Theologe Stephan Jütte

01. Juli 2017 17:59; Akt: 01.07.2017 18:02 Print

«Bibeltexte sind keine Gesetzesparagrafen»

Der Theologe Stephan Jütte von der Evangelischen Landeskirche fordert Christen auf, sich in Sachen Homosexualität zu reformieren.

storybild

Es reiche nicht, wenn sich die Kirche nur distanziere, sondern sie müsse sich selbst reformieren, meint der Schweizer Theologe Stephan Jütte. (Bild: Keystone/Z1031/_jan Woitas)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Jütte*, in einem Blogeintrag zeigen Sie sich schockiert von den schwulenfeindlichen Tiraden des Bundes Evangelischer Schweizer Jungscharen (BESJ). Warum?
Ich war schockiert, weil diese homophoben Aussagen ja auf einer offiziellen Verbandsseite zu lesen waren. Der Verband BESJ hat diese Aussagen öffentlich zugänglich gemacht. Es sind nicht nur Sammlungen von Bibelstellen, sondern Bibelstellen unter kommentierenden Überschriften, die verstörend und verletzend sind. Das hätte ich heute nicht mehr für möglich gehalten. Christen werden durch solche Aussagen alle in Sippenhaft genommen: Wir als Landeskirche wie auch viele christliche Jugendarbeitende anderer Kirchen haben diese Haltung schon lange überwunden. Doch was denken nun Väter und Mütter, die ihre Kinder etwa an den Angeboten der Kirchgemeinden teilnehmen lassen? Solch homophobe Aussagen werfen auf uns alle einen Schatten.

Sie fordern nun Gläubige dazu auf, gewisse Aussagen der Bibel nicht für bare Münze zu nehmen; es reiche nicht, wenn sich die Kirche nur distanziere, sondern sie müsse sich selbst reformieren. «Sola scriptura» – die Kurzformel «allein durch die Schrift» – sei problematisch.
Durch meine Arbeit in der Praxis und mein Menschenbild bin ich schon lange der theologischen Überzeugung, dass Bibeltexte nicht eins zu eins übernommen werden dürfen. Aussagen aus der Bibel sind keine Gesetzesparagrafen, auf die man einfach verweisen kann. Wenn man die alten Schriften heute als absolute Wahrheit nimmt, können sie der eigentlichen Botschaft gar nicht mehr gerecht werden.

«Wir sind gar nicht homophob»

Im 3. Buch Mose steht etwa: «Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, die haben einen Gräuel getan und sollen beide des Todes sterben; ihr Blut sei auf ihnen.» Der BESJ interpretiert dies als: «Analverkehr zwischen Männern forderte die Todesstrafe.» Wie soll aus Ihrer Sicht heute mit solch einer Bibelstelle umgegangen werden?
Die Aussage muss als Erstes in einen historischen Kontext gebracht werden. Es muss einem als Leser bewusst sein, dass diese Aussage in einer noch völlig anderen Kultur geschrieben wurde. Seither haben wir einen Lernprozess gemacht. Es wäre abstrus, durch eine wortwörtliche Interpretation nun Rückschritte zu machen. Wir unterstützen, dass es zwischen Staat und Kirche eine Trennung geben muss. Wenn wir aber anhand von Bibeltexten Strafen fordern, widersprechen wir uns selber. Zudem geht es in diesem Text weder um Analsex noch um den Sex zwischen zwei sich ebenbürtigen Männern. Vielmehr soll laut dem Buch Mose derjenige mit dem Tode bestraft werden, der von einem ihm unterlegenen Menschen gewaltsam Sex erzwingt. Die Interpretation ist also auch noch falsch.

Wie soll ein Gläubiger diese Bibelstelle lesen: «Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.»

Ich gebe offen zu: Wenn man die Bibel liest, kommt man nicht auf die Idee, dass Homosexualität eine gute Lebensform ist. Aber die Bibel vermittelt eine Grundmentalität, die zu Liebe und Freiheit aufruft und die einen lehrt, über niemanden zu richten und andere nicht zu verurteilen. Diese Aussagen sollten über all dem anderen stehen. Doch konkret zur obigen Bibelstelle: Dass ein Mensch in der Antike noch diese Einschätzung hatte, kann viele Gründe haben. Nun müssen wir uns aber fragen: Stimmt das heute noch immer? Wir müssen gemeinsam zu einer vernünftigen, zeitgemässen Einstellung bezüglich solcher Themen finden.

Was denken Sie, wenn sie eine Bibelauslegung wie «Homosexualität gehört zu den Taten der Gottlosen» hören?
Erstens ist Homosexualität keine Tat. Schwul oder lesbisch zu sein, ist sicher nicht etwas, das jemanden in Gottes Augen abqualifiziert. Das Verstörende dieser Bibelexegese ist die Annahme, dass mit Homosexualität vor 2000 dasselbe gemeint war wie heute. Hier wird ohne nachzudenken ein Begriff übernommen, der damals noch etwas völlig anderes bedeutete. Ich glaube, dass sich alle Gläubigen zu jeder Zeit wieder neu fragen und dafür rechtfertigen müssen, was sie richtig finden.

