Bildungsexperte

31. Oktober 2016 08:08; Akt: 31.10.2016 08:16 Print

«Googeln sollte Schulfach werden»

von Nikolai Thelitz - Viele Eltern halten nichts von Auswendiglernen. Bildungsexperte Sven Ruoss gibt ihnen recht. Die Schule müsse heute verstärkt digitale Kompetenzen vermitteln.

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Googeln statt auswendig lernen, das wollen nicht nur Schüler und Eltern, sondern auch Experten. «Das klassische Auswendiglernen hat ausgedient. Anstatt wie früher die Namen von Flüssen und Hauptstädten zu pauken, sollten Schüler heute lernen, wo sie Informationen finden und welchen Quellen sie wie stark vertrauen können», findet Bildungsexperte Sven Ruoss. Heute verdopple sich das Wissen jedes Jahr, in zehn Jahren bereits jeden Tag. « Wenn Schüler dann in einer Schulstunde etwas auswendig lernen, ist es bereits veraltet, wenn es zur grossen Pause läutet», so Ruoss. Die digitalen Medien machen das Auswendiglernen zu einem umstrittenen Thema, vor allem, wenn es um lexikalisches Wissen geht. Einige Schüler wollen dann am liebsten das Tablet mit an die Prüfung nehmen. Das Internet, das zu fast allem eine Antwort liefert, stellt die Schule vor Herausforderungen. Dass Schüler Flussnamen und geschichtliche Daten büffeln, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. «Eltern und Lernende fragen sich wegen Smartphones und Tablets häufiger, ob es sich lohnt, dieses oder jenes auswendig zu lernen», sagt Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Vor allem in Schulen, die noch viel Wert darauf legten, sei der Widerstand gross. Christian Amsler, Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz: Vor allem Schüler, die Wissen schnell aufsaugten, fänden es unnötig, Formeln und Fakten zu büffeln. «Die Lehrer müssen Schülern und Eltern immer wieder klarmachen, dass Lernen auch eine Fleissarbeit ist.» Ricarda T.D. Reimer, Leiterin der Fachstelle Digitales Lernen und Lernen in der Hochschule an der Pädagogischen Hochschule FHNW: «Beim Springen von einem Hyperlink zum nächsten weiss man am Ende oft gar nicht mehr, womit man sich befassen wollte.» Das Auswendiglernen französischer Vokabeln dürfte aber auch weiterhin unvermeidbar sein: «Damit man eine Sprache fliessend sprechen kann, ist es selbstverständlich notwendig, dass man über einen Wortschatz verfügt, den man sofort abrufen kann und nicht erst googeln muss», so Ruoss.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Ruoss, Schüler und Eltern wehren sich gegen das Auswendiglernen in der Schule. Haben sie recht?
Ja, das klassische Auswendiglernen hat ausgedient. Anstatt wie früher die Namen von Flüssen und Hauptstädten zu pauken, sollten Schüler heute lernen, wo Sie Informationen finden und welchen Quellen sie wie stark vertrauen können. Die Bildung muss sich hier der Gesellschaft anpassen. Digitalkunde und richtiges Googeln sollten Schulfächer werden. Ansonsten drohen die Schüler in der Informationslawine zu ersticken.

Umfrage
Googeln statt lernen, ist das sinnvoll?
29 %
1 %
5 %
52 %
8 %
4 %
1 %
Insgesamt 2182 Teilnehmer

Wie meinen Sie das?
Die Menge an verfügbarem Wissen wächst immer schneller. Heute verdoppelt sie sich laut dem britischen Wissenschaftler Richard Bruckminster Fuller jedes Jahr, in zehn Jahren könnte es nur noch einen Tag dauern, bis sich die Menge des Wissens verdoppelt. Wenn Schüler dann in einer Schulstunde etwas auswendig lernen, ist es bereits veraltet, wenn es zur grossen Pause läutet. Daher ist es wichtig, dass die Schüler lernen, mit dieser Flut von Informationen umzugehen.

Also bleibt den Schülern das Lernen französischer Vokabeln erspart?
Leider nicht. Damit man eine Sprache fliessend sprechen kann, ist es selbstverständlich notwendig, dass man über einen Wortschatz verfügt, den man sofort abrufen kann und nicht erst googeln muss. Auch im Geschichtsunterricht sollte man beispielsweise noch einige Jahreszahlen auswendig lernen, dass man Ereignisse einordnen und die richtigen Schlüsse ziehen kann. Ganz erspart bleibt den Schülern das Lernen also nicht, vor allem dort, wo die erlernten Fakten häufig benötigt werden, und nicht nur bei der Prüfung

Verlernen die Schüler so nicht, sich Sachen zu merken?
Nein. Unser Hirn merkt sich einfach andere Sachen. Statt die Länge von Flüssen auswendig zu lernen, lernen wir Dinge, die uns für das alltägliche Leben relevanter erscheinen. Wir verlernen folglich nicht, uns Sachen zu merken, lediglich die Gewichtung verschiebt sich.

Wie sähe denn das Schulfach Digitalkunde aus?
Digitalkunde sollte keinen rein technischen Fokus haben, sondern einen anwendungsorientierten. Die Schüler sollen lernen, wie sie sinnvoll mit den neuen digitalen Gadgets und Tools umgehen können. Denn wer diese neuen digitalen Möglichkeiten beherrscht, wird einen Wettbewerbsvorteil auf dem Stellenmarkt haben.

Auf welche Art von Job muss die Schule von heute denn die Schüler vorbereiten?
Die Digitalisierung wird in den nächsten Jahren starken Einfluss auf verschiedenste Berufe haben. Gewisse Tätigkeiten werden von Robotern übernommen werden oder einfach automatisiert. Wir können heute leider noch gar nicht abschätzen, welche Fertigkeiten und Jobtitel in der Zukunft gefragt sind. Deshalb müssen wir die Schüler in der Schule vorbereiten, wie sie sich lebenslänglich neue Fertigkeiten aneignen können.

