Felssturz-Drama

06. Juni 2012 12:55; Akt: 06.06.2012 14:41 Print

«Dann rannten sie um ihr Leben»

Es gab keine Anzeichen auf einen Felssturz, die Arbeiter waren erfahren. Doch dann löste sich am Gotthard der Fels - und die Arbeiter erlebten dramatische Sekunden.

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Am Dienstagmorgen, kurz vor 9 Uhr, ereignete sich in Gurtnellen UR ein Felssturz. Der 29-jährige Bauarbeiter, der dabei verschüttet worden war, konnte am frühen Samstagmorgen (9. Juni) nur noch tot geborgen werden. Zwei weitere wurden mit Verletzungen ins Spital gebracht. Frontalansicht des Abbruchs am Berg. 2500 Kubikmeter Geröll donnerten auf das Bahntrassee. Hier ereignete sich das Unglück. Die Geröllmasse verschüttete die Bahnlinie. Hier ist der Berg abgebrochen. Im Bereich der Absturzstelle befand sich eine Baustelle. Gemäss einem Sprecher der Kapo Uri seien zum Unglückszeitpunkt Hangsicherungsarbeiten im Gange gewesen. Neben der Rega ist auch Heli Gotthard im Einsatz. Suchhunde werden via Helikopter zum Felssturzgebiet geflogen. Der Felshang ist nach wie vor labil. Der Verschüttete wurde deshalb noch nicht geborgen. Für die Sicherheit der Bergungsmannschaften müssen zuerst geologische Abklärungen durchgeführt werden. Damit wolle man verhindern, dass Nachstürze weitere Personen verletzten, erklärte ein Polizeisprecher. Die Wahrscheinlichkeit, den Verschütteten lebend bergen zu können, sei klein, sagte der Bauführer und Chef der Arbeiter. «Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.» Für Adrian Pfiffner, Geologe und Professor für Tektonik an der Uni Bern, steht fest: Die Regenfälle der letzten Tage haben die Katastrophe ausgelöst. «In das zerklüftete Gestein läuft Wasser, dadurch verlieren sie ihren Halt», so Pfiffner. Die Kantonsstrasse ist gesperrt. Ein gestrandeter Güterzug bei Gurtnellen: Die Gotthardstrecke bleibt mindestens drei Tage gesperrt. Glücklicherweise war kein Zug auf der Strecke, als der Fels ins Tal donnerte. «Es wurden keine Wagen getroffen und somit keiner unserer Passagiere verletzt», sagte SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Die Gotthardstrecke bleibe aber laut Pallecchi bis mindestens Mittwoch unterbrochen. Es verkehren Bahnersatzbusse zwischen Flüelen und Göschenen. Es muss allerdings mit erheblichen Verspätungen gerechnet werden. In Bellinzona mussten die Passagiere nochmals umsteigen. Leser-Reporter Kurt Lieberherr, der sich im ersten Ersatzzug befand, kam mit rund einer Stunde Verspätung in Lugano an. Der Felssturz ist kein Einzelfall. Immer wieder erschütterten Steinschläge das Gebiet bei Gurtnellen. Bereits am 12. März dieses Jahres gab es einen Kilometer unterhalb des Bahnhofs Gurtnellen einen Steinschlag. Verletzt wurde niemand. Im April 2009 verschüttete eine Nassschneelawine die Autobahngalerie bei Gurtnellen. Die Lawine forderte keine Opfer, aber die Kantonsstrasse bieb einige Tage gesperrt. Im Mai 2006 forderte ein Steinschlag bei Gurtnellen zwei Menschenleben. Um 06.45 Uhr ging der Felssturz mit einem Volumen von gegen 10 000 Kubikmeter auf die Autobahn nieder. Ein 64-jähriger Mann und seine 60-jährige Frau aus Deutschland starben. Zudem wurden zwei Lastwagenchauffeure verletzt. Sie befanden sich auf dem Rastplatz und schliefen, als der Felssturz niederging. Die Räumung der bis zu 125 Tonnen schweren Blöcke war schwierig. Wegen der anhaltenden Felssturzgefahr blieb die Autobahn mehrere Wochen gesperrt. Der instabile Felshang über Gurtnellen wurde gesprengt. Ein Jahr zuvor, im März 2005, durchschlugen zwei je fünf Kubikmeter grosse Felsbrocken bei Gurtnellen die Schutznetze und stürzten auf die Autobahn. Zwei Autofahrer kollidierten mit den Steinblöcken, blieben jedoch unverletzt. April 2003: Ein Felsbrocken durchschlug eine Autobahngallerie bei Gurtnellen. Verletzt wurde niemand.

