Gesundheitskosten

16. Juni 2017 16:52; Akt: 16.06.2017 17:01 Print

Zum Sparen – Ärzte wollen Überbehandlung stoppen

von B. Zanni - Intensivmediziner wollen unnötige Behandlungen streichen, um Kosten zu senken. Zudem könne maximale Behandlung schaden.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nach einem schweren Skateboard-Unfall liegt Marc auf der Intensivstation. Dabei wird er künstlich ernährt – eine unnötige Behandlung in den Augen der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin SGI. Bei Patienten ohne Ernährungsdefizit sollten Ärzte in den ersten Tagen auf der Intensivstation darauf verzichten, künstliche Ernährung zu verabreichen. In einer kürzlich publizierten «Top-9-Liste» fasst die SGI eine Reihe von Behandlungen zusammen, die gegebenenfalls gestrichen werden könnten.

Umfrage
Befürworten Sie die von den Intensivmedizinern vorgeschlagenen Massnahmen zur Kostensenkung?

Bei Patienten mit einem signifikanten Sterbe- oder Schadensrisiko sollen Ärzte lebenserhaltende Massnahmen nur fortsetzen, wenn mit dem Patienten oder Angehörigen die Behandlungsziele zuvor besprochen wurden. Damit sich Patienten schneller erholen, schlägt die SGI zudem vor, Patienten nur so stark wie nötig zu sedieren.

Die aufgelisteten Punkte begründet die SGI unter anderem mit dem Ziel, Kosten zu verringern. Bis 2030 wird ein Anstieg der Krankenkassenprämien um 60 Prozent erwartet. Kritiker behaupten, dass unnötige Behandlungen die Gesundheitskosten ständig in die Höhe treiben.

«Wir müssen von Maximalmedizin wegkommen»

«Das Maximum an Behandlungen ist nicht immer das Beste», sagt Thierry Fumeaux, Präsident Ärzte der SGI und Intensivmediziner. Es gebe aber immer noch Ärzte, die aus reiner Routine Patienten überbehandeln würden. «Es hat sich gezeigt, dass gewisse Behandlungen nicht nur Kosten verursachen, sondern dem Patienten auch mehr schaden als nützen.»

Gesundheitspolitiker halten die Liste für sinnvoll. «Wir müssen von der Maximalmedizin wegkommen», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel. Studien hätten ergeben, dass 20 Prozent der Gesundheitskosten gespart werden könnten – ohne negative Auswirkungen auf die Gesundheit. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass gewisse Behandlungen unnötig seien, lägen längst vor. «Wichtig ist, dass diese jetzt in die Praxis umgesetzt werden.»

Die Überversorgung sei ein grosses Problem, sagt auch SVP-Nationalrat Heinz Brand. «Es kommt immer wieder vor, dass Ärzte Patienten gegen deren Willen einfach weiterbehandeln.» Er fordert, dass Ärzte mit den Patienten beim Spitaleintritt den Behandlungsverlauf und dessen Ende ausführlich besprechen. «Auch sollen Ärzte bei der Medikamentenabgabe genau hinschauen, ob es ein Medikament wirklich noch braucht oder nicht.»

Wegen Durchfall operiert

Auch die Stiftung SPO Patientenschutz begrüsst die Sparmassnahmen. «Es ist richtig, dass man über die Bücher geht und festlegt, welche Behandlungen notwendig sind und welche nicht», sagt Präsidentin Margrit Kessler. Sie schildert den Fall einer Patientin, deren Bein von Krampfadern überzogen war. «Der Arzt fand dann, dass auch das zweite völlig gesunde Bein unbedingt operiert werden müsse.» Kessler erinnert sich an eine Patientin, die wegen Bauchschmerzen innerhalb von zwei Stunden auf dem OP-Tisch lag. «Man entfernte ihr den Blinddarm und perforierte aus Versehen auch noch den Dünndarm. Dabei hatte sie nur Durchfall.»