Neben der Freizeit sollen die Schüler auch in der Schule ihr Smartphone nutzen. Wächst da nicht eine Generation der Smartphone-Zombies heran?
Wenn die Schüler in der Schule ihr Smartphone nie nutzen dürfen, ist das weltfremd. Wenn die Schule die Nutzung nicht thematisiert, können wir sicher sein, dass Smartphone-Zombies heranwachsen. Schüler sollen lernen, wie sie mit Smartphone und Co. sinnvoll umgehen können. Dazu gehört auch, die digitalen Geräte einfach mal auszuschalten.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

no D... ups sorry Sepp. lol – Waterpolo1s

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jason am 31.10.2016 08:16 Report Diesen Beitrag melden

    Hört bitte auf zu jammern und lernt!

    Wow, ihr Sohn muss alle Schweizer Flüsse auswendig lernen. Tut mir Leid Madame, aber als Schweizer sollte man die Flüsse halt kennen und jetzt zur anderen Dame, das Lernen der Franz/Englisch-Wörtchen ist einfach sehr wichtig. Na klar kann man schnell sein Handy hervornehmen und den Übersetzer benutzen, aber ich denke nicht, dass man in einem Gespräch dazu Zeit hat. Ausserdem wäre es sehr peinlich. Sachen auswendig lernen gehört halt zum Leben dazu, aber alles was man im Leben lernt, wird man irgendeinmal wieder gebrauchen, es ist wirklich so! Früher gab's auch kein Internet zum recherchieren.

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  • Martin am 31.10.2016 08:14 Report Diesen Beitrag melden

    Hirn einschalten!

    Hallo?! Bisher hat Wissen noch keinem geschadet! Ich bin zwar selbst erst 27 Jahre jung, jedoch bin ich froh, dass ich eine Kindheit und Jugend ohne Smartphones und Tablets erleben durfte - und lebe immer noch. Irgendwann brauchen wir noch eine Anleitung wie wir diese Geräte bedienen zu haben, weil alle zu faul sind um nachzudenken.

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  • Ruedi am 31.10.2016 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber nicht

    Meiner Erfahrung nach führt das Erlernen von digitalen Kompetenzen zu sozialen Inkompetenzen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • :) am 01.11.2016 20:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das mit den Quellen

    Und dem Vertrauen beschränkt sich hoffentlich nicht nur auf Viren Würmer, sondern beinhaltet auch Schlangen und Chamäleons ^^

  • Ch.Stucki am 01.11.2016 12:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlechte Idee

    Genau so verblödet die Welt. googeln ist sicher ein Teil von unserem Leben, aber die Kids lernen von selbst wie das geht. Eine gute Allgemeinbildung ist aber sehr wichtig. Ich meine wenn man z.B in Bern ist, sollte man nicht erst googel müssen "Fluss in Bern" um rauszufi den dass es die Aare ist.

  • Pierre am 01.11.2016 10:44 Report Diesen Beitrag melden

    Ich geh dann mal Schaukeln

    Schüler und Eltern wehren sich gegen das Auswendiglernen in der Schule... Logisch, wäre ich noch in der Schule, hätte ich mich auch dagegen gewehrt. Den Langzeitnutzen konnte ich mir damals noch nicht vorstellen. Und Eltern, welche sich über das Auswendiglernen beschweren, sind wahrscheinlich auch die, welche für jedes Fach einen Nachhilfelehrer haben und nicht verstehen, dass Ihr kleiner Einstein einfach nur ein normales Kind ist, mit Stärken UND Schwächen...

  • Geissenpeter am 01.11.2016 03:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Googeln ist schlecht

    ich merke es selber. Wenn ich etwas nicht weiss google ich es. Manchmal google ich das gleiche 5mal am Tag weil ich es mir nicht merken kann/will. Google merkt es für mich und das ist sehr schädlich. Statt dass wir es im Kopf haben suchen wir ständig auf Google. Lernt lieber auswendig.

  • beat am 31.10.2016 21:42 Report Diesen Beitrag melden

    Auswendig = Kopf leer!

    Die ganz Schlauen machen es so: Ein paar Tage vor einer Prüfung wird wie wild auswendig gelernt, man bekommt dann eine 5 oder gar 6. Eltern, Lehrer, Schule, Bildungspolitiker... klopfen sich auf die Schultern, loben sich in den Himmel. Und die Schlauen? Wissen ein, zwei Wochen nach der Prüfung praktisch Nichts mehr! Wenn das der Sinn dahinter ist, dann Nein Danke! Ich will z.B. Wetter und Klima verstehen und nicht unbedingt alle Klimata, Wetterlagen oder Wolkennamen dieser Erde auswendig können.

    • Marie Stark, Rektorin am 01.11.2016 07:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @beat

      Ich frage mich, von welcher Schule Sie sprechen. Mir ist keine bekannt, in welcher v.a. auswendig gelernt werden muss. Fangen wir an mit der Primarschule: Da müssen die Kinder ein paar Vokabeln, mehrheitlich spielerisch, und in der 6. Klasse die paar Kantone, Hauptstädte und Gewässer lernen. Den Rest lernen sie by doing - Lesen, Rechnen, Zuhören... Auch an Oberstufen ist der Anteil Auswendiglernen sehr klein. Selbst im Studium geht es doch mehrheitlich um Verstehen - dass man sich dabei automatisch Dinge einprägt, gehört doch dazu und ist Bestandteil der menschlichen Intelligenz.

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