Aufklärung in der Schule

17. September 2012 11:49; Akt: 17.09.2012 15:17 Print

«Was, du schaust Pornos?!»

von Jessica Pfister - Die Forderung des Männervereins, im Unterricht Pornos zu zeigen, hat hohe Wellen geworfen. Wie Pädagogen mit dem Thema Pornografie umgehen, zeigt ein Besuch in der Sek Horgen.

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Frühmorgens, die Sonne scheint noch sanft durch den Nebel, gehts im Schulzimmer der Sek A in Horgen schon richtig zur Sache. «Männer wollen häufiger Sex als Frauen. Was sagt ihr zu dieser Behauptung?», fagt Lukas Geiser in die Runde. «Wer der Meinung ist, das stimmt, stellt sich nach rechts. Wer findet, das ist Quatsch, geht nach links.» Die 13 Mädchen und 12 Jungen, die zuvor bei Fragen nach dem Frühstück oder dem Aufstehen noch schläfrig gewirkt haben, sind jetzt hellwach.

«Ja eh wollen die Jungs mehr Sex», sagen die Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren, kichern und stellen sich auf die rechte Seite des Klassenzimmers. Einige wenige Jungs gesellen sich dazu, verstecken sich aber etwas verlegen hinter ihren Klassenkolleginnen. Die Mehrheit aber platziert sich auf der andere Seite des Raums. «Das ist doch nur ein Klischee aus den Filmen», sagt ein Junge. Es gebe auch Frauen, die genau gleich oft oder gar mehr Lust auf Sex hätten wie Männer. «Zum Beispiel die Nutten», meint ein anderer zu wissen. «Buuhhh», rufen darauf die Mädchen. «Die machen das ja nicht freiwillig, sondern weil sie das Geld brauchen.»

Schüler können Fragen schicken

Willkommen im Sexual- und Aufklärungsunterricht der Sekundarklasse A im zürcherischen Horgen. Der Klassenlehrer Yvo Büchel hat das Zimmer nach einer kurzen Einführung verlassen, für die nächsten knapp vier Stunden übernimmt das Team von der Fachstelle für Sexualpädagogik Lust und Frust in Zürich. «Es fällt den Teenagern leichter, mit externen Fachpersonen über das Thema Sex zu sprechen als mit uns Lehrern», sagt Büchel.

Ein Gespräch, das ist es auch, was Lukas Geiser und Lilo Gander von Lust und Frust mit den Teenagern führen wollen. «Wir dozieren nicht, sondern versuchen auf die Schüler einzugehen und ihnen ihre Fragen rund um das Thema Körper und Sexualität ehrlich und direkt zu beantworten», sagt Sexualpädagogin Gander. Die Fragen der Teenager erhalten die Experten jeweils schon im Voraus anonym per Mail zugestellt. «Damit können wir sicherstellen, dass wir die jungen Menschen nicht überfordern, sondern sie entwicklungsgerecht fit für das Liebesleben machen», sagt Geiser.

Obwohl sich die Fragen von Klasse zu Klasse in den Details unterscheiden – die grossen Themen sind überall dieselben: die Veränderungen des Körpers in der Pubertät, das erste Mal, Verhütungsmittel, der Umgang mit neuen Medien – und natürlich auch Pornografie.

«Vielleicht ist man neidisch»

«Pornos machen, dass es beim Sex in der Beziehung schwierig wird», sagt Lukas Geisser und fordert die Schüler wiederum auf, sich je nach Antwort für eine Seite des Zimmers zu entscheiden. «Hä Sie, wie meinen Sie das», fragen einige verwirrt und bleiben in der Mitte des Raums stehen. «Kann jemand, der viele Pornos guckt, noch eine normale Beziehung führen», versucht der Pädagoge zu erklären. «Ach so, jetzt schnall ichs glaubs», sagt ein Junge und stellt sich auf die Ja-Seite. Geiser will von ihm wissen, weshalb er sich für ein Ja entscheiden hat. «Man sieht dort so Positionen, die man vielleicht nachmachen will und es geht nicht», antwortet dieser. «Was, du schaust das», fragt sein Sitznachbar. Lautes Lachen. «Vielleicht wird man auch neidisch, weil man selbst nicht so viele Frauen hat», sagt ein anderer.

Geiser wendet sich an die Nein-Sager: «Und was sagt ihr dazu?» «Wenn die Beziehung gut ist, kann man auch über Pornos reden», sagt ein Mädchen. «Pornos sind ja nicht Realität, deshalb sollten sie das reale Leben auch nicht beeinflussen», ergänzt ihre Kollegin. «Und man sollte auch nicht alles glauben, was die da machen – das ist ja oft auch voll der Fake», sagt ein junger Mann und lehnt sich cool im Stuhl zurück. «Was ist denn zum Beispiel ein Fake?», will Geiser wissen. «Ja wenn da einer unten den Kopf reinsteckt, das geht ja gar nicht.»