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Es waren dramatische Sekunden, die die Arbeiter in Gurtnellen am Dienstag erlebten. Wie dramatisch, weiss Ruedi Huber von der Kantonspolizei Uri von den Schilderungen der beiden Männer, die beim Felssturz verletzt wurden. «Sie waren am Arbeiten, als plötzlich der Hang herunterkam», sagt Huber zu 20 Minuten Online. «Sie riefen einander noch zu: ‹Der Hang kommt!› Dann rannten sie um ihr Leben.» Dabei wurden die beiden Männer von Steinen getroffen und verletzt. Irgendwie gelang es ihnen jedoch, sich zu retten. «Als sie zurückschauten, war ihr Kollege verschwunden.»

Wie vom Erdboden verschluckt, begraben unter den Geröllmassen. Und noch immer liegt der 29-Jährige dort, obwohl Suchhunde das Opfer geortet haben. Die Situation allerdings ist nach wie vor unsicher, die Gefahr eines weiteren Felssturzes zu gross, um eine Rettungsequipe ins Feld zu schicken. «Wir prüfen nun, ob wir mit einem ferngesteuerten Bagger in das Gelände vordringen und mit der Bergung beginnen können», sagte SBB-Geologe Marc Hauser an der Pressekonferenz am Mittwochmorgen. Noch sei aber unklar, ob ein solches Gerät kurzfristig zur Verfügung steht. Obwohl die Bergung des Opfers «oberste Priorität» habe, könnte es noch Wochen dauern, bis der verunglückte Arbeiter aus den Geröllmassen geborgen wird.

Geologe Marc Hauser über die Bergung des Opfers (Video: Keystone)

Überrascht von der Grösse, der Schnelligkeit und dem Ausmass

Vom Ereignis wurden am Dienstagmorgen nicht nur die erfahrenen Arbeiter überrascht. «Wir haben vor dem Felssturz einige Bewegungen registiert», sagte Geologe Markus Liniger vor den Medien. Doch nichts habe auf einen Felssturz hingedeutet. Und schon gar nichts auf einen Felssturz dieses Ausmasses. «Wir sind extrem überrascht von der Grösse, der Schnelligkeit und dem Ort des Abbruchs», so Liniger. Es sei «ein ausserordentliches Ereignis», so die Geologen. Nur zehn Prozent aller Felsstürze der letzten 500 Jahre in der Schweiz fielen in diese Kategorie.

Das aussergewöhnliche Ereignis hat auch Auswirkungen auf den Bahnverkehr. Die Gotthard-Strecke bleibt für mindestens einen Monat gesperrt. Die Lage bleibe angespannt, weil weiterhin Felssturzgefahr drohe. Heute Mittwoch werden Rodungsarbeiten oberhalb der Abbruchstelle vorgenommen, Sprengungen sind erst möglich, nachdem sich die überwachte Felswand während mehrerer Tage ruhig verhalten hat. Erst dann können die Felssanierungen vorgenommen werden. Danach werden Experten den Damm aufräumen, das lose Gestein entfernen und die Bahninfrastruktur wiederherstellen.

Ob die Sorgfaltspflicht verletzt wurde, klärt die Polizei ab. Die Staatsanwaltschaft eröffnet die Untersuchung erst, wenn der Tod des verschütteten Arbeiters feststeht.

(am/meg)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • stein k. am 06.06.2012 13:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unglaublich

    was soll das?? da unten liegt eine person und verliert langsam ihr leben und sie schicken möglicherweise einen ferngesteuerten bagger -.- für was zahl ich den staat steuern, damit er leben rettet egal ob mit baggern, helikoptern oder menshlichrn truppen

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  • abalaus am 06.06.2012 19:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zu gefährlich

    meine güte überlegt doch erst mal! klar will man als angehöriger dass der mann gerettet wird, er könnte ja noch leben. leider ist dies nicht wahrscheinlich, da es sich um viel kleingeröll handelt und er sicherlich erschlagen wurde. jetzt retter zu opfern, damit man bei einem weiterem abgang 10 tote hat, ist sicherlich nicht in seinem sinne. da geht es auch nicht um steuern! und jeder retter wäre sofort an ort und stelle und würde mit den händen graben, wenn es sein muss, aber es ist nunmal zu gefährlich! ich würde nicht wollen, dass sich andere in gefahr bringen wegen mir.

