Exit feiert

17. Mai 2012 20:38; Akt: 17.05.2012 20:43 Print

30 Jahre Begleitung in den Tod

Mit 60 000 Mitglieder hat die Sterbehilfeorganisation Exit mehr Zuspruch denn je. Doch das war nicht immer so. Der Verein feiert nach mehreren Zerreissproben in diesen Tagen sein 30-jähriges Bestehen.

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Sterbewillige nehmen das Schlafmittel Pentobarbital ein. (Bild: Keystone)

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Das Recht auf Selbstbestimmung - «im Leben und im Sterben» - steht im Zentrum der Sterbehilfeorganisation Exit. Dreissig Jahre nach seiner Gründung steht der Deutschschweizer Verein mit über 60 000 Mitgliedern gefestigt da. In der Vergangenheit hatte Exit dagegen manche Zerreissprobe zu bestehen.

Als Exit (Deutsche Schweiz) im April 1982 in Zürich von 69 Mitgliedern gegründet wurde, war Sterbehilfe längst kein Thema mehr, das nur bei Ärzten, Juristen oder Politikern für Diskussionen sorgte. Wesentlich dazu beigetragen hat der Zürcher Chefarzt Urs Haemmerli, der im Januar 1975 in die Schlagzeilen geriet.

Damals sah sich Haemmerli dem Vorwurf der vorsätzlichen Tötung ausgesetzt. Er hatte öffentlich bekannt, die passive Sterbehilfe zu unterstützen. Konkret verzichtete der Internist bei todkranken Patienten in der letzten Leidensphase auf lebensverlängernde Massnahmen, etwa mittels technischer Apparaturen.

Zwar stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren im folgenden Jahr ein, doch da hatte die sogenannte «Affäre Haemmerli» längst über die Landesgrenzen hinweg für grosses Aufsehen gesorgt. Mehrere politische Vorstösse im Nationalrat sowie eine Volksinitiative im Kanton Zürich waren die Folge. Vor allem aber rückte die Frage der Sterbehilfe für Todkranke ins öffentliche Bewusstsein.

Selbstbestimmung ermöglichen

Für Exit war das Selbstbestimmungsrecht der Patienten von Anfang an ein zentrales Anliegen. Dieses sollte gestärkt und damit der ärztlichen Entscheidungsgewalt entzogen werden.

Dabei stand die Organisation nicht auf verlorenem Posten, denn bereits in den 1980er Jahren stiess die Freitodhilfe in der Schweiz auf breite Zustimmung. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Exit leistete in mancher Hinsicht Pionierarbeit. So führte die Vereinigung die in den USA damals bereits bekannte Patientenverfügung in der Schweiz ein.

Darin legt eine Person verbindlich fest, wie der Arzt zu verfahren hat, sollte sie selbst nicht mehr in der Lage sein, den eigenen Willen zu äussern. Bis heute ist die Patientenverfügung das wichtigste Kriterium, um bei Exit Mitglied zu werden.

Freitodbegleitung seit 1985

Freitodbegleitungen führt Exit seit 1985 durch. Die Hilfe richtet sich an kranke Menschen, die noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte sind, denen aufgrund ihres Krankheitsbildes aber möglicherweise ein sehr schmerzvoller Tod bevorsteht.

Die Sterbewilligen nehmen das starke Schlafmittel Natrium-Pentobarbital ein, das vom Arzt verschrieben wird. In der Regel macht dies der Hausarzt, der den Patienten bereits seit Jahren kennt.

Scheiden in den ersten Jahren jeweils weniger als ein halbes Dutzend Mitglieder auf diese Weise aus dem Leben, sind die Zahlen seither deutlich angestiegen. Im vergangenen Jahr gab es 305 Freitodbegleitungen.

«In 98 Prozent der Fälle scheiden die Sterbewilligen zu Hause, im eigenen Bett, aus dem Leben - umgeben von Familie und Freunden», sagt Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. In wenigen Fällen sterben die Menschen auch im Sterbezimmer von Exit.

Interne Spannungen

Zehn Jahre nach der Gründung hatte Exit bereits die Marke von 50 000 Mitgliedern erreicht. Intern kam es jedoch vermehrt zu Spannungen. Insbesondere die Bestellung des Vorstands führte an den jährlichen Generalversammlungen regelmässig zu heftigen Diskussionen. Der Verein geriet in eine chronische Krise, von Putschversuchen war die Rede.

Die schwelenden personelle Konflikte sowie sachliche Differenzen erreichten an der GV von 1998 einen Höhepunkt. Zahlreiche Mitglieder traten aus dem Verein aus, darunter Ludwig A. Minelli, der umgehend die Sterbehilfeorganisation Dignitas ins Leben rief.

Erst nach diesen Ereignissen steuerte Exit unter neuer Führung allmählich wieder in ruhigere Gewässer. Unter anderem wurde die Organisationsstruktur professionalisiert und der Vorstand verkleinert.

Heute hat Exit eine beeindruckende Grösse erreicht. Mit mehr als 60 000 Mitgliedern ist der Verein «so gross wie eine mittlere Bundesratspartei», wie Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter sagt. Der Rückhalt in Bevölkerung und Politik sei «enorm».

Christliche Kritik

Kritik erwächst der Sterbehilfeorganisation bis heute in erster Linie aus christlichen Kreisen. «Das Leben ist ein Geschenk Gottes, das man nicht wegwirft», sagte unlängst der Luzerner alt Nationalrat Pius Segmüller (CVP) an einer Podiumsdiskussion in Zürich.

