Felssturz in Bondo GR

24. August 2017 20:53; Akt: 25.08.2017 08:48 Print

«Verspätung wegen Regen rettete uns das Leben»

von Stefan Ehrbar - Nach dem Felssturz im Bergell werden noch immer acht Personen vermisst. Die Überlebenschancen sind klein. Ein Augenzeuge überlebte nur durch Zufall.

Bergsteiger Eric Alexander erzählt, warum er nur dank grossem Glück nicht in die Lawine geriet. (Video: Murat Temel/Tarik El Sayed)
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Beim grössten Felssturz der letzten zehn Jahre im Kanton Graubünden sind vier Millionen Kubikmeter Material ins Tal gerast. Hundert Bewohner des Dorfes Bondo GR mussten evakuiert werden. Die Schlammlawine zerstörte einige Gebäude im Dorf und zwölf Maiensässe. Von acht Personen, die in der Gegend unterwegs waren und von Angehörigen als vermisst gemeldet wurden, fehlt jede Spur. Sie kommen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland.

Rund 130 Einsatzkräfte suchen nach den möglicherweise Verschütteten. Ein Helikopter der Kantonspolizei Zürich überfliegt das Gebiet mit einem sogenannten IMSI-Catcher, der Signale von Handys orten kann. In der Nacht überfliegt ein Armee-Helikopter mit einer Wärmebildkamera das Gebiet. Doch die Erfolgsaussichten sind klein.

Video: Tarik El Sayed/Murat Temel

Überlebt dank Verspätung?

«Das Geröll liegt zum Teil mehrere zehn Meter hoch», sagt Andrea Mittner, Einsatzleiter bei der Kantonspolizei Graubünden, zu 20 Minuten. So tief könnten die Wärmebildkameras keine Daten mehr empfangen. «Wir tun alles, was irgendwie möglich ist», so Mittner. Doch noch immer sind grosse Teile des Katastrophengebiets nicht freigegeben und für die Retter nicht begehbar. Bis es so weit ist, könnten noch Tage vergehen. In der Nacht müssen die Rettungsarbeiten aus Sicherheitsgründen ruhen.

Eric Alexander, ein Bergsteiger aus den USA, war mit zwei Freunden in der Region am Klettern, als die Lawine niederging. Noch in der Nacht zuvor hatte er in der Hütte Bergsteiger getroffen und mit ihnen zu Abend gegessen, die nun möglicherweise verschüttet wurden. Dass er selbst nicht in die Lawine kam, war reiner Zufall (siehe Video). Seine Gruppe stieg an diesem Tag in Richtung Italien ab und wollte danach ihre beiden Autos im Tal holen – genau dort, wo die Lawine niederging.

«Wir hatten sehr viel Glück»

Hätte die Gruppe ihre Pläne nicht wegen Regens um einen Tag nach hinten gelegt, wäre sie möglicherweise verschüttet worden. «Wir hatten einfach nur Glück», sagt Alexander zu 20 Minuten. Das sei sehr beängstigend. Die Berge seien unberechenbar. «Das ist ihre Natur.» Einen Bergsturz dieses Ausmasses, so Alexander, hätten auch erfahrene Bergsteiger nicht voraussehen können.

Eine Bewohnerin von Bondo sagt zu 20 Minuten, sie sei nur aus dem Dorf gefahren, um sich zum Kaffeetrinken zu treffen. Dann ging die Lawine nieder – und sie muss seither im Hotel leben. Dass ihr Haus noch steht, habe sie auf Fotos gesehen. Das Gefühl der Unsicherheit habe sie nun immer im Hinterkopf. Ob sie sich noch sicher fühle im Dorf und weiter dort wohnen könne, wisse sie noch nicht. «Erst einmal hoffe ich, dass wir wieder ins Dorf dürfen und wenigstens ein paar Sachen abholen können.» Einen ähnlichen Bergsturz erlebte sie bereits 2011 – damals kam aber deutlich weniger Masse ins Tal.

Mehr Abbrüche wegen Klimawandel

Die Bewohner von Bondo wurden vor dem Bergsturz gewarnt und konnten sich in Sicherheit bringen. «Wegen des Klimawandels wird es in Zukunft mehr Bergstürze wie diesen geben», sagt Martin Keiser vom Bündner Amt für Wald und Naturgefahren zu 20 Minuten. Eine Forschungsarbeit habe ergeben, dass der auftauende Permafrost und einfliessendes Kluftwasser für solche Abbrüche verantwortlich seien. Ob die Alarm-Systeme ausgebaut werden müssen, werde nun analysiert, sagt Keiser.

Am Freitag entscheidet der Kanton, ob erste Bewohner wieder zurückdürfen, um wenigstens einige Habseligkeiten wieder zu holen. Ganz sicher ist die Lage noch nicht. Einsatzleiter Mittner: «Weitere Abbrüche sind nicht ausgeschlossen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lecramsong am 24.08.2017 21:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Schon gewaltig was da den Berg runter gekommen ist. Aber ja auch in Goldau gabs mal einen verheerenden Bergsturz. Damals lebten einfach noch nicht so viele Menschen dort.

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  • Ale89 am 24.08.2017 21:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klimawandel? Ach was!

    Und wieder einmal alles auf dem Klimawandel schieben! Ja ihr habt recht! Trotzdem wird nichts dagegen gemacht! Alle sind nur Geld gierig! Was aus unsere wundervolle Erde Passiert ist allen egal!

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  • Gerry am 24.08.2017 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Es sind halt Berge

    Das ist natürlich tragisch, wenn Menschen wegen Naturkatastrophen sterben aber es sind nunmal NATURkatastrophen. Sie passieren immer wieder und wer in den Bergen lebt muss jeden Tag mit Felsabbrüchen rechnen. Die Berge bröckeln nunmal Stück für Stück seit sie entstanden sind. Da müsste man schon alle Leute aus den Bergen evakuieren und im flachen Mittelland ansiedeln. Da kann man einfach nichts dagegen machen. Ich komme jedenfalls lieber bei einer Naturkatastrophe ums Leben als bei einem Autounfall.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Xorxe Straub am 25.08.2017 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Berge sind Stein- und Felshaufen!

    Jedesmal, wenn wir in den Bergen wandern laufen wir an Steinen und Felsbrocken vorbei. Die alle sind irgendwann mal herunter