Prämienanstieg

10. Dezember 2016 16:49; Akt: 11.12.2016 01:15 Print

Wegen einer Erkältung in den Notfall

von P. Michel - Durch eine höhere Franchise sollen unnötige Arztbesuche wegen Bagatellen verhindert werden. Ärzte zweifeln an der Wirkung der Massnahme.

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Das Parlament will die Minimal-Franchise von 300 Franken erhöhen. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass Patienten wegen Bagatellen die Notaufnahme aufsuchen. Laut santésuisse könnten dadurch ein paar Dutzend Millionen Franken gespart werden. Dies, weil eine Behandlung im Notfall durchschnittlich 427 Franken kostet, während der Hausarzt 196 Franken verrechnet. (Symbolbild) «Am Ende bezahlen wir diese vermeidbaren Kosten mit unseren Prämien», sagt Christophe Kaempf von santésuisse. Insgesamt rechnet er damit, dass mit einer Minimal-Franchise von 500 Franken die Prämien um 1,7 Prozent sinken würden. (Symbolbild) Dass immer mehr Leute bei Bagatellen die Notfallstationen aufsuchen, liegt laut Thomas Langholz, Sprecher des Spitals Bülach, auch an den fehlenden Hausärzten. «Statt ihren Hausarzt anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, gehen die Leute lieber spontan in den Notfall, weil sie dort sicher sind, dass ihnen sofort geholfen wird – auch wenn es sich nur um eine Magenverstimmung handelt.» Aris Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums am Inselspital Bern, stellt eine gestiegene Anspruchshaltung fest: «Die Patienten sagen sich: Wenn ich schon teure Prämien zahle, will ich auch den vollständigen Service rund um die Uhr in Anspruch nehmen können.» Dass eine Erhöhung der Franchise die Leute davon abhalten wird, bei leichten Erkrankungen die Notfallzentren aufzusuchen, glaubt Exadaktylos hingegen nicht. Jemand mit Schulterschmerzen werde dadurch möglicherweise zwar nicht mehr in den Notfall kommen und abwarten. «Wenn es sich aber dabei um ein Anzeichen eines Herzinfarkts handelt und der Patient dann eingeliefert werden muss, wird aus einer Bagatelle eine richtig teure Behandlung oder schlimmstenfalls eine lebensbedrohende Erkrankung.»

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In der Notfallstation des Universitätsspitals Zürich suchen derzeit zahlreiche Patienten Hilfe, weil sie an einer einfachen Grippe oder Erkältung leiden. Andere haben sich den Knöchel verstaucht oder klagen über Rückenschmerzen – insgesamt kommt ein Drittel der Patienten wegen leichten Erkrankungen in die Notfallstation.

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Auch in anderen Spitälern sind die Ärzte zunehmend mit Bagatellfällen konfrontiert: Im Notfallzentrum am Universitätsspital Basel musste Chefarzt Roland Bingisser etwa einem Patienten eine Zecke entfernen. «Ich habe dieser Person dann gesagt, dass sie das beim nächsten Mal problemlos selbst machen kann.»

Die steigenden Gesundheitskosten, die auch von der zunehmenden Auslastung der Notfallpraxen mit Bagatellfällen in die Höhe getrieben werden, will das Parlament nun eindämmen: Dazu soll die minimale Franchise von 300 Franken erhöht werden, womit sich die Patienten stärker an den anfallenden Kosten beteiligen müssten.

Notfallbehandlung doppelt so teuer wie beim Hausarzt

Laut dem Verband santésuisse könnten allein durch die Entlastung der Notfallstationen schätzungsweise ein paar Dutzend Millionen Franken gespart werden. Dies, weil eine Behandlung im Notfall durchschnittlich 427 Franken kostet, während der Hausarzt 196 Franken verrechnet.

«Am Ende bezahlen wir diese vermeidbaren Kosten mit unseren Prämien», sagt Christophe Kaempf von santésuisse. Er rechnet damit, dass mit einer Minimal-Franchise von 500 Franken über alle Bereiche des Gesundheitssystems die Prämien um 1,7 Prozent sinken würden. Laut einer Untersuchung am Spital Baden und Brugg könnten beispielsweise 80 Prozent der Patienten statt im Notfall genauso gut beim Hausarzt behandelt werden.

In der Notfallstation des Spitals Bülach haben sich die Behandlungen von 2009 bis 2015 fast verdoppelt. «Die Ansprüche der Patienten sind heute sehr hoch», sagt Sprecher Thomas Langholz. Viele Patienten meinten bereits zu wissen, welche Art von Behandlung sie brauchen. «Es kommt vor, dass Patienten im Notfall darauf beharren, einen MRI-Scan zu erhalten.»

Patienten fordern für ihre Prämie vollständigen Notfallservice

Dass immer mehr Leute bei Bagatellen die Notfallstationen aufsuchen, liegt laut Langholz auch an den fehlenden Hausärzten. «Statt ihren Hausarzt anzurufen und einen Termin zu vereinbaren, gehen die Leute lieber spontan in den Notfall, weil sie dort sicher sind, dass ihnen sofort geholfen wird – auch wenn es sich nur um eine Magenverstimmung handelt.»

Aris Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums am Inselspital Bern, schätzt, dass etwa die Hälfte seiner Patienten mit leichteren Erkrankungen oder Verletzungen in den Notfall kommen. Auch er stellt eine gestiegene Anspruchshaltung fest: «Die Patienten sagen sich: Wenn ich schon teure Prämien zahle, will ich auch den vollständigen Service rund um die Uhr in Anspruch nehmen können.»

