Bund Evangelischer Jungscharen

28. Juni 2017 12:53; Akt: 28.06.2017 15:26 Print

«Wir sind gar nicht homophob»

von B. Zanni - Der Bund Evangelischer Jungscharen hat die schwulenfeindlichen Inhalte von seiner Website gelöscht. Man habe niemanden verletzen wollen, so der Sprecher.

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«Die erwähnten Passagen gehen jedoch in eine Richtung, die wir nicht vertreten», sagt Adrian Jaggi, Mediensprecher und Mitglied der Bundesleitung des BESJ Wie diese Inhalte damals den Weg auf die Website gefunden hätten, sei ihm nicht bekannt. Seit den 90er-Jahren unterstützt der Bund den BESJ, dem über 15'000 Kinder und Jugendliche angeschlossen sind, finanziell. Sie stellten gern eine Themenkonkordanz «zeitgemässer Begriffe» zur Verfügung», kündigt der BESJ das Dossier auf seiner Website an. Inzwischen wurden die Inhalte gelöscht. Mit «Hilfsmitteln» unter der Rubrik Homosexualität sollen die Leiter der Teenie-Gruppen beim Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen BESJ in den Andachten die Homosexualität aufgreifen. «Organisationen mit einem solch extremistischen Gedankengut haben in der Schweiz nichts verloren», sagt SP-Nationalrat Angelo Barrile. Es müsse verboten werden, dass Jugendorganisationen solche Aussagen verbreiten könnten. Auch SP-Nationalrat Mathias Reynard ist schockiert. Er fordert, dass auf den BESJ Druck ausgeübt wird, solch homophobes Gedankengut ab sofort nicht mehr zu propagieren. Laut Sektenexperte Georg Schmid vertritt der BESJ eine traditionelle freikirchliche Position. «Homosexuelle Mitglieder müssen sich dort bisher zwischen ihrer Kirche und dem Ausleben ihrer Sexualität entscheiden.» Mittlerweile sei im freikirchlichen Bereich in dieser Frage aber ein Umdenken im Gang. Andere Kritiker wollen weniger strikt vorgehen. «Verbote führen nur dazu, dass radikalisiert wird», sagt BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti. Ein runder Tisch unter anderem unter der Leitung von EVP-Nationalrätin Marianne Streiff sieht vor, dass von der Finanzierung ausgeschlossene Jugendorganisationen einen nationalen Dachverband gründen, der als Partner mit der Aus- und Weiterbildung von J+S-Leitern betraut werden kann.

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Der Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen BESJ sorgt für heftige Reaktionen. Grund ist ein Online-Dossier für Leiter von Teenager-Gruppen, das die Homosexualität verteufelt. «Analverkehr zwischen Männern forderte die Todesstrafe» oder «Homosexualität gehört zu den Taten der Gottlosen», hält der BESJ unter Berufung auf Bibelstellen dort fest. Politiker und Schwulenorganisationen fordern deshalb ein Verbot des BESJ.

Der BESJ hat den Inhalt inzwischen gelöscht, wie Adrian Jaggi sagt, Mediensprecher und Mitglied der Bundesleitung des BESJ. «Wir sind gar nicht homophob», betont er. Es sei nicht das Ziel des BESJ, gegen homosexuell empfindende Menschen zu lobbyieren. «Gott gebietet uns, sich selbst und den Nächsten zu lieben – damit sind auch Homosexuelle gemeint.» Der BESJ sei offen für Homosexuelle. «Wir führen keine Statistiken. Aber ich gehe davon aus, dass bestimmt auch Homosexuelle unter unseren über 15'000 Mitgliedern sind.» Er selbst habe homosexuelle Verwandte. «Ich behandle diese Menschen gleich wie alle anderen.»

«Wir haben einen Fehler gemacht»

Laut Jaggi hat erst die Berichterstattung von 20 Minuten ihn auf den Inhalt des Dossiers aufmerksam gemacht. «Wir haben einen Fehler gemacht», räumt er ein. Hätte er früher gewusst, dass auf ihrer Website solche Inhalte zu finden seien, hätte er diese schon viel früher gelöscht. Das Dossier sei vor ungefähr zehn Jahren erstellt worden mit dem Ziel, Leitern passive Hilfestellungen zu bieten, um ein Thema aufzugreifen.

