Hirnstrom-Messung

18. August 2014 10:28; Akt: 18.08.2014 10:28 Print

«ADHS so einfach sehen wie einen Beinbruch»

von J. Büchi - Die Diagnose ADHS wird Kindern oft zu Unrecht verpasst, behauptet der Hirnforscher Andreas Müller. Mit Hirnstrom-Messungen will er künftig Klarheit schaffen.

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Eine Hirnstrommessung gibt laut Andreas Müller Aufschluss über allfällige mentale Störungen. (Bild: Keystone/Olivier Maire)

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Luca ist sieben. Als er eingeschult wird, fällt der Lehrerin auf, dass er unruhig ist und sich schlechter auf den Unterricht konzentrieren kann als seine Klassenkameraden. Sie empfiehlt den Eltern das Gespräch mit dem Kinderarzt. Dieser kommt zum Schluss: Luca hat ADHS, eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Ritalin soll dem Buben helfen, sich besser zu konzentrieren. Doch das Medikament zeigt nicht die erwünschte Wirkung. Weitere Abklärungen folgen, Luca schluckt ein neues Präparat zum Frühstück.

Der Fall ist fiktiv, das Muster laut dem Churer Psychotherapeuten und Hirnforscher Andreas Müller aber weit verbreitet. «Fakt ist, dass in der Diagnostik viel zu viele Fehler passieren – auch deshalb, weil jeder etwas anderes darunter versteht», kritisiert er. Studien belegten, dass jede dritte ADHS-Diagnose falsch sei – bei anderen psychischen Erkrankungen sogar noch mehr. «Ich sehe viele Patienten, die verschiedene Diagnosen von Spezialisten bekommen haben – und keine davon trifft das Problem wirklich.» Entsprechend erhielten die Betroffenen unter Umständen auch die falschen Medikamente.

Hirnstrom-Messungen als Lösung?

Dies sei ein krasser Missstand, «denn es gibt eine Methode, mit der für die Diagnose ADHS und für andere mentale Störungen mit grosser Zuverlässigkeit äusserst wichtige Informationen erhoben werden können.» Müller spricht von der Hirnstrommessung – er ist Experte auf dem Gebiet. «Bei einer Person mit ADHS reagiert das Gehirn deutlich anders auf Töne oder Bilder als bei einer Person ohne Aufmerksamkeitsdefizit.» Dasselbe gelte auch für andere psychische Störungen wie etwa Depressionen oder Schizophrenie.

«Psychisch auffällige Hirnfunktionen können auf diese Weise fast genauso zuverlässig erkannt werden wie Beinbrüche», so Müller. In der Forschung sei die Methode schon seit Jahrzehnten etabliert. In der Praxis hingegen würden sich heute die meisten Ärzte auf ihren subjektiven Eindruck oder Fragebögen verlassen – «daher die hohe Fehlerquote».

Andere Fachvertreter widersprechen: Bei einer sorgfältigen Untersuchung sei die Diagnosesicherheit in der Psychiatrie nicht schlechter als in anderen Bereichen der Medizin, sagt Ronnie Gundelfinger, Leitender Arzt beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich. Befragungen der Eltern, der Lehrer und des Kindes seien bei einer ADHS-Diagnose zentral. Das Verhalten des Kindes werde zudem in verschiedenen Situationen beobachtet und seine Aufmerksamkeitsleistung mit Computer-Tests erfasst. «Hirnstrom-Messungen hingegen sind zwar wissenschaftlich interessant, eignen sich aus meiner Sicht aber nicht zur Einzeldiagnostik.»

Studie soll Beweis liefern

Müller erwidert, es sei aus seiner Sicht falsch, die Methoden gegeneinander auszuspielen: «Es geht keinesfalls darum, psychologische Gespräche durch biologische Messungen zu ersetzen.» Allerdings könne ein Facharzt viel gezielter fragen und behandeln, wenn er diese biologischen Informationen habe.

In einer gross angelegten Studie will der Hirnforscher nun die Genauigkeit der Methode belegen. Rund 700 Teilnehmer sollen an der Untersuchung teilnehmen, in deren Rahmen Kinder und Erwachsene mit Aufmerksamkeitsstörungen über zwei Jahre begleitet werden. Müller erhofft sich viel von der Studie: «Ich bin überzeugt, dass unsere Erkenntnisse dazu beitragen werden, die Fehlerquote in der Diagnostik zu senken.»

Mehr Informationen zur Studie sowie die Teilnahmebedingungen finden Sie unter adhd-studie.ch