Kriminalität

22. März 2016 22:40; Akt: 23.03.2016 06:50 Print

«Junge überlegen zweimal, ob sie dreinschlagen»

von P. Michel - Die Zahl der Straftaten von Jugendlichen ist erheblich gesunken. Ein Experte erklärt, warum die Jungen heute gewaltsame Konflikte scheuen.

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Jugendliche und junge Erwachsene begingen im vergangenen Jahr deutlich weniger Straftaten, wie die polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2015 zeigt. Bei den beschuldigten Minderjährigen sank die Zahl der Straftaten gegenüber dem Vorjahr um 10,5 Prozent auf 8047 und erreicht damit den tiefsten Wert seit 2009. Auch junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren wurden weniger straffällig: Bei dieser Gruppe ist ein Rückgang um 3,8 Prozent zu verzeichnen – ein neuer Tiefstwert.

Ein Rückgang ist bei allen Delikten, die bei Jugendlichen die meisten Fallzahlen ausmachen, zu beobachten. Dies sind etwa Diebstahl, Tätlichkeit oder «Verbrechen gegen die Freiheit» (beispielsweise Drohung, Nötigung, Freiheitsberaubung). Seit 2009 hat die Anzahl der beschuldigten Minderjährigen um 46 Prozent abgenommen.

Mehr Drogendelikte

Eine Zunahme gab es bei den Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz: Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Fälle um 6,3 Prozent, und in allen Bereichen – Besitz, Schmuggel, Anbau und Herstellung – gab es eine Zunahme. Beim Anbau und der Herstellung illegaler Substanzen verzeichnete die Polizei einen Anstieg von 45 Prozent.

20 Minuten hat einen Experten zu den Gründen dieser Entwicklung befragt.

Herr Petrusic, die Straftaten durch Jugendliche sind an einem Tiefpunkt angelangt. Ist die Jugend brav geworden?
In gewisser Weise ja. Die heutige Jugend sieht keinen Grund zu rebellieren, sie verhält sich sehr angepasst und kennt ihre Grenzen. Das heisst auch, dass sie den Konflikt – und damit auch die gewaltsame Auseinandersetzung – nur noch selten sucht.

Wie kommt das?
Einerseits sind Jungen heute besser informiert über die Konsequenzen. Andererseits scheuen sie die Strafen bei einem Gesetzesverstoss: Die Jugend will erfolgreich sein, es lastet ein enormer Leistungsdruck auf ihr. Wer dazugehören und Karriere machen will, dem bleibt nicht mehr viel Raum, um auszuscheren. Darum überlegt man sich heute eher zweimal, ob man nach einer Provokation dreinschlägt oder besser das Weite sucht. Die Angst, in unserer Leistungsgesellschaft nicht dazuzugehören, das zeigen auch diverse Studien, ist gross.

Studien zeigen zudem, dass auch das Freizeitverhalten eine Rolle spielt. Statt in den Ausgang zu gehen, bleiben viele Jugendliche lieber zu Hause.
Das spielt sicher auch mit und wird durch die verstärkte Präsenz von Polizei und privaten Sicherheitsfirmen an öffentlichen Plätzen noch verstärkt. Die Jugendlichen bleiben einerseits zu Hause, pflegen ihre Freundschaften vermehrt online oder gehen ganz gezielt in den Ausgang. Andererseits aber gehen sie nicht mehr raus, weil sie merken, dass sie an öffentlichen Plätzen immer weniger geduldet sind. Durch diese Entwicklung konnte natürlich die Gewalt im öffentlichen Raum, wie die Zahlen nun zeigen, effizient eingedämmt werden. Doch diese Massnahmen haben einen Preis: Junge Menschen werden aus dem öffentlichen Raum ausgegrenzt. Man hat die Gewalt zwar aus dem Sichtfeld verbannt, doch verschwinden wird sie dadurch nicht.

