Ethik-Kommission

25. Oktober 2012 15:42; Akt: 25.10.2012 15:57 Print

Automatische Organspende fragwürdig

Der Bundesrat hatte die Nationale Ethikkommission um eine Stellungnahme zur automatischen Organspende gebeten. Diese kommt zum Schluss: Ohne Zustimmung ist dies unethisch.

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Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK-CNE) hat sich einstimmig gegen die Einführung der Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen. Nach dieser dürften einer Leiche Organe entnommen werden, wenn die betroffene Person zu Lebzeiten dagegen keinen Widerspruch erhoben hat.

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Es bestünden Unklarheiten, ob durch die Widerspruchslösung die Spenderzahlen in der Schweiz steigen, gleich bleiben oder gar fallen würden, schreibt die NEK-CNE in ihrer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme. Deshalb «sieht die Kommission keinen Anlass, die Rechtsprechung in diese Hinsicht zu ändern».

Der Bundesrat hatte die NEK im Dezember 2011 um eine Stellungnahme aus ethischer Sicht gebeten. Derzeit gilt in der Schweiz die sogenannte Zustimmungslösung: Für eine Organentnahme ist die ausdrückliche Zustimmung der betroffenen Person oder der Angehörigen notwendig.

Die Spenderbereitschaft in der Schweiz ist im europäischen Vergleich tief, die Warteliste für Organe lang. Der Bundesrat prüft zurzeit, wie die Zahl der Organspenden erhöht werden könnte und will dazu bis Ende Jahr einen Bericht vorlegen. Die Umstellung der Schweizer Gesetzgebung auf die Widerspruchslösung wird als eine mögliche Massnahme diskutiert.

Befürworter erhoffen sich davon eine grössere Zahl von gespendeten Organen. Ein Blick auf andere Länder könne diese Erwartung jedoch nicht bestätigen, schreibt die NEK-CNE. In einigen stieg die Spenderrate mit Einführung der Widerspruchslösung, in anderen blieb sie gleich oder sank gar.

Organentnahme ohne Zustimmung unethisch

Die Ethiker erteilen der Widerspruchslösung mit klaren Worten eine Absage: «Die Kommission lehnt es einstimmig ab, einen Übergang zur Widerspruchslösung zu empfehlen.»

Eine deutliche Mehrheit der Kommission lehnt diesen Weg aus ethischen Gründen ab. Es tangiere die Persönlichkeitsrechte, wenn Organe ohne Zustimmung entnommen würden. «Aus Gründen der persönlichen Freiheit können Menschen nicht zur Organspende verpflichtet werden», schreibt die NEK.

Eine Minderheit der Kommission sieht keine grundsätzlichen ethischen Einwände. Sie lehnt eine Gesetzesänderung unter den gegenwärtigen Bedingungen trotzdem ab: Da nicht nachgewiesen werden könne, dass die Widerspruchslösung die Spenderzahlen tatsächlich erhöhe, gebe es keinen Anlass für eine Gesetzesänderung, schreibt die NEK-CNE.

Ethisch unbedenkliche Massnahmen

Der Bund solle seine Bemühungen und Ressourcen auf andere Massnahmen konzentrieren, um die Spenderzahlen zu erhöhen, empfiehlt die Kommission. Diese sollten ethisch unbedenklich sein und einen nachweislichen Effekt haben. Dazu gehöre etwa die Optimierung von Prozessen im Transplantationssystem und in den Spitälern.

Weitere Optionen seien, die Spender besser zu identifizieren, das medizinische Personal weiterzubilden und die Gespräche mit den Angehörigen nach Todesfällen zu professionalisieren. Nicht zuletzt könnte die Bevölkerung mit Informationskampagnen sensibilisiert werden.

Im September diesen Jahres machte sich der Krankenversicherer Assura für die Widerspruchslösung stark. Assura drohte, eine Volksinitiative zu lancieren, sollte sich auf politischer Ebene nichts bewegen. In einer methodisch umstrittenen Internetbefragung der Assura zeigten sich 96,8 Prozent der Befragten bereit, sich als Organspender registrieren zu lassen.