Riesige Brüste und Gangbangs

Nach dieser Übung teilt sich die Klasse auf – die Mädchen bleiben mit Lilo Gander im Zimmer, die Jungs gehen mit Lukas Geiser in einen anderen Raum. «Diese Trennung machen wir einerseits, weil die Schüler sich in der Anwesenheit des anderen Geschlechts oft gehemmt fühlen, andererseits stehen je nach Geschlecht andere Themen im Vordergrund», sagt Gander. Gerade das Thema Pornografie stosse bei den Jungs meist auf grösseres Interesse. So auch bei dieser Klasse. Während sich die Mädchen unter anderem dafür interessieren, bis zu welchem Alter ihre Brüste wachsen, ob sie beim ersten Mal auf jeden Fall bluten oder weshalb man bei der Pille eine Einnahmepause macht, wollen die Jungs nebst der durchschnittlichen Penisgrösse wissen, ob zu viel Selbstbefriedigung schadet und was denn Kursleiter Geiser von Pornos hält.

Geiser gibt nicht sofort Antwort, sondern fragt in die Runde: «Was habt denn ihr für eine Haltung zu Pornos, was ist wahr und was Lüge?» Um dies herauszufinden, teilen sich die zwölf Teenager in Gruppen auf und notieren auf einem grossen Blatt Papier, was ihnen dazu einfällt. Bei der gemeinsamen Besprechung zeigt sich: Die 13- bis 15-jährigen Teenager können sehr wohl unterscheiden, wie viel Wahrheit in Pornos steckt. «Stundenlanges Blasen, riesige Schwänze und Titten, Gangbangs», notieren sie unter Lügen. «Zärtlichkeit oder Kamasutra», steht unter Wahrheiten.

Geiser bestätigt ihre Wahrnehmungen und ergänzt, dass bei Pornofilmen teilweise sogar künstliche Penisse nachträglich in den Film kopiert würden und die Darsteller meist nur dank Viagra ein so langes Stehvermögen hätten. «Und wenn die Frau wahnsinnig laut stöhnt, wenn mehrere Männer mit ihr schlafen, heisst das noch lange nicht, dass sie das schön findet – sie spielt es einfach.»

«Pornografie nicht überbewerten»

Auf Illustrationen oder Screenshots aus Pornofilmen verzichten die Sexualpädagogen. Und dies nicht nur, weil das Zeigen von pornografischem Material unter 16 Jahren in der Schule verboten ist. «Zwar ist jeder zweite Jugendliche in diesem Alter schon mit Pornos in Berührung gekommen, dennoch hat jeder andere Bilder im Kopf und es soll um diese Bilder gehen und nicht um solche, die wir ihnen vorgeben», sagt Geiser. Hinzu komme, dass die Faszination am Thema Porno in den Lektionen sowieso meist nur von kurzer Dauer sei. «Sie sind neugierig auf alle Aspekte der Sexualität, die Pornografie ist ein Teil davon, der aber nicht überbewertet werden soll.»

Tatsächlich widmen sich die Jungs inzwischen viel lieber einer kleinen Tasche, die mit zahlreichen Kondomen in allen Variationen gefüllt ist. Sie dürfen an Gummipenissen in Delfinform üben, wie man die Präservative richtig anzieht und wieder abrollt. Auch die Mädchen sind bei dieser Übung angelangt. Zuvor hat ihnen Lilo Gander die hormonellen Verhütungsmittel wie die Pille, den Vaginalring oder das Hormonpflaster nicht nur erklärt, sondern auch zum Anschauen in die Hände gedrückt. «Das Pflaster find ich noch ziemlich cool», flüstert ein Mädchen dem anderen zu. Weniger cool stellen sie sich dann beim Kondom-Überziehen an. «Wähh, das ist ja ganz klebrig», kreischen sie und lassen den Delfinpenis vor lauter Schreck auf den Boden fallen. Andere präsentieren stolz ihr vollendetes Werk.

«Weiss, dass ich immer Stopp sagen kann»

Kurz vor Mittag trifft die gesamte Klasse nochmals zusammen. Die Atmosphäre ist deutlich entspannter als noch am Morgen. Die Mädchen singen vor sich hin, die Jungs sprechen über den bevorstehenden Fussballmatch. Zum Schluss soll jeder noch kurz etwas zu den vergangenen Stunden sagen. «Ich fands total cool», sagt ein Junge. Er wisse jetzt zum Beispiel, dass manche Männer eine Latex-Allergie hätten. «Wir haben gelernt, Kondome richtig anzuziehen», sagt ein anderer. «Wir im Fall auch», erwidert ein Mädchen. Ihre Sitznachbarin sagt: «Ich habe viel über Verhütung gelernt und weiss jetzt, dass ich immer Stopp sagen kann.» Zum Thema Porno fällt kein Wort.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Chuck Norris am 17.09.2012 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gut ...

    ... finde ich das die Aufklärung in der Schule behandelt wird. Den mit den Eltern wollen die wenigsten über solche Themen reden ( Bin selber 15 Jahre und weiss was was ich sage ).