Wohin verlagert sie sich?
Zum Beispiel in den virtuellen oder privaten Raum. Die Zahl der Jugendlichen, die im den sozialen Medien Gewalt erleben, steigt. Zwar sind die Mechanismen dahinter die gleichen, aber der Raum dafür ist nicht mehr öffentlich und somit auch der Umgang mit solchen Konflikten schwieriger. Es zeigt sich also: Es gibt keine gewaltfreiere Gesellschaft, Konflikte gehören gerade bei jungen Menschen dazu. Wenn sie diese nicht mehr in der Öffentlichkeit austragen können, suchen sie neue Wege. Wir müssen deshalb aufpassen, nicht auf Kosten des Einzelnen eine Gesellschaft erzwingen zu wollen, in der es zwar Gewalt gibt, diese jedoch unsichtbar wird. Die verstärke Polizeipräsenz hat dies einerseits erreicht, andererseits wurde die Freiheit anderer – in diesem Fall der Jugendlichen – eingeschränkt. Hier müssen wir die richtige Balance noch finden.

Gleichzeitig zur stetigen Abnahme der Delikte bei Jungen nehmen die Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz insgesamt zu. Worauf führen Sie das zurück?
Eine Erklärung könnte der erwähnte Leistungsdruck sein. Aber auch die Fokussierung auf den punktuellen Besuch des öffentlichen Raums, in dem dann in kurzer Zeit viel ausprobiert werden muss. Auch die Aufmerksamkeit der Polizei könnte sich demnach verschoben haben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Reto Signorell am 23.03.2016 02:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es ist brutaler geworden!

    Ich sehe einen anderen Grund. Auf der Strasse oder auf dem Pausenplatz ist es brutaler geworden. Die Angegriffenen werden so unter Druck gesetzt, dass sie sich gar nicht trauen eine Anzeige zu machen! Sie werden bedroht oder es wird angedroht etwas der kleineren Schwester oder sonst jemandem aus der Familie an zu tun, dass die Angegriffenen von einer Anzeige absehen um sich und die Familie zu schützen. Ich glaube leider darin liegt eher der Rückgang.

  • Die Juristische Front am 23.03.2016 06:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlinterpretation 

    Die Anzeigen sind zurückgegangen, nicht die verübten Straftaten! Vielleicht ist das genaue Gegenteil der Fall und die Gewaltdelikte bei Jugendlichen sind schon so an der Tagesordnung, dass sie weniger oft angezeigt werden. Man weiss es nicht, weil diese Statistik sehr oberflächlich ist. Ohne Dunkelfeldforschung kann man keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Kriminalität machen!

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  • Barbara94 am 23.03.2016 06:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gestern

    Gestern hiess es noch, Jugendkriminalität nihmt zu... was stimmt den nun jetzt?!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Laimigs am 23.03.2016 10:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir alle sind Vorbilder

    Endlich, endlich bricht der Frieden aus. Erste Staus in der Ostschweiz, weil sich die Menschen spontan in den Armen liegen und die Welt um Vergebung bitten.

  • G.H am 23.03.2016 09:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kriminalität in der Schweiz

    Augen und Ohren auf und sich nicht auf Statistiken verlassen. Dann handeln und nicht nur jammern!!

  • kuddelmuddel am 23.03.2016 09:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    habt vertrauen

    so viele kommentare die gegen die jungen schiessen... aber nur von der älteren generation, die garkeinen bezug zu den jungen hat... villeicht haben in diesen unsicheren, brutalen zeiten einfach alle genug von gewalt und hass... habt doch einfach mal vertrauen in die nächste generation, in die zukunft dieses landes...

  • Kälin am 23.03.2016 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    keine ahnung....

    absolut, gehen dann die wo diese statistik gemacht haben auch mal in den ausgang? denke nicht... gäbe es eine umfrage zu den dunkelziffern würde es sicherlich anders aussehen...

  • Security Patrouilleur am 23.03.2016 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Dreamland

    Wir laden Herrn Petrusic gerne ein, uns auf den Patrouillen im öffentlichen Raum an Abenden und am Wochenende zu begleiten. Er wird anschliessend seine Erkenntnis massiv revidieren.