Zwangsstörungen

21. Juli 2016 11:47; Akt: 21.07.2016 15:47 Print

Sie riss sich jahrelang die Haare aus

von J. Hoppler - Rund 150'000 Betroffene in der Schweiz leiden an einer Zwangsstörung. Fabienne N. riss sich jahrelang zwanghaft die Haare aus. Im Interview erzählt sie, warum.

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Nachdem sie jahrelang unter dem Zwang litt, sich die Haare auszureissen, hat Fabienne N. (25, Name geändert) heute wieder volles Haar. (Bild: zvg)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Frau N. (25)*, wie geht es Ihnen?
Nachdem ich für Jahre das Gefühl hatte, nichts wert zu sein und nichts zu können, geht es mir heute endlich gut. Ich habe gelernt, mich selbst zu schätzen – und fühle mich so wieder wohl in meiner Haut.

Umfrage
Sind Zwangsstörungen ein Zeichen unserer Zeit?
61 %
22 %
17 %
Insgesamt 3459 Teilnehmer

Sie litten dreizehn Jahre lang an Trichotillomanie, dem Zwang, sich die Haare auszureissen. Wie hat sich dieser bei Ihnen geäussert?
Es passierte immer, wenn ich allein und mir langweilig war. Beim Fernsehen, wenn ich las oder am Abend im Bett. Ganz automatisch und unbewusst, wie in einem Tagtraum. Zuerst war es nur am Hinterkopf, dann zunehmend auch an anderen Stellen. Ein Haar nach dem anderen. Aber immer nur eines, das irgendwie auffiel – weil es zum Beispiel nicht glatt, sondern gekräuselt war. Bevor ich das Haar wegschmiss, musste ich es aber jeweils noch mitsamt der Haarwurzel ganz genau betrachten.

Wann hat denn dieser Zwang bei Ihnen begonnen?
Alles fing an, als ich zwölf war. Beim Übergang von der Primarschule in die Sekundarschule wurde ich von meinen Klassengspänli getrennt, weil man mich in ein anderes Schulhaus eingeteilt hatte. Dagegen habe ich mich gewehrt, ich wollte nicht dorthin. Das Problem war wohl, dass ich mich völlig im Stich gelassen fühlte. Meine Eltern setzten sich nicht dafür ein, dass ich zusammen mit den Gspänli aus meiner alten Klasse in die Oberstufe komme. Allein konnte ich an dieser Entscheidung ja nichts ändern, ich war ohnmächtig.

Das Auszupfen der Haare hat Ihnen dann in dieser Situation Erleichterung verschafft?
Ja, das hat mir geholfen, mich wieder selber zu spüren. Wahrscheinlich ähnlich wie bei jemandem, der sich ritzt. Der leichte Schmerz, der das Ausreissen der Haare begleitet, gab mir das Gefühl, überhaupt da zu sein, denn all die Jahre hatte ich mich innerlich sehr leer gefühlt. In der Oberstufe wurde ich aber wegen meiner kahlen Stellen am Kopf, zum Beispiel an der Stirn, immer wieder gemobbt. «Glatzkopf» und «Vogelscheuche» haben sie mich genannt oder mir gar Schokolade ins Haar geschmiert.

Wie hat denn Ihre Familie auf das Problem reagiert? Wusste sie, was los ist?
Ich habe mich wahnsinnig geschämt dafür, dass ich mir die Haare ausgerissen habe. Meine Mutter dachte immer, ich hätte kreisrunden Haarausfall. Aber vor lauter Scham habe ich mich nie getraut zu sagen, was wirklich los ist. Ich habe mich zurückgezogen, war viel allein – und konnte mich gegenüber den Menschen nicht mehr richtig öffnen.

Wie kam es, dass Sie nach all den Jahren den Zwang überwinden konnten?
Letztes Jahr kam der Moment, als ich mir sagte, dass es so nicht weitergehen kann. Ich bin dann auf die Möglichkeit gestossen, die Zwangsstörung mittels Hypnosetherapie behandeln zu lassen und beschloss, eine solche Arbeit mit dem Unterbewusstsein zu versuchen. Erstaunlicherweise war der Zwang zum Haareausreissen nach der zweiten Sitzung völlig verschwunden. Zwar spiele ich noch immer oft und auch anders mit meinen Haaren, als das bei Frauen gewöhnlich der Fall ist, aber ich verspüre endlich keinen Drang mehr, diese auszureissen. Und mittlerweile weiss auch meine Familie Bescheid, dass ich all die Jahre lang an Trichotillomanie gelitten habe.

