Economiesuisse-Chefökonom

12. November 2016 22:29; Akt: 12.11.2016 22:29 Print

«Cola trinken und über die Globalisierung wettern»

von J. Büchi - Von Donald Trump bis zu den Sozialdemokraten: Globalisierungskritik ist hoch im Kurs. Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch ist besorgt.

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Herr Minsch, wann haben Sie letztes Mal gedacht: «Toll, leben wir in einer solch vernetzten Welt»?
Das denke ich eigentlich dauernd. Aber eine Reise nach Vietnam und Japan führte mir kürzlich wieder einmal besonders deutlich vor Augen, wie viel uns die internationale Arbeitsteilung gegenseitig bringt. Wenn eine Schweizer Firma in Vietnam vor Ort produziert und Teile aus der Schweiz importiert, ist das eine Win-Win-Situation.

Umfrage
Ist es richtig, die Globalisierung infrage zu stellen?
60 %
22 %
15 %
3 %
Insgesamt 12471 Teilnehmer

Die Wahl Donald Trumps gilt als krachendes Votum gegen die Globalisierung. Nun werden auch in der Schweiz links und rechts die Stimmen lauter, die den freien Handel infrage stellen. Macht ihnen das Sorgen?
Sehr sogar. Wir haben einen Heimmarkt von acht Millionen Personen. Wir sind auf Gedeih und Verderb auf einen guten Marktzugang in möglichst vielen Ländern angewiesen. Nur so können wir Produkte exportieren und damit Geld verdienen. Nun auf Abschottung zu setzen, wäre ein riesiges Eigengoal. Die Wirtschaft und der Wohlstand würden kollabieren.

Die Bürger gaben nun aber mehrfach zu verstehen, dass sie keine weit offenen Grenzen mehr wollen. Mit der Masseneinwanderungsinitiative, mit dem Brexit, mit Trump. Wollen Sie das einfach ignorieren?
Diese Sorgen gilt es ernst zu nehmen. Wir müssen aber unterscheiden: In Grossbritannien und den USA hat der Mittelstand in den letzten Jahren wirklich gelitten. In der Schweiz ist das nicht so – das belegen aktuelle Studien. Aber es ist klar: Die Welt dreht sich sehr schnell und wir wissen nicht, wohin die Reise geht. Da kann ich es verstehen, wenn diffuse Verlustängste bestehen.

SP-Mann Cédric Wermuth kritisiert, das Leben werde teurer und der Druck am Arbeitsplatz steige, während die Leute vergebens auf das neoliberale Paradies warten würden. Sehen Sie es, das Paradies?
Frage: In welchem anderen Land kann sich ein Berufseinsteiger bereits nach einigen Monaten ein neues Auto kaufen? Wir sind in der Schweiz sehr privilegiert. Das merken wir etwa, wenn wir in die Ferien gehen. Wir können uns mit unserer Kaufkraft extrem viel leisten. In anderen Ländern müssen die Menschen für die gleichen Anschaffungen viel länger arbeiten. Man hat sich vielleicht an das hohe Wohlstandsniveau gewöhnt – aber es ist populistisch, nun vorzugeben, es gehe uns schlecht.

All die Politiker, die nun auf die Bremse treten wollen, sind also Populisten?
Teilweise hat man schon das Gefühl, dass Leute Wasser predigen und Wein trinken. Sie fliegen nach Südamerika in die Ferien, trinken dort eine Cola am Strand und wettern dann gegen die Globalisierung. Fakt ist: Der Freihandel hat uns allen Wohlstand gebracht – nicht nur der Elite. Wenn unsere Exportfirmen ihre Produkte erfolgreich im Ausland verkaufen, zahlen sie gute Löhne und hohe Steuern. Die Zulieferer-Firmen profitieren genauso wie die Lehrer und Beamten, die von den Steuergeldern bezahlt werden.

Und was sagen Sie dem Arbeiter, dessen Job ins Ausland ausgelagert wurde?
Die Chance, in der Schweiz wieder einen Job zu finden, ist gross. Unsere tiefe Arbeitslosenquote ist die beste Arbeitslosenversicherung, die es gibt. Die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften ist in der Schweiz sehr hoch.

Viele kritische Stimmen zielen vor allem auf die Migration ab. Können wir denn die Personenfreizügigkeit und den freien Warenverkehr nicht unabhängig voneinander diskutieren?
In den Bilateralen ist die Personenfreizügigkeit mit anderen Dossiers wie dem Abbau von technischen Handelshemmnissen verknüpft. Diese sind für den Warenverkehr wichtig. Und wir haben ein Interesse an stabilen Beziehungen zur EU. Bekanntlich diskutiert das Parlament aber derzeit darüber, ob die Zuwanderung durch einen Inländervorrang gebremst werden könnte.