Der Bund wolle die Mitglieder zu mündigen Bürgern erziehen und ihnen keine Haltungen aufdrängen. «Die erwähnten Passagen gehen jedoch in eine Richtung, die wir nicht vertreten.» Wie diese Inhalte damals den Weg auf die Website gefunden hätten, sei ihm nicht bekannt. «Auf keinen Fall wollten wir irgendjemanden verletzen. Sollten wir dies getan haben, tut es uns leid.» Jaggi glaubt, dass die Inhalte in den Jungscharen kaum verbreitet wurden. «Gemäss unserem IT-Mitarbeiter wurde die Seite im Jahr 2017 dreimal besucht.»

«Nicht alle Jungscharen sind so!»

Auch zahlreiche Leser verteidigen die Jungscharen. «Nicht alle Jungscharen sind so!», schreibt Reredor. Ramon E. berichtet, er sei selbst auch Jungscharleiter und wisse, dass nicht alle so denken. Toory: «Ich kenne verschiedene Jungschargruppen. Und dort sind schon lange nicht mehr alle so kirchlich belastet. Und bunt durchmischt, was Herkunft und Lebensart angeht.»

Eine 16-jährige Jungscharleiterin sagt, sie habe kürzlich eine Leiterausbildung gemacht. «Nie wurde erwähnt, dass Homosexualität etwas Schlechtes sei.» Auch wenn in Bibelpassagen stehe, dass diese Orientierung nicht richtig sei, distanzierten sich ihre Kollegen davon. «Wir sind der Meinung, dass Gott jeden Menschen perfekt geschaffen hat.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Norman Bates am 28.06.2017 13:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Komisch

    Also nun doch wieder viel Lärm um nichts?! Da fragt man sich schon, ob es nicht die Medien sein könnten, die die Hysterie verursachen.

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  • Cartman1993 am 28.06.2017 14:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmm

    War das bei denen, welche auch in der Jungschi waren mal ein Thema? Wenn ich mich richtig erinnere war das bei uns nie ein Thema

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  • Orozbe am 28.06.2017 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leben und leben lassen

    Mal ehrlich, die meisten Moralapostel hier, welche bestürzt über Homophobie reagieren, wären selber schockiert wenn sich ein Bekannter aus dem Umfeld outen würde. Mir persönlich ists egal... leben und leben lassen :D

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Die neusten Leser-Kommentare

  • M.W am 28.06.2017 18:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Faszinierend...

    ...wieviele Leute hier der halben Welt das Maul verbieten wollen, und das alles im Namen der Toleranz. Das einzige was sie selber tolerieren ist Toleranz. Ironie?

  • R.F.ZH am 28.06.2017 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz für die Intoleranten?

    Muss man das den gut befinden? Muss man zu dem Thema schweigen? Mir ist das zwar egal, die sollen machen was sie wollen, mich stört es nicht, aber gefallen daran muss ich nun wirklich nicht finden. Es scheint, das die Toleranz dann aufhört, wenn man nicht gleicher Meinung ist. Und die eine Seite ist da kein Deut besser als die andere.

  • SonjaA am 28.06.2017 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte, bitte Verständnis!

    Ich möchte doch noch einen ganz persönlichen Beitrag hinzufügen: Klar, gegen gewisse Praktiken bin ich auch, oder besser gesagt, kann sie mir an mir selber nicht vorstellen. Aber zum Hauptthema: Mein absoluter Lieblingsonkel wurde gerade 34 Jahre alt, er hat uns freiwillig verlassen. Die Hintergründe seiner erst unbegreiflichen Tat wurden dann nach und nach aufgedeckt: Er war Lehrer an einer Schule auf dem Land, war homosexuell, aber lebte völlig normal, nicht auffällig. Im Ausgang sahen ihn Schüler, er mit Freund. Nun begann die Hölle für ihn, geächtet, fertig gemacht, Knabenf. usw. Er ging(

  • sarayu am 28.06.2017 17:21 Report Diesen Beitrag melden

    persönliche Meinung

    Schade das man heute seine persönliche Meinung nicht mehr äußeren darf jeder fühlt sich gleich verletzt oder diskriminiert also mir passiert das oft das Leute mir direkt ihre Meinung sagen finde ich gut sollen sie ich muss ja nicht der gleiche Meinung sein gewisse Thema sollten wir einfach stehen lasen

  • Woolf70 am 28.06.2017 16:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erwischt

    Klar jetzt wo die Medien es aufgedeckt haben will man plötzlich nichts davon gewusst haben. "Wir haben einen Fehler gemacht " WTF??? Sofort die Gelder und Zuschüsse streichen, das tut weh und dann merken Sie es sich. Solche Aussagen gehen gar nicht .

    • Heti Hätti am 28.06.2017 17:25 Report Diesen Beitrag melden

      cool down woolfi

      sorry, dreimal aufgerufen worden - man kann den Bär auch anders zum tanzen bringen!

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