*Name geändert

Die TV-Produktionsfirma Mediafisch sucht für die nächste SRF-Staffel «Limits. Ängste überwinden» Menschen, die von Trichotillomanie betroffen sind und sich bei der Bewältigung des Zwanges von einem Therapeuten begleiten lassen wollen.
Melden Sie sich: I.imboden@mediafisch.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cindy am 21.07.2016 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Artikel gekürzt?

    Ich bin nicht einverstanden mit diesem Artikel. Er ist definitiv zu kurz. Es wird so dargestellt, als wäre nach 2 Sitzungen alles wieder gut und als wäre alles so einfach gewesen. Ich weiss: wenn etwas im Leben nicht einfach ist, ist es eine psychische Störung zu überwinden. Ich denke, dass der letzte Teil stark gekürzt wurde. Eigentlich schade, da es mich sehr interessiert hätte, wie es ihr währen dieser Zeit ergangen ist. Trotz allem, ich freue mich wirklich sehr für sie. Gut gemacht.

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  • Doc Cottle am 21.07.2016 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstzerstückelung

    Immer wenn etwas schief gelaufen ist habe ich mich eine Zeitlang selbst gebissen. Manchmal so stark bis es blutete und man die Bisswunden der Zähne noch ein paar Tage sehen konnte. Zum Glück konnte ich das Beissen überwinden. Habe auch mit meinem Arzt darüber gesprochen. Er meinte, ich sollte alles etwas ruhiger nehmen und gab mir Tabletten. Heute bin ich froh, dass ich von dem Beisszwang heruntergekommen bin.

  • Yannic am 21.07.2016 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Akzeptanz

    Psychisch kranke Menschen werden von allen Seiten verurteilt und wenn jemand in der Öffentlichkeit beispielsweise eine Panikattacke hat wird mit dem Finger auf die betroffene Person gezeigt, anstatt dass man hilft. Psychische Krankheiten sind real, wie beispielsweise ein Beinbruch und sollten auch ernst genommen werden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ohneverblödungssyndrom am 22.07.2016 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Riemen

    gibt's noch menschen ohne eine "Zwangsstörung" über die man berichten kann, das wird langsam mühsam. Reisst Euch einfach am Riemen, so einfach war das vor 10 Jahren, als nicht jeder Tick einen Lateinischen Krankeitsnahmen hatte und die Kumpels einen noch zurechgestutzt haben...

    • Daniela am 22.07.2016 16:39 Report Diesen Beitrag melden

      Soseli

      Ah es gibt noch langweilige Menschen die nicht aus allem eine Krankheit machen, danke für den erfrischenden Beitrag!

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  • Betroffene am 22.07.2016 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Derma und Trichotillomanie

    Ich habe Trichotillomanie und Dermatillomanie (Haut). Ich habe erfolgreich Schule und Lehre abgeschlossen, habe eine 100%- Festanstellung. Ich mache gerne Sport, liebe Brettspiele, Konsolengames und Bücher. Eigentlich ganz normal. Aber wenn ich unter Stress stehe, wie z.B. während der Weihnachtszeit, kann ich Stundenlang vor dem Spiegel stehe und mir "besondere" Haare rausreissen oder Pickel ausdrücken, Schorf abkratzen usw. Ich kann einfach nicht anders, es ist ein Zwang, eine Trance. Ich schäme mich dafür sehr und weiss nicht, an wenn ich mich wenden soll. Ich kann es nicht...

    • Gladys am 24.07.2016 06:18 Report Diesen Beitrag melden

      Buchempfehlung

      es gibt ein gutes Buch "Die eigene Haut retten: Hilfe bei Skin Picking" das Ihnen evtl weiterhelfen könnte. Und suche Sie sich Unterstützung..wenn die innere Anspannung weniger wird, wird auch das Skin Picking weniger. Viel Glück!

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  • Doc Cottle am 21.07.2016 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstzerstückelung

    Immer wenn etwas schief gelaufen ist habe ich mich eine Zeitlang selbst gebissen. Manchmal so stark bis es blutete und man die Bisswunden der Zähne noch ein paar Tage sehen konnte. Zum Glück konnte ich das Beissen überwinden. Habe auch mit meinem Arzt darüber gesprochen. Er meinte, ich sollte alles etwas ruhiger nehmen und gab mir Tabletten. Heute bin ich froh, dass ich von dem Beisszwang heruntergekommen bin.