Wie verbreitet sind Ressentiments gegen Schwule in der christlichen Gemeinde überhaupt?
Es gibt die liberale Haltung der Landeskirche. Diese besagt, Homosexualität sei ein Aspekt des Menschseins und genauso gut wie Heterosexualität. Dann gibt es die Position einzelner Freikirchen, die Homosexualität als eine Art Krankheit oder Sünde einstuft, diesem sogenannten Defizit gleichzeitig aber mit Barmherzigkeit gegenübertritt. Dies ist subtil gewaltsam! Schliesslich gibt es noch die dogmatische Haltung, gemäss der man Leute mit einer anderen sexuellen Gesinnung ausschliessen und verstossen soll. Diese kenne ich aber eher vom Hörensagen. Wenn Sie die Reaktionen auf meinen Beitrag lesen, sehen Sie, dass die liberale Haltung längst die Mehrheitsmeinung ist.

Wieso fällt es noch heute im Jahr 2017 vielen religiösen Christen schwer, ihren Glauben auszuleben und gleichzeitig die Freiheiten des liberalen Schweizer Rechtsstaates zu akzeptieren?
Letztlich ist bei einigen – längst nicht der Mehrheit – ein Konzept im Hinterkopf, es gebe eine göttliche Wahrheit, ein absolutes Recht. Wenn man das wirklich so sieht, dann ist es sehr schwierig, die pluralen Lebensformen der Moderne zu akzeptieren. Die meisten wissen aber, dass die Bibel keine einfache Antwort gibt, sondern zum Nachdenken einlädt.

Ganz allgemein: Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser schwulen- und lesbenfeindlichen Haltung bei Evangelikalen?
Das hat mit einer Gegentendenz zur Moderne zu tun. Man nimmt an, die Welt gehe vor die Hunde, alles werde pervers und komisch. Und dann wünscht man sich Sicherheit. So verbeissen sich Gläubige in Interpretationen, die der heutigen Zeit gar nicht mehr gerecht werden.


*Dr. Stephan Jütte ist Bereichsleiter der Hoch- und Mittelschule in der Abteilung Lebenswelten der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich und ist zuständig für den Blog diesseits.ch

(miw)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno am 01.07.2017 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Evangelium

    Tja Herr Jütte, auch Sie zimmern sich ihr eigenes Evangelium zusammen. Die Bibel ist Gottes inpiriertes Wort, entweder glaubt man daran oder eben nicht, ist jedes Menschen freie Wahl. Das Alte Testament diente den damaligen Menschen als Wegleitung zum Leben. Ja, es gibt Sünde, aber die hat Jesus Christus am Kreuz für uns getragen. Es ist an uns, dieses Geschenk aus freiem Willen anzunehmen oder nicht. Niemand wird dazu gezwungen. Und ja, Gott hasst die Sünde aber liebt den Sünder...was uns Menschen leider nicht immer gelingt

    einklappen einklappen
  • CarpeDiem am 01.07.2017 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Halt

    Auf gut Deutsch, ändert das Christentum damit es niemand mehr kritisiert...? Ich bin kein Christ aber ich appelliere an die Christen: Steht zu euren Schriften und zu euren Glauben. Alles andere ist heuchlerisch.

    einklappen einklappen
  • Chavista am 01.07.2017 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz

    Bin Atheist. Würde mir aber nie in den Sinn kommen, die Bibel kontextunabhängig zu kritisieren. Etwas, was man nicht mag, ist immer leichter zu kritisieren, als der eigene Standpunkt; es steckt somit auch keine Kunst dahinter.

Die neusten Leser-Kommentare

  • willi peter am 01.07.2017 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Gott

    Gott schuf den menschen nch seinem Ebenbild Die Allmacht also Gott entlies die Möglichkeit also entscheiden wir ob wir für oder gegen die Allmacht sind

  • Power of Love am 01.07.2017 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht immer um das gleiche

    Experten wollen uns immer klar machen, dass unser Empfinden und unser Verstehen nicht richtig ist. Man darf sich nicht auf das verlassen, was man liest, was man fühlt, was man erflebt. Die Experten erzählen uns immer von einer Ebene, die wahr ist und weit über dem normalen Empfinden, Verstehen usw. Alles muss kompliziert sein. Sie machen sich selbst zum Hohepriester, egal welches Gebiet, das nur sie verstehen. Ich verrate Euch ein Geheimnis: Sie sind wertlose Wichtigtuer. Verlasst Euch auf euch selbst und alles andere zählt nicht!

  • ein Türke am 01.07.2017 20:22 Report Diesen Beitrag melden

    Materie ist Fraktal

    dem nach in sich wiederkehrend. alle 7000 Jahre ein Sintflut. Die Anzeichen sind un nicht zu übersehen. auf ein neues prost:-)

  • nur ein Mensch am 01.07.2017 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Ermahnung zur Wachsamkeit

    Aber wie die Tage Noahs [waren], so wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Flut waren: sie aßen und tranken, sie heirateten und verheirateten, bis zu dem Tag, da Noah in die Arche ging, und sie es nicht erkannten, bis die Flut kam und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein.

    • Justus100 am 01.07.2017 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @nur ein Mensch

      Und so wie er die gräuelszene deutet scheint er nicht aufgepasst zu haben im theologie unterricht. Das steht da 1 zu 1 völlig unmissverständlich

    einklappen einklappen
  • Konrad am 01.07.2017 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie zu den Zeiten Noahs

    Gemäss alten jüdischen Überlieferungen wurde zur Zeit Noahs vor der Sintflut erstmals die Ehe für alle staatlich abgesegnet. Darauf folgte noch die Ehe mit Tieren. Wir wissen also was als nächstes ansteht, denn wir nähern uns wieder den Zeiten Noahs.

    • dude am 01.07.2017 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Konrad

      genau und sauron will mit hilfe eines ringes die welt knechten.

    einklappen einklappen