In dieser Logik sei es für die Patienten selbstverständlich, dass sie etwa ein neu entdecktes Muttermal sofort in der Notfallabteilung zeigen wollten, aus Angst, es könne sich um Hautkrebs handeln. Der Notfallarzt nennt zudem noch einen anderen Faktor: «Viele Patienten, vor allem wenn sie noch nicht so lange in der Schweiz leben, kennen unser gutes Hausarztmodell nur ungenügend und haben das Gefühl, dass sie nur auf einer Notfallstation richtig versorgt werden.»

Notfallärzte zweifeln an Wirksamkeit der Franchisenerhöhung

Dass eine Erhöhung der Franchise die Leute davon abhalten wird, bei leichten Erkrankungen die Notfallzentren aufzusuchen, glaubt Exadaktylos hingegen nicht: «Das wird ein Schuss in den Ofen.»

Jemand mit Schulterschmerzen werde dadurch möglicherweise zwar nicht mehr in den Notfall kommen und abwarten. «Wenn es sich aber dabei um ein Anzeichen eines Herzinfarkts handelt und der Patient dann eingeliefert werden muss, wird aus einer Bagatelle eine richtig teure Behandlung oder schlimmstenfalls eine lebensbedrohende Erkrankung», sagt Exadaktylos.

Auch Roland Bingisser, Chefarzt Notfallzentrum des Universitätsspitals Basel, hegt Zweifel: «Die Notfallstationen sind heute bereits darauf ausgerichtet, Bagatellfälle zu identifizieren und rasch abzuwickeln.» Laut Bingisser können so die meisten dieser Patienten das Notfallzentrum nach drei Stunden wieder verlassen.

Wirklich Kosten sparen könne man im Bereich der Bagatellen nur, indem man die Leute aufklärt, sagt Bingisser: «Ein flächendeckendes Notfalltelefon, bei dem die Leute beraten werden, ob sie überhaupt in den Notfall sollen oder doch besser zu Hause Tee trinken und abwarten.» Bingisser rechnet, dass damit in der Region Basel bis zu 2,4 Millionen Franken jährlich gespart werden könnten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • P. Atient am 10.12.2016 17:01 Report Diesen Beitrag melden

    Das probate Mittel dagegen

    Wer mit einer Bagatelle im Notfall erscheint, dem sollen lediglich die Kosten für den Hausarztbesuch erstattet werden und er muss die differenz selber betappen. bei wiederholungsfall individuelle Prämienerhöhung.

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  • Clife am 10.12.2016 16:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu recht

    Das heisst, dass ehrliche Bürger, die bei einer Krankheit NICHT zum Spital gehen, ebenfalls dafür büssen müssen? Also das kann man ja gewiss anders regeln. Ich meine Notfallbesuche sollen ab einer gewissen Intensität von der Krankenkasse übernommen werden. So kann von einer Erhöhung abgesehen werden und die jeweiligen Personen werden selbstständig dafür gebüsst, wenn sie aufgrund eines einfachen Schnupfens ins Spital gehen. Verständlich, dass da die Ärzte Zweifel an einer "einfachen" Erhöhung haben

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  • Sabine Horlacher am 11.12.2016 08:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    War als Fahrer letzthin in der Notaufnahme

    Finde das eine absolute Frechheit. In dem Bericht wird nicht geschrieben WER da bei der Notaufnahme sitzt. 30 Personen, wir wahren die einzigen Deutsch-sprechenden. Bin sonst nicht so, aber das finde ich voll daneben, nun werden wir in den selben Topf geschoben. Was schlimmer ist, die hälfte der wartenden, hatte die Prämie vom Staat bezahlt bekommen. Also wir normales werden für weitere diese Frechheit auch bezahlen. Arme Schweiz, Ihr wollt es ja so.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • P. Meyer am 11.12.2016 09:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Notfall

    Wegen einer Erkältung in den Notfall. Das verstehe ich definitiv nicht. Wenn ich in den Notfall gehe, dann ist es immer ein Notfall.

  • R. Meier am 11.12.2016 09:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkassen könnten mehr tun

    Viele Leute gehen in den Notfall weil ab 17 Uhr die Arztpraxis geschlossen oder man bekommt kein termin mehr. Dann bleibt nur noch die teure, teilweise stundenlange Wartezeiten und von nicht ausgebildeten Ärzte durchgeführte Behandlung. Wie wäre es mit Ärztepraxen mit langen Öffnungszeiten und auch am Wochenende. Liebe Krankenkassen so könnte man viel Geld sparen. Auch könnten die Krankenkassen eigene Ärzte-Zentren (in grösseren Städten) aufbauen, mit eigenen Angestellten.

  • Senior am 11.12.2016 09:47 Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Krankenkasse

    Die Krankenkassen sollen die Kosten nicht übernehmen wer mit einer Erkältung in Notfall geht. Bin überzeugt, dass "das Problem" ganz schnell kleiner würde.

  • Peter am 11.12.2016 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Zahlen

    Es sollte jeder einfach 100.-- bei der Notfallaufnahme bezahlen müssen, bevor man behandelt wird, wie es in anderen Länder auch üblich ist. Man überlegt sich dann zweimal wegen einer Erkältung oder sonstigen Bagatelle in den Notfall zu gehen!

  • Joe Z. am 11.12.2016 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    KK selber sind das Problem

    Irgend einen Grund um die Prämien zu erhöhen finden die Krankenkasse sowieso, ev. auch mal die Prämienverteilung an die Markler überdenken?! Da wird so richtig Geld zum Fenster rausgehauen.