozialarbeiter der ersten Stunde und hat sich später als ADHS-Coach zu einem angesehenen Experten hochgearbeitet: Er schrieb an einem Buch über die Gefühlswelt von männlichen Jugendlichen mit, trat als Experte an einem Vortrag gemeinsam mit dem deutschen Professor Gerald Hüther von der Uni Göttingen auf und war der Vorzeige-Sozialpädagoge bei einem Projekt mit ADHS-Kindern, das verfilmt und in einer Reportage beschrieben wurde.

Das Projekt war nur eines von vielen Sommerlagern und Erlebniscamps, in denen B. ADHS-Kinder betreute. Einige davon wurden von der Sinn-Stiftung aus Deutschland getragen. Bereits bevor die Kantonspolizei zum ersten Mal von Eltern alarmiert wurde und die Ermittlungen aufnahm, hatte die Stiftung im Juni 2011 von den Übergriffen B.s auf ein Kind erfahren. Eine Familie hatte die Stiftung kontaktiert. «Weil die Familie aber keine Anzeige erstatten wollte und die Übergriffe nicht in einem unserer Camps stattgefunden hatten, waren uns die Hände gebunden», so Stiftungsleiter Christian Rauschenfels.

Man habe die Zusammenarbeit mit B. zwar sofort beendet, jedoch keine Organisationen oder Familien warnen können. «Uns hätte sonst eine Verleumdungsklage gedroht», sagt Rauschenfels. Erst im Januar 2012 erstattete eine Mutter Anzeige bei der Kantonspolizei Bern, weil B. ihre Kinder missbraucht hatte.

Die Vorwürfe liessen sich lange nicht erhärten

Die Ermittlungen förderten Schockierendes zutage: Die Übergriffe von B. reichen offenbar bis ins Jahr 1996 zurück. Damals schloss er an der Höheren Fachschule im Sozialbereich in Basel seine Ausbildung als Sozialarbeiter ab und war zunächst als Jugendarbeiter tätig. Bereits 1998 arbeitete er für einige Stunden pro Woche als Schulsozialarbeiter an der Sekundarschule in Oberwil BL. 2001 wechselte er nach Köniz, wo er bis 2008 tätig war.

Ein Jahr nach seiner Anstellung in Köniz wurde die dortige Schulleitung informiert, dass B. sich an seinem alten Arbeitsort an Jugendlichen vergangen haben soll. «Wir klärten das ab, die Vorwürfe liessen sich aber nicht erhärten», sagt Gemeinderat Ueli Studer. Sie seien von einer Lehrkraft im Kanton Baselland erhoben worden, sie habe diese Informationen aber nur aus zweiter Hand gehabt.

«Es gab niemanden, der Anzeige erstattete», so Studer. Man habe B. darauf eine Auflage gemacht. «Zum Schutze aller sollte er bei Aktivitäten ausserhalb der Schule nicht mit den Kindern alleine sein.» Was sich aber in der Freizeit des Sozialarbeiters abgespielt habe, darüber habe die Schule keine Kontrolle gehabt, so Studer. Fachlich sei man mit der Arbeit des Mannes immer zufrieden gewesen.

T. B. galt als engagiert und vorbildlich

Ein ehemaliger Schüler aus Köniz kann sich noch gut an B. erinnern. «Er war sehr beliebt und galt als toller Schulsozialarbeiter.» Es sei aber bekannt gewesen, dass die Problemkinder, die «bösen Jungs», immer wieder mal zu ihm nach Hause gehen mussten. Darum habe es in Köniz mit der Zeit Gerüchte über T. B. gegeben. «Es heisst, sogar Eltern hätten sich beschwert, weil Jugendliche zu ihm nach Hause mussten», so der ehemalige Schüler. Er ist darum überzeugt, dass es auch in Köniz Opfer von B. gibt.

2008 wechselte B. in den Kanton Solothurn, wo er von der Perspektive Solothurn bis 2010 als Schulsozialarbeiter angestellt wurde. Er war in Derendingen für die Primar- und Sekundarschule tätig. Auch dort hörte man von den Gerüchten aus dem Kanton Baselland. Man habe die Vorwürfe von einer Anwältin abklären lassen. «Weil sich nichts erhärten liess, die Vorwürfe schon länger zurücklagen und T. B. bereits gekündigt hatte, verfolgten wir dies nicht weiter», sagt Geschäftsleiterin Karin Stoop von der Perspektive Solothurn. B. galt als engagierter und vorbildlicher Sozialarbeiter. Nebst seiner Tätigkeit in der Schule organisierte er noch Skilager oder eine Bubenwoche.

Keine Hinweise auf Missbrauch in der eigenen Gemeinde

Nach seiner Anstellung in Solothurn bot T.B. als Privater Lager für Buben an und arbeitete für die deutsche Sinn-Stiftung. Auf einer noch heute aktiven Facebook-Seite preist B. zusammen mit einem Sportlehrer aus dem Baselland «spannende und erlebnisreiche Outdoor-Projekte für Kinder und Jugendliche» an. Während solchen «Erlebniswochen» hat B. mehrere Kinder missbraucht.