Kessler warnt aber auch: Wichtig sei, dass die Sparmassnahmen die Ärzte nicht unter Druck setzen. Würden schwerkranke Patienten nicht rechtzeitig künstlich ernährt, könne dies zu Defiziten führen. «Die Intensivmediziner dürfen auf keinen Fall voreilige Schlüsse ziehen. Die individuelle Behandlung hat vor allen Kosteneinsparungen Priorität.» Auch die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH wehrt sich gegen einen primären Fokus auf das Sparen. «An erster Stelle müssen die Qualitätssicherung und die Patientensicherheit stehen», sagt FMH-Vizepräsident Christoph Bosshard. «Stehen die Kosten im Vordergrund, besteht die Gefahr einer Zweiklassenmedizin.» Dann würden nur noch Patienten, bei denen es sich finanziell rentiere, behandelt.

«Keine schwarze Liste»

Die SGI betont, dass es sich bei der «Top-9-Liste» «um keine schwarze Liste, sondern um eine Grundlage zur Reflexion» handele. Diese solle die Diskussion zwischen Ärzten und Patienten fördern. Die SGI und ihre Mitglieder würden aufmerksam sein und keine abweichende Anwendung dieser Massnahmen zulassen. «Die Liste richtet sich nicht an Krankenkassen oder kantonale Gesundheitsämter, sondern an Ärzte, die gut überlegte Entscheidungen treffen», präzisiert Thierry Fumeaux.

Unterstützt wird die «Top-9-Liste» vom Verein Smarter Medicine – Choosing Wisely Switzerland. Die Kampagne kämpft gegen Fehl- und Überversorgung in der Medizin. «Bei den Massnahmen geht es nicht darum, Behandlungen zu rationieren», betont Geschäftsführerin Bernadette Häfliger. Ihr Anliegen sei, die Behandlungsqualität zu verbessern und unnütze Behandlungen zu verhindern. «Kommt es gleichzeitig zu einer Kostenreduktion, ist dies ein schöner Nebeneffekt.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jochum am 16.06.2017 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Notfälle

    um gesungheitskosten zu sparen sollte damit begonnen werden das unnötige besuche der notfallklinik selber gezahlt werden müssen.

    einklappen einklappen
  • Denise am 16.06.2017 17:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    System geht bachab

    Künstliche Ernährung später anfangen. Tolle Sparmassnahme... da gibt es wohl noch bessere Möglichkeiten zu sparen!!! Vielleicht sollte man eher mal damit anfangen, jenen die Prämien zu erhöhen, die wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt springen. Und jene Ärzte mal etwas mehr kontrollieren, die die Menschen mit Medis vollstopfen wos überhaupt nicht nötig ist. Sorry. Wir haben in der Schweiz ein gutes Gesundheitssystem, aber so wie es jetzt läuft kann es wirklich nicht mehr weiter gehen. Bald kann man sich die Krankenkasse gar nicht mehr leisten.

    einklappen einklappen
  • Clife am 16.06.2017 17:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön dass etwas unternommen wird

    Bitte weiter so! Und dann hoffe ich sehr darauf, dass die Gesundheitskosten aufhören so dramatisch zu steigen!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • CH-Meinung am 17.06.2017 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    ARZT-LÖHNE STOPPEN IST DIE DEVISE

    oder noch besser Ärzte-Stopp wenn alles nichts nützt. Die Patienten + Krankenkassen-Abzockerei muss aufhören - das Volk ist nicht der Pestalozzi. Die Ärzte. Villen + teuren Eigentus-Wohnungen div. anderer Luxus+ Ferien - Privat-Schulen für Kinder können sie sich je alle Ärzte leisten. Also bitte, kommt vom hohen Ross herunter.