Möchten Sie Ihre Organe nach dem Tod auch ohne Einwilligung hergeben? Diskutieren Sie mit!

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Van am 25.10.2012 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    Hirntot und Narkose?

    Solange man bei der Organentnahme dem angeblich Toten eine Vollnarkose gibt, muss man sich fragen, was der Begriff "Hirntot" genau bedeutet.

  • Frank am 25.10.2012 16:28 Report Diesen Beitrag melden

    Nur an Spender

    Was wohl viele überzeugen könnte, wäre es zu sagen, dass diejenigen, welche seit mindestens einem Jahr einen Organspendeausweis haben in eine Priority Queue kommen würden, sollten sie einmal selber ein Organ benötigen, d.h. nicht mehr medizische Priorität als obster Faktor, sondern die eigene Spendenbereitschaft. Oder man könnte es umgekehrt machen, der Spender kann sagen er will seine Organe nur an Leute spenden die selber einen Organspendeausweis haben.

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  • Jacky M. am 25.10.2012 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe einen Organspendeausweis

    seit ich Auto fahre. Ich bin aber dagegen, dass ohne Zustimmung Organe entnommen werden. Es ist der Entscheid des Einzelnen, ob er seine Organe nach dem Tod freigeben will oder nicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stephanie am 26.10.2012 15:01 Report Diesen Beitrag melden

    Man wird nicht aufgeklärt

    Wisst ihr, wie eine Organspende funktioniert? Der Mensch darf noch nicht tot sein, wenn man die Organe entnimmt... Ja, er muss noch leben! Wenn jemand zum Beispiel im Koma liegt oder Hirntot ist, dann kommt man als Spender in Frage. (Das ist mein Ernst, ich weiss, wie das funktioniert) Dann werden dem eigentlich noch lebenden Menschen die Organe entnommen und man stirbt. Kann gut sein, dass man noch aus dem Koma aufgewacht wäre, aber das spielt dann keine Rolle mehr, wenn man keine Organe mehr hat. Was ich mir wünsche wäre, dass die Bevölkerung aufgeklärt wird!

  • Petra A. Eigenmann am 26.10.2012 13:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein, NIEMALS!!!

    NEIN, nein und nochmals Nein! Wenn beim sterbenden Menschen die letzte Stunde naht, gehört der Körper mitsamt ALLEN Organen und der Seele immer noch diesem Menschen! Hirntot hin oder her, dieser Mensch wurde gezeugt und geboren - hat gelebt und ist auch im Sterben immer noch eine untrennbare Einheit mit Körper UND Seele! Zudem müssen für eine Organentnahme die "noch nicht ganz Toten" (wie schrecklich diese Tatsache) künstlich an der Maschine "warmgehalten" werden! Der Mensch ist KEIN Ersatzteillager, insbesondere nicht für Kettenraucher und Alkoholiker! Deshalb ein klares NEIN!!

  • Jerry.W. am 26.10.2012 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Für mich NEIN

    Habe einen Ausweis, da steht klar und deutslich NEIN keine Organentnahme. Das sollte jedem selber überlassen werden. Bin oft in Austria unterwegs und dort ist so ein Ausweis zu empfehlen. Die fragen nicht sondern handeln einfach.

  • Erika am 26.10.2012 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das geht gar nicht

    Nein das geht nun wirklich zu weit! Das würde wohl wieder ausarten. Da bin ich ganz sicher. à la der stirbt sowieso, also entnehmen wir beizeiten dieses und jenes Organ. Das geht gar nicht. Nur die Idee ist Absoluter Blödsinn.

  • Anatomie am 26.10.2012 06:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spitzenmedizin

    Geht es nicht auch um Grundsatzüberlegungen, was die Spitzenmedizin alles noch darf (nicht kann) am Übergang Tod/Leben? Nicht nur bzgl. Organspenden, sondern auch in der Neonatologie, Altersmedizin, bei Schwerstverletzten, bei bösartigen aggressiven Geschwulsten? Wir sterben alle und der Tod kommt auch als Erlöser.