Alain de Botton

07. Februar 2012 22:51; Akt: 08.02.2012 10:16 Print

Schweizer will in London Atheisten-Tempel bauenSchweizer will in London Atheisten-Tempel bauen

von Zora Schaad - Mit seiner Idee, im Herzen von Londons Finanzdistrikt einen Tempel für Atheisten zu bauen, wirbelt der Schweizer Philosoph Alain de Botton die englische Presse auf.

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Der Atheisten-Tempel in London soll 46 Meter hoch werden. Philosoph De Botton. (Bild: Thomas Greenall & Jordan Hodgson)

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Der Schweizer Philosoph Alain de Botton will im Londoner Bankenviertel einen 46 Meter hohen, schwarzen Turm bauen. Der «Tempel des neuen Atheismus» soll nichtgläubigen Menschen «bessere Perspektiven auf das Leben» bieten. Innen soll das Gebäude passend dazu mit Darstellungen der Entwicklung des Lebens ausgekleidet sein. Aussen soll der Turm mit einem binären Code verziert werden, der das menschliche Genom repräsentiert.

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In der englischen Presse sorgt de Botton, der als Schriftsteller, Journalist und TV-Produzent schon länger in London lebt, mit seiner Idee für Furore. Nicht nur englische Gläubige zeigten sich entrüstet; Richard Dawkins, ein Verfechter des zeitgenössischen Atheismus, kritisiert das Projekt als eine Verschwendung von Geld. «Atheisten brauchen keine Tempel», so Dawkins gegenüber der Zeitung «The Guardian». Auch für weitere Kritiker ist klar, dass nichtreligiöse Menschen ihre Lebensperspektiven nicht in einem Tempel, sondern vielmehr in «der Kunst, der Natur oder durch zwischenmenschliche Beziehungen» erweitern sollen.

Alain de Botton will sich trotz Kritik aber nicht von seinem Projekt abhalten lassen. Für den umgerechnet 1,5 Mio. Franken teuren Atheisten-Tempel sind bereits die Hälfte der Gelder von anonymen Spendern eingegangen. Den Rest des Geldes will de Botton über einen öffentlichen Appell zusammenbringen. Mit der entsprechenden Baubewilligung könnte der Tempel bereits im Jahr 2013 gebaut werden.

Herr de Botton, wie kamen Sie auf diese Idee?
Der Begriff «Tempel für Atheisten» hat viele Leute geärgert. Das tut mir leid. Ich muss meine Idee extrem schlecht erklärt haben, denn es war überhaupt nicht angriffig gemeint.

Wie meinten Sie es dann?
Lassen Sie mich einen neuen Versuch wagen: Sehr viele religiöse Gebäude sind grosse architektonische Würfe, die sogar Atheisten wie mich begeistern. Die religiöse Erklärung für diese baulichen Kunstwerke liegt in der Macht Gottes. So waren die Bauleute im Mittelalter überzeugt davon, dass ihre aussergewöhnlichen Kreationen auf Gottes Führung zurückgehen. Atheisten können sich nicht auf solche übernatürlichen Erklärungen berufen. Deshalb schlage ich vor, dass sich die zeitgenössische Architektur ein Beispiel nimmt an der sakralen Architektur.

Die Aussenhülle des Tempels soll eine Darstellung des menschlichen Genoms zieren. Sollen die Atheisten in ihrem Tempel ihr Erbgut anbeten?
Es geht nicht um Anbetung, sondern um eine Art von Kunst-Installation. Die «Anbetung» geht nicht über das hinaus, was wir auch den Werken im Kunstmuseum entgegenbringen.

Atheisten sind Menschen, die der Religion abgeschworen haben. Ist der Wunsch nach einem Tempel da nicht inkonsequent?

Offenbar hat der Begriff «Tempel für Atheisten» schlechte Assoziationen geweckt. Die Leute haben wohl gedacht, ich sei interessiert daran, einen abwesenden Gott anzubeten oder einen neuen Kult zu begründen. Ich habe jedoch nichts derart Dramatisches gemeint, der Begriff war spielerisch gewählt. Dass er wörtlich verstanden wurde, tut mir sehr leid. Es ist mir egal, wie man solche Orte nennt.

Ihre Idee tönt ähnlich radikal wie das Verhalten von religiösen Extremisten...
Es klingt nur so... Wie ich bereits erklärt habe, wollte ich nichts Dramatisches vorschlagen.

Ein Tempel für Atheisten: Wäre es nicht im Interesse eines friedlichen multikulturellen Zusammenlebens in London besser, auf eine solche Provokation zu verzichten?
Ja, der Name ist unglücklich gewählt. Wir könnten stattdessen von einem «Ort der Kontemplation» sprechen. Das würde niemanden stören.