  • dsbsbbsb am 17.09.2012 16:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hsusgshs

    Wir haben in der 3. Klasse angefangen Pornos zu schauen, da waren wir 9-10 Jahre alt ... Als wir dann in der 5 Klasse aufklärung hatte, hat jemand eine Frage betreffend Anal-Sex gestellt. Die Frau hat uns verwundert gefragt ob das überhaupt geht xD Verwirrung pur für 11-12 Jährige. Überlasst also die Aufklärung jemandem der Ahnung davon hat. Alles andere ist kontraproduktiv. Und wie gesagt Pornos schaut man heute wahrscheinlich schon sehr früh aber das ist normal, denn der Menscht ist halt neugierig!

  • Herr Wettermann am 17.09.2012 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schule...

    soll sich verdammt nochmals endlich mal auf ihre Kernaufgabe konzetrieren! Sie mischt sich ständig in die Angelegenheiten der Eltern ein!! Und dann wundern sich die Damen und Herren Lehrer, dass sich die Eltern je länger je mehr in Angelegenheiten der Schule einmischt! Jeder sollte auf seinem Tisch sauber machen. Sexualerziehung ist die Sache der Eltern und läuft bestenfalls auch unter Kollegen ab. Aber ganz sicher nicht in der Schule und unter Zwang!!!

    • Jörg M. am 17.09.2012 16:43 Report Diesen Beitrag melden

      Unglaublich

      Ja! Wie recht sie haben! Mathe können sie den Kindern SCHON LANGE nicht mehr beibringen, deshalb lieber einen kleinen Ausflug ins Pornoland. Es nervt!!

    • whoever am 17.09.2012 16:44 Report Diesen Beitrag melden

      Dann präsentieren Sie eine Lösung?

      @Wettermann: Dann bringen Sie doch endlich die Eltern dazu, dies auch wirklich zu machen! Das Problem ist, sie machen es nicht. Ansonsten hätten die Jugendlichen nicht so viele Fragen! Also, wie sieht Ihre Lösung aus? Wie wollen Sie alle Eltern dazu bringen, ihre Kinder aufzuklären? Wie hier in den Kommentaren ersichtlich, sind längst nicht alle Eltern dazu gewillt. Deswegen ist die Schule ein guter Ort dafür!! Wir haben alle Verantwortung dafür!!

    • Rita am 17.09.2012 17:11 Report Diesen Beitrag melden

      Auklärung

      Viele Eltern können und wollen ihre Kinder nicht aufklären, ausserdem schätzen die Kinder den Sexualunterricht!

    • Herr Wettermann am 17.09.2012 20:07 Report Diesen Beitrag melden

      Jeder für sich!

      Ich muss nur für meine Kinder schauen. Wenn ich das richtig mache und offen darüber mit ihnen spreche (und das tu ich), dann stellen sie mir die Fragen, die sie plagen schon. Und wenn es richtig läuft, werden jene Kinder, die mit ihren Eltern nicht reden können, dann von den aufgeklärten Kindern aufgeklärt.

    • Chris am 18.09.2012 12:12 Report Diesen Beitrag melden

      vor 200 Jahren vielleicht

      hahaha Bravo!! Ich wüsste wohl heute noch nicht, dass es 2 Geschlechter gibt!!! Mal schauen wie viele ihr "junges, herziges" Töchterli aufklären möchten. Eltern können sonst schon schlecht "loslassen"

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  • Marius am 17.09.2012 16:03 Report Diesen Beitrag melden

    Wie verbohrt sind denn hier alle?

    Sex kann aus Liebe und aus Lust geschehen. Ich bin momentan Single, treffe mich aber ab und zu mit einer guten Freundin für spontanen Sex. Da ist doch klar, das sie ein Lustobjekt ist, wie ich für sie auch. UND Ja, ich schaue ab und zu auch Pornos. Wer jetzt glaubt ich sei "krank": Ich bin auch beziehungsfähig und habe schon eine mehrjährige Beziehung hinter mir, wo ich die Frau beim Sex geliebt UND als Lustobjekt behandelt habe. Diese Sek-Klasse, die im Artikel vorkommt, ist um einiges reifer als viele Kommentatoren hier.

  • petra am 17.09.2012 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    nicht hui sonder normal

    es heisst doch immer, es sei das natürlichste der welt. dann lasst uns doch sachlich darüber sprechen. verhütung und aufklärung fängt schon mit 4 jahren an. kinder fragen, gebt doch normal antwort. mit 16 muss man den jugendlichen nichts mehr erzählen, da wolle sie es ausprobieren (oder eher schon mit 12). und schlecht finde ich es nicht, es gibt viel was jugendliche die eltern nie fragen würden und wenn es in der schule ist und ein ganz normales thema wird, dann können sie sich auch austauschen.

    • whoever am 17.09.2012 16:49 Report Diesen Beitrag melden

      Genau!

      Genau, Kinder sind Neugierig, sehen, dass es unterschiedliche Geschlechter gibt, und fragen sich, wozu. Kinder fragen bereits ab dem kleinsten Alter - ich weiss nicht, warum man hier irgendwelche Lügen auftischen soll (vonwegen Storch und co). Kinder fragen das, was sie interessiert, also sollte man ihnen in diesen Situation genau diese Antwort geben. Haben sie noch mehr Fragen, werden sie diese stellen. Keine Ahnung, warum wir ein solches Traritrara darum machen...

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