  • Nachdenker am 17.06.2017 10:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenn schon

    Wen wir hier schon über solche Sparmassnahmen wie im Artikel geschrieben (egal ob unglücklich formuliert oder nicht) diskutieren müsste man ehrlicherweise auch darüber reden: Transplantationen und Folgekosten. Frühchen welche immer noch früher Überlebenschancen haben. (Sorry an alle Betroffenen , das war ausdrücklich nur vom finanziellen Aspekt aus gesehen)

    • ES am 17.06.2017 13:59 Report Diesen Beitrag melden

      Hart, aber notwendig

      Teile diese Meinung. Da braucht es unbedingt eine Ethik-Diskussion. Immer häufiger überleben die Frühchen schon ab der 23 . Woche. Hohe z.T lebenslange Folgekosten...Konzentrationsprobleme in der Schule etc. Viele Spitäler querfinanzieren andere Abteilungen mit der teuren Intensivstation der Frühchen-Spitzenmedizin

    einklappen einklappen
  • Alter Mann am 17.06.2017 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Katalog

    Streicht endlich den Leistungskatalog auf das Notwendige zusammen. Es heisst ja Krankenkasse und nicht Fittness / Handaufleger / Halbesoterische / Alternativ etc. kasse.

    • Barbara S. am 17.06.2017 09:51 Report Diesen Beitrag melden

      @alter Mann

      und dann fällt eine Therapie/ein Medikament, welches am schnellsten hilft und am wirtschaftlichsten ist raus? Nicht jeder Körper reagiert gleich, braucht das gleiche ....

    einklappen einklappen
  • fredi gurtner am 17.06.2017 09:19 Report Diesen Beitrag melden

    Überbehandlung

    Es ist doch klar, das jedermann sich besser kennenlernen muss, um nicht wegen jedem BOBO sofort zum Doktor oder ins Spital zu gehen. Nach ein paar Tagen Schmerzen ist es dann doch angebracht. Im übrigen gibt es noch viele Apotheken mit ausgebildetem Personal und der Apotheker/in selbst ist eigentlich Arzt und hat eine eidgenössiche Prüfung mit Attest bestanden

    • Medstud am 17.06.2017 17:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @fredi gurtner

      Ein Apotheker ist kein Arzt. Er ist Apotheker. Ja er hat eine eidgenössische Prüfung, aber eine andere als ein Arzt.

    einklappen einklappen
  • Rechnung am 17.06.2017 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rechnung

    Alle Patienten sollten auch kontrollieren was der Arzt den wirklich abgerechnet hat!! Ein höherer Selbstbehalt bei nicht Generika-Medi's, wäre auch sehr sinvoll.

    • ruth am 17.06.2017 09:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rechnung

      das macht die krankenkasse bereits. für nicht generika, wenn welche vorhanden sind bezahlt man 15% statt 10%

    • Barbara S. am 17.06.2017 09:52 Report Diesen Beitrag melden

      @Rechnung

      die Rechnung kann ich nur prüfen, wenn diese nicht direkt der Krankenkasse geschickt wird ... und wie soll die Krankenkasse alles, was gemacht wurde wissen?

    • medi am 17.06.2017 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ruth

      Das ist zu wenig, wer umbedingt original Medis haben wil sollte die kosten selber tragen.

    • Medi am 17.06.2017 14:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Barbara S.

      Jeder hat das Recht beim Arzt eine Kopie von der Rechnung zu verlangen. Oder die Rechnung ganz normal zu verlangen.

    • Barbara S. am 17.06.2017 14:22 Report Diesen Beitrag melden

      @medi

      Verlangt jeder denn die Rechnung beim Arzt und nimmt sich die Mühe diese zu prüfen? Versteht denn jeder die Rechnung? Zudem betr. Medi selber bezahlen, wenn Original. Was, wenn Generika nicht wirken, schlechter verträglich sind etc.?

    • Medi am 17.06.2017 15:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Barbara S.

      Eben drum sollten sich die Patienten die Mühe machen und prüfen wens irgendwie geht! Und wenn natürlich das Generika nicht wirkt, kann der Arzt dies auch sicherlich bestättigen. So zuminest könnte man schon sehr viel erreichen.

    einklappen einklappen