  • Christof Bern am 06.06.2012 17:49 Report Diesen Beitrag melden

    Beispiel wie's wietergehen wird

    Liebe Alpenstaaten, im Zuge der Klimaerwärmung mit milderen Wintern und feuchteren Sommern, werden wir uns in Zukunft vermehrt mit solchen Ereignissen auseinadersetzten müssen. Stell euch darauf ein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Heinz Bissig am 07.06.2012 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe 20 min

    Bitte überlegt euch einmal eine Funktion mit der sich Kommentare bewerten lassen. Je mehr negative Stimmen um so weiter unten oder gar nicht sichtbar ist ein Kommentar. Das Argument, man braucht die Kommentare ja nicht zu lesen zählt nicht, da dieses Medium interaktiv ist. Jede Zeitung bzw. jedes Online-Angebot das etwas auf sich hält, integriert eine solche Funktion. Es ist mühsam und erdrückend, wieviel Schwachsinn in den Lesekommentaren zu sehen ist, da von euren Prüfungslesern nicht nach Unwissen gefiltert wird.

  • m. wirth am 07.06.2012 08:17 Report Diesen Beitrag melden

    Retter vs. Gefahr

    An alle die hier die Rettungskräfte kritisieren. Es gilt nun mal bei der Rettung, sich selbst möglichst nicht in Gefahr zu bringen. Genau die die jetzt die Retter kritisieren, würden wenn sie denn auch verschüttet würden, wieder Motzen. Der böse Rettungschef, Kanton etc. hat die Männer und Frauen leichtsinnig in den Tod geschickt. Im übrigen vielder der Retter sind Freiwillige! Wer von euch ist Freiwilliger Retter! (Feuerwehr, Hundeführer etc) Vor dem Compi lässt es ich immer leicht reden.

    • Ich.Unwichtig am 07.06.2012 10:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      So ist es..

      Weise Worte! Genau so siehts aus..

    • Livio Son am 07.06.2012 10:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Genau

      Genau meine Meinung! Bravo

    • H.Zimmerli am 08.06.2012 09:23 Report Diesen Beitrag melden

      Retter Felssturtz

      Bin absolut auch deiner Meinung.

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  • Christina Marchand am 06.06.2012 22:47 Report Diesen Beitrag melden

    Klimawandel

    Der Klimawandel wird noch mehr solche Felsstürze bringen

    • Fahrner Markus am 07.06.2012 08:37 Report Diesen Beitrag melden

      Klimawandel

      Felsstürze gab es vor 500 Jahren auch schon!

    • ditri am 07.06.2012 10:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Klimawandel.? lach

      die Erde ist die ganze Zeit in Bewegung.. also hat gar nix mit dem Klimawandel zu tun.. oder was meinst du.?? wie ist der pilatus, matterhorn, eiger Mönch und Jungfrau oder das himalayyagebirge entstanden? und was war vor hunder Jahren..? der FelsSturz vom bürgerstock in den vierwaldstättersee.. die ganze Stadt Luzern und horw waren unterwasser.. die Natur lässt sich nicht kontrollieren.. und das was wir Menschen hinterlasssen ist nur für den Mensch gefährlich.. die Natur wird sich regenerieren...

    • Livio Son am 07.06.2012 10:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Gab schon vor Jahrmillionen

      Das hat nun rein gar nichts mit dem Klimawandel zu tun. Oder gabs den auch schon als die Berge entstanden sind? Ein Berg wächst nun mal. Und wenn etwas instabil wird fällt es zusammen oder bricht ab. Dass der Permafrost nachlässt und das Gebirge nicht mehr so zusammenhält wie vorher gab es vor Jahrmillionen schon. Nur waren da keine oder wenig Menschen betroffen. Da hats niemanden gestört.

    • walko geolog am 07.06.2012 14:08 Report Diesen Beitrag melden

      Klima-Zyklus

      Die Erde ist in Bewegung seit zig. Millionen Jahren, aber leider fordert dies immer mehr Opfer.

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  • bergblume am 06.06.2012 22:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    na toll

    und wenn er im bereich unter einem stein so nahe am bagger am leben gewesen wäre und in der zwischenzeit am sterben ist fraglich mir tun die angehörigen im ungewissen leid den mann muss imer mit dem leben rechnen und nicht mit dem tod

  • abalaus am 06.06.2012 19:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zu gefährlich

    meine güte überlegt doch erst mal! klar will man als angehöriger dass der mann gerettet wird, er könnte ja noch leben. leider ist dies nicht wahrscheinlich, da es sich um viel kleingeröll handelt und er sicherlich erschlagen wurde. jetzt retter zu opfern, damit man bei einem weiterem abgang 10 tote hat, ist sicherlich nicht in seinem sinne. da geht es auch nicht um steuern! und jeder retter wäre sofort an ort und stelle und würde mit den händen graben, wenn es sein muss, aber es ist nunmal zu gefährlich! ich würde nicht wollen, dass sich andere in gefahr bringen wegen mir.