Trotz der happigen Vorwürfe will keiner der Arbeitgeber je Anhaltspunkte erhalten haben, dass T. B. in ihrer eigenen Gemeinde ebenfalls Buben missbraucht haben könnte. «Weder die Schule noch andere Stellen haben je irgendeinen Verdacht geäussert», sagt Stoop von der Perspektive. Dennoch hat die Kantonspolizei Bern bereits 20 Opfer gefunden – die meisten stammen aus dem Kanton Bern.

Mitarbeit: Christian Holzer

Kannten Sie T. B., haben Sie Ihre Kinder zu ihm geschickt oder haben Sie sonst Hinweise oder Informationen? Schreiben Sie uns! feedback@20minuten.ch


(Quelle:YouTube/wwwlive1TV)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jana am 14.03.2013 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Jahrelange Schäden

    Das Opfer trägt nicht nur Jahrelange Schäden davon, sondern kann später auch selbst zu Täter werden. Ich gehe sowieso davon aus, dass genauso viele Jungs wie Mädchen missbraucht werden. Sowieso, sollte der Kindesmissbrauch viel viel härter bestraft werden müssen.

  • Jörg Oberli am 14.03.2013 09:06 Report Diesen Beitrag melden

    Niemand ...

    ... von den Verantwortlichen wollen über alle die Jahre nichts bemerkt haben? Diese Aussage kann man nicht wirklich Ernst nehmen. Wegschauen und indirekt Dulden war wohl angesagt. Maximal 5 Jahren sollten diese Leute am gleichen Ort beschäftigt werden dürfen! Und neues Vertrauen baut sich sehr schnell auf: Gerade Kinder und Jugendliche können sich sehr wohl auf neue Lehrer/Pädagogen einstellen ...!

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  • peter bob am 14.03.2013 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    An alle Linken und Beamten

    Dies zum Thema Fremdbetreuung durch Fachkräfte! Dieses Beispiel beweist, dass weder fachlich noch qualitativ eine Erfolgsgarantie durch ein Berufszertifikat entstehen kann. Die Eigenverantwortung der Menschen ist noch immer das Beste aber halt auch Individuellste. Nur leider lässt sich dies durch den Beamtenstaat nicht steuern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jana am 14.03.2013 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Jahrelange Schäden

    Das Opfer trägt nicht nur Jahrelange Schäden davon, sondern kann später auch selbst zu Täter werden. Ich gehe sowieso davon aus, dass genauso viele Jungs wie Mädchen missbraucht werden. Sowieso, sollte der Kindesmissbrauch viel viel härter bestraft werden müssen.

  • Hp. Büschi am 14.03.2013 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    ADHS, Realität und Fiktion

    Für Eltern und Betreuer von ADHS-Kinder sind Aussagen dieser in dieser Art immer sehr schwierig. ADS Kinder dürsten oftmals nach Beachtung. Realität und Fiktion sind oftmals so vermischt, dass es schwer ist, die Schale von der Nuss zu trennen. Wer von den Eltern möchte jemand beschuldigen, um danach festzustellen, dass alles nur auf einer Fiktion oder Wut gründet? Deshalb ist die Tat besonders widerlich, weil gerade der Täter dies ausnutzt. Was ich aber nicht verstehe, dass die Behörden für den Täter keine "kinderlose" Aufgabe hatten. Gerüchte sind da gewesen.. und zum Schutze aller...

  • Dänu am 14.03.2013 13:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Denk nach!

    Wenn durch falsche Verdächtigungen Leben zerstört werden, ist das nicht weniger schlimm wie Kindsmissbrauch. Von solchen Fällen hört man nichts in der Öffentlichkeit und es sind nicht wenige!!

  • Leser am 14.03.2013 13:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach und wieder...

    wird ein ein Fall gross aufgezogen, weil es sich um einen pädagogischen Mitarbeiter als Täter handelt! Hört doch auf, ist ja mittelalterlich!! Die Wahrheit unter dem Teppich ist, die, dass immer noch 90% der Kindesmissbräuche in Familien geschehen von engsten Angehörigen und Freunden. Wer weiss, vielleicht dient ja das laute öffentliche SichEmpören nur zur Beruhigung! Solche Täter hat es und wird es leider immer geben... das lässt sich nicht verhindern. Die Behörden versagten.. Ja! Sie machten Fehler..Ja! mit verheerenden Folgen.. Ja! Zu glauben, das liesse sich verhindern ist eine Täuschung!!

  • Arbeitgeber am 14.03.2013 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Hinweise im Arbeitszeugnis wären nötig

    Oftmals ist es für Arbeitgeber schwierig aus Zeugnissen und Referenzen die Persönlichkeit eines Mitarbeitenden herauszulesen. Mir ist es darum beim Verfassen von Zeugnissen immr wichtig, dass sie einen persönlichen Eindruck hinterlassen (nicht standard sind). Hier würde bei mir wohl stehen "hat zu den Kindern eine Beziehung aufgebaut, die über seinen professionellen Auftrag hinausging", das würde mindestens schon ein Fragezeichen aufwerfen und auffordern genauer nachzufragen. Zu gute Zeugnisse waren auch in der Vergangenheit schon problematisch.