Die Mehrheit der Guardian-Leser (53.5 Prozent) unterstützt die Idee eines Tempels für Atheisten – überrascht Sie diese Zustimmung?
Überhaupt nicht, die Guardian-Leser sind sehr offen - wenn die Idee richtig erklärt worden wäre, wären es 99 Prozent gewesen.

Sie leben in England. Unterscheiden sich britische Atheisten von schweizerischen?
Überhaupt nicht, überall auf der Welt gibt es Menschen, die nicht an Gott glauben, sich aber immer noch für Religion interessieren. Für sie habe ich mein Buch «Religion for Atheists» geschrieben.

Wäre so ein Tempel auch in der Schweiz denkbar?
Ja, die Schweizer sind sehr offen und geben viel auf gute Architektur.

Richard Dawkins, ein weiterer Verfechter des zeitgenössischen Atheismus, lehnt Ihre Idee als eine Verschwendung von Geld ab. Was entgegnen Sie ihm?
Ich habe ihm meine Idee erklärt und jetzt ist er begeistert.

In Ihrem neuen Buch «Religion for Atheists» plädieren Sie dafür, dass sich die säkulare Gesellschaft an den Religionen ein Beispiel nimmt, Ihnen quasi die guten Ideen stiehlt. Ist der Tempel für Atheisten die Abkupferung eines prunkvollen Gotteshauses?
Ja, er ist ein Versuch, sich an die grossen Vorbildern religiöser Architektur anzulehnen.

Auch vom Gemeinschaftsgefühl, das die Religionen vermitteln, sollen sich Atheisten eine Scheibe abschneiden. Aber Nicht-Gläubige sind doch nicht von Kirchen, Synagogen und Gemeinschaftszentren ausgeschlossen.
Nein, natürlich nicht, aber wenn Sie ein Atheist sind, kann die Vorstellung abschreckend sein, an einem Gottesdienst in einer Kirche oder einer Synagoge teilzunehmen. Sein Gemeinschaftsgefühl auch ausserhalb von Religionen leben zu können, wäre perfekt.

Welche Rolle spielt Ihre Passion für Architektur bei diesem Projekt? Sie sind ja unter anderem Kreativchef der britischen Organisation 'Living Architecture', die bei namhaften Architekten Gebäude in Auftrag gibt und diese als Ferienhäuser vermietet.
Meine Leidenschaft für die Architektur ist zu 100 Prozent der Grund für dieses Projekt. Dies ist eine architektonische Installation, die in den Menschen schöne, starke Gefühle auslösen soll, wie das nur gut gestaltete Räume können.

Es geht mit grossen Schritten vorwärts: Fast die Hälfte der Baukosten in der Höhe von knapp 1,5 Millionen Franken wurde bereits von anonymen Spendern beigesteuert. Wann feiert der Atheisten-Tempel Eröffnung?
Ich weiss es nicht, wir verfügen lediglich über erste Skizzen. Auch bete ich nicht dafür.

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  • erschtaunter 20 min Leser am 10.02.2012 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Umfrage glaube an die Existenz Gottes

    Gemäss obenstehender Umfrage glauben 45% der 20 min Leser an einen Gott. Das finde ich eine erschrecken hohe Anzahl. Gibt es eine aktuelle Umfrage/Studie zu diesem Thema welche die gesamte CH-Bevölerung einschliesst? Das fände ich interessant.

  • Heinz Hertlein am 09.02.2012 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Im Vorteil ist, wer lesen kann!

    Es ist erstaunlich, wie wenige die diesen Artikel kommentieren, ihn überhaupt richtig gelesen haben. Allain de Botton, will ein architektonisches Kunstwerk bauen, das ein Genom ziert. Dieses als Atheisten-Tempel zu bezeichnen, scheint nun vielen Gläubigen und Atheisten ihre Gelassenheit zu rauben.

  • Pit Rorschach am 09.02.2012 09:28 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch

    Falsch. Atheisten sind nicht Menschen, die den Religionen abgeschworen haben, Atheisten sind Menschen, die nicht an Gott glauben. Das ist ein massiver Unterschied. Ich kann Gottesgläubig sein ohne einer Religion an zu gehören.

    • Konkord am 09.02.2012 22:48 Report Diesen Beitrag melden

      Atheist

      Und ich bin ein Atheist: habe keine religiöse Gefühle und glaube nicht, dass Gott existiert.

    • TheDude am 10.02.2012 21:32 Report Diesen Beitrag melden

      Auch nicht ganz korrekt

      Aber es gibt kaum Religionen - mir würde keine ausser dem Buddhismus einfallen - die ohne Götter auskommen.

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