Wie breit die Zustimmung - zumindest in urbanen Gebieten - ist, zeigte sich im Mai 2011 im Kanton Zürich: 84,5 Prozent der Stimmberechtigten lehnten damals eine Volksinitiative der EDU ab, die verlangte, jede Art der Sterbehilfe unter Strafe zu stellen.

Diese Abstimmung sowie den Entscheid des Bundesrates im vergangenen Jahr, auf eine stärkere Reglementierung der Sterbe- und Suizidhilfe zu verzichten, wertet Sutter als grossen Lobbyingerfolg. Nun sei erst einmal «konsolidieren angesagt»: Exit wachse stark, darum müssten erst die nötigen Personalressourcen geschaffen werden, um auch in Zukunft «Hilfeleistungen auf höchstem Niveau» erbringen zu können.

Auf eidgenössischer Ebene ungelöst ist die Frage, ob Suizidbeihilfe in Kranken- und Altersheimen gestattet ist. In zahlreichen Kantonen richtet man sich heute nach der seit 2001 in der Stadt Zürich geltenden Regelung, wonach Sterbehilfe in Heimen unter gewissen Auflagen gestattet wird.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Ich möchte allen Mitarbeitenden bei Exit bedanken. Ich persönlich denke, dass diese Organisation etwas sehr gutes tut. Dass die Mitarbeiter bzw. die Organisation oft in Kritik stehen versteht sich - ist ein heikles Thema. Jeder Mensch sollte überall frei entscheiden können - auch wann er sterben möchte. Ein Gegenargument, weshalb der Tod nicht auch frei wählbar sein sollte kann ich in einer Demokratie nicht verstehen! – Philippe Blank

Was ist das für ein Leben, wenn man unheilbar krank ist, nur grosse Schmerzen hat, kann man sich nicht mehr bewegen und nur mit Medikamenten in Leben gehalten wird? Alle, wer sagt es ist trotzdem ein Leben und muss weiter erhalten, weiss nicht was das ist und wenn selber betroffen sollte, ich glaube, die Meinungen von ihnen würden sehr schnell ändern! Wer EXIT will, weisst sehr gut, warum und braucht keine Belehrung! – A. Weiss

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leben am 20.05.2012 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Würde und respekt

    Ein Leben in Würde führen, in Würde altern und mit Würde sterben... Mein Tier durfte dies erleben und wieso bitte darf dies der Mensch nicht? Ich bin schon seit 20 Jahren bei EXIT dabei und bin 39....

  • Philippe Trachsel am 18.05.2012 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Unschlüssig

    Ich bin sehr unschlüssig, was ich davon halten soll. Nur finde ich die Gegenargumente auch sehr fraglich. Mann darf künstlich nicht sterben, aber mann darf künstlich am Leben erhalten werden? Das sind ja auch eingriffe in die Natur. Ich denke jeder muss dies selbst entscheiden.

    einklappen einklappen
  • roger staub am 17.05.2012 22:01 Report Diesen Beitrag melden

    danke exit!

    ihr bringt die gesellschaft wirklich vorwärts! macht weiter so!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Leben am 20.05.2012 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Würde und respekt

    Ein Leben in Würde führen, in Würde altern und mit Würde sterben... Mein Tier durfte dies erleben und wieso bitte darf dies der Mensch nicht? Ich bin schon seit 20 Jahren bei EXIT dabei und bin 39....

  • Erika am 20.05.2012 06:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung für unser Leben

    Ich habe diese Beiträge gelesen. Aus und vorbei? Kaum! Ein Leben hätte überhaupt keinen Sinn. Ich denke, dass wir immer wieder eine neue Chance bekommen. Wir kommen immer wieder auf die Welt. Da bin ich mir ganz sicher! Je nach unserem Handeln werden wir Inkarniert! Es kann nicht alles verschwinden. Ich könnte mich ja dermassen daneben Benehmen ohne schlechtes Gewissen. Was ist euer Gewissen?

  • Luna am 19.05.2012 18:38 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder muss selbst entscheiden können

    Ich bin der Meinung, dass jeder selbst entscheiden können muss, wie er sterben will. Ich persönlich finde Exit / Dignitas etc. eine sehr gute Sache. Was mich auch immer wieder erstaunt: Bei Haustieren sind wir, was das Thema sterben anbelangt, viel vernünftiger als bei uns selbst. Wenn ein Tier unheilbar krank ist, leidet und keine Freude mehr am Leben hat, lassen wir es einschläfern. Warum sollen Menschen nicht ebenso friedlich gehen dürfen?

  • Olivia am 19.05.2012 16:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht?!

    Gute Sache! Schliesslich hat dich auch niemand gefragt ob du auf die Welt kommen willst! Lieber friedlich sterben, als ewiges leiden!

  • Paul am 19.05.2012 11:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ... 

    Ich bin dafür, als ich z.B. meinen Großvater langsam sterben, war traurig... Die letzten Jahre seines Leben in einer Klinik, weit weg von zu Hause... die letzten drei Monate zu Hause mir seiner Frau( auch alt )... Er hatte wohl leider nicht ,,vorgesorgt"... Konnte nichts mehr alleine machen... Nicht ansprechbar... nur noch im Rollstuhl oder Bett. Traurig.