Glauben Sie, dass Trump das Zeitalter eines neuen Protektionismus einläutet?
Wir werden sehen, welche Punkte aus dem Wahlkampf er in sein Wirtschaftsprogramm übernimmt. Wenn er seine Ankündigungen hart umsetzt, könnte dies in eine Katastrophe für die Weltwirtschaft münden: Andere Länder würden Gegenmassnahmen ergreifen. Der Protektionismus könnte sich aufschaukeln und eine grosse Depression auslösen. Will man die Uhr zurückdrehen, heisst das, dass wir auch auf all die schönen Seiten der Globalisierung verzichten müssten – auf den Wohlstand. Ich glaube aber nicht, dass es so weit kommt. Zu sehr sind die Länder aufeinander angewiesen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leachim am 12.11.2016 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rosa Brille

    Tiefe Arbeitslosigkeit? Etwa die gleiche, wie in Deutschland. Wir zählen einfach "anders". Offiziell 3.2 % - real gegen 5%! Das Gleiche bei der Teuerung: In der Schweiz zählen die KK-Prämien nicht für den Teuerungsindex. Selbstbetrug!

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  • Molton am 13.11.2016 05:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Economy in der Swiss

    Die Politiker sitzen im Cockpit. Die Ausbeuter direkt dahinter in der First. Er sitzt in der Business. Der Normalbürger in der Economy. Wenn die Vorderen weniger für sich beanspruchen, hätten wir alle mehr Platz.

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  • Eckzahn am 13.11.2016 07:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cola schon vor der Globalisierungsära da

    Blöder Vergleich "Cola trinken und über die Globalisierung wettern". 1. Coca Cola gibt es schon seit 1936 in der Schweiz. Wird seit dann hier abgefüllt mit Wasser von da. Zudem wird nur die Essenz aus Den USA angeliefert. Also weit vor der Globalisierung. Ok. Coke gibt's auf der ganzen Welt, also global. Aber nicht dank der Globalisierung im heute verstandenen Sinn.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sven O am 14.11.2016 10:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    WinWin???!!

    nur schon dieser Satz: 'Wenn eine Schweizer Firma in Vietnam vor Ort produziert und Teile aus der Schweiz importiert, ist das eine Win-Win-Situation.' Win für die CH wohl ja aber für Vietnamesen??? z.b. Jeans in China etc. für keine 5 Sfr Herstellen dann für 150-220 Sfr hier verkaufen, dann Aktionen 99 Sfr..Win-Win??? Wäre es WinWin dann würde es an vielen Orten auf der Welt anderst ausschauen...finde es reine Ausbeutung

  • Yosh Eden am 14.11.2016 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja genau!

    Haha, der Mann ist cool. Er spricht vob "diffusen Ängsten" bei den Bürgern ;-). Ich könnte ihm schon al zeigen wie sehr konkret diese diffusen Ängste sind und wie ganz ganz real sie von globalisierten Multis über den Tisch gezogen werden. Frechheit dieser Typ!

  • Alca74 am 13.11.2016 14:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt

    Jeder, der auch nur ein kleines bisschen von Wirtschaft im Jahre 2016 versteht muss sagen: der Mann hat leider recht! Alles andere ist Stammtischgequatsche.

    • Yosh Eden am 14.11.2016 08:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alca74

      Ich behaupte mal ich verstehe doch einiges von Wirtschaft. Und der Mann laberet gequirlte Dingsbums! Von "diffusen Ängsten" zu sprechen ist derart sarkastischer Zynismus, dass es weh tut. Globalisierte Multis in einer deregulierten Welt ist das furchtbarste für die Arbeiter überhaupt. Das sage ich als ehemaliger Aktienhändler, der diesen Job wegen der 'Grusigkeit' aufgab. Lieber etwas weniger dekadenter Wohlstand mit 2Autos, 20 Gadgets und Kleider wie blöd, dafür faire Bedingungen und Partizipation; menschorientete Marktwirtschaft statt kapitalorientiert. Das Streben nach Glück.

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  • Alexander Uster am 13.11.2016 11:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja ich jammere!

    wie soll das gehen? Die Fabriken werden geschlossen und somit out-sourcen. Viele Firmen sind nicht mehr bereit, CHlöhne zu zahlen. Wenn drei Vietnamese das gleiche bringen wie ein Schweizer. Aber trotzdem viel günstiger. Mein Lohn ist seit vier Jahren nicht mehr gestiegen. Die Krankenkasse aber um 22%. Arbeitslosigkeit bei 3%? Haha Die Wahrheit heisst: Mit den Ausgesteuerten, sind es 6,7 oder 8%. Nun ja, auch selber Schuld... wenn alles immer billigst sein muss und im nahen Ausland eingekauft wird.

  • Globalisierung am 13.11.2016 11:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte definieren

    Geht es um Personen oder Waren? Ich esse gerne Pizza, ohne dabei jedesmal italienisch reden zu wollen. Waren ist komplette Durchmischung egal, die bilden keine Parallelgesellschaften.