  • Yannic am 21.07.2016 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Akzeptanz

    Psychisch kranke Menschen werden von allen Seiten verurteilt und wenn jemand in der Öffentlichkeit beispielsweise eine Panikattacke hat wird mit dem Finger auf die betroffene Person gezeigt, anstatt dass man hilft. Psychische Krankheiten sind real, wie beispielsweise ein Beinbruch und sollten auch ernst genommen werden.

  • Lars M. am 21.07.2016 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    Firlefanz

    Das gibt es doch gar nicht, alles nur Modeerkrankungen. Früher haben die Leute einfach gearbeitet und sich nicht mit so einem Firlefanz beschäftigt!

    • Vanessa am 21.07.2016 16:23 Report Diesen Beitrag melden

      Respektlos

      Ziemlich respektlos den Betroffenen gegenüber, nicht? Und nur zu Ihrer Wissenserweiterung: diese Krankheit existiert und das nicht erst seit gestern. Und glauben Sie mir, es ist nicht schön, wenn man unter so einer Krankheit leiden muss. Anstatt hier Betroffene als Simulanten abzustempeln, können Sie ja einfach froh und glücklich sein, dass Sie gesund sind. Alles Gute!

    • Steve O am 21.07.2016 16:35 Report Diesen Beitrag melden

      @ Vanessa

      Vielen Dank für Deine Antwort - nur werden Menschen wie Lars leider erst wach, wenn sie selber oder Angehörige etc. betroffen sind. Ich persönlich vermeide grundsätzlich den Kontakt mit solchen Leuten (wie Lars), da ich keinen Grund sehe, mich immer wieder und wieder zu rechtfertigen und Erklärungen abzugeben, die eh keinen Platz im Spatzenhirn haben.

    • Vanessa am 21.07.2016 16:45 Report Diesen Beitrag melden

      @ Steve

      Ja Steve, hat was. Ich finde es erschreckend und zugleich traurig, was sich manche Menschen rausnehmen. Für Betroffene sind solche Aussagen ein Schlag in's Gesicht. Und Trich. ist auch ohne solch abwertende Kommentare ein riesen Tabu-Thema und viele schämen sich, obwohl sie ja gar nichts dafür können. Aber du hast recht, solchen Menschen sollte man gar keine Aufmerksamkeit schenken. Hier konnte ich aber nicht einfach nichts sagen. Stay positive!

    • NNMM am 21.07.2016 16:46 Report Diesen Beitrag melden

      Ignorant

      Genau dank Leuten wie Dir, werden Personen mit psychischen Erkrankungen abgestempelt. Es macht mich fassungslos, wie man eine so krasse Meinung über etwas oder jemanden haben kann, was man nicht kennt. Ich kann nur von mir spreche, ich leide unter einer Angststörung und habe depressive Episoden. Ich war in alle diesen Jahren immer arbeiten, mache daneben noch eine Weiterbildung etc. Eine Meinung wie Deine spricht für sich!

    • Eleonor am 21.07.2016 17:35 Report Diesen Beitrag melden

      Trich und Arbeit

      Ich leide/litt an dieser Krankheit. Zu Ihrer Information. Ich bin doktoriert, arbeite und das sogar ziemlich erfolgreich. Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Ihr Kommentar ist gedankenlos.

    • Ried Winkel am 21.07.2016 23:43 Report Diesen Beitrag melden

      Lars M

      Es liegt mir fern Sie zu kritisieren, da Sie offensichtlich ein Betroffener sind, der an einer Zwangstörung leidet. Nennt sich Zwangsgedanken. Symptom:" inhaltliche Denkstörungen im Sinne sich zwanghaft immer wieder aufdrängender, jedoch als unsinnig erkannter Denkinhalte" Selbstverständlich wissen Sie, dass es Zwangstörungen gibt, doch das Negieren widerspiegelt Ihr Ausweichverhalten, um nicht mit dem eigenen Zwang konfrontiert zu werden. Dann entstehen solche Kommentare. Suchen Sie sich profesionelle Hilfe.

    • trulla am 22.07.2016 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Und ob!

      @Lars Mit Sicherheit gab es gewisse dieser Erkrankungen schon früher! Bloss damals versuchte man die Betroffenen mittels Hirnwäsche, Deckelbad und anderen, grausamen Methoden (mangels Wissen, welches wir heutzutage glücklicherweise haben) noch komplett gaga zu machen! Heute kann diesen Menschen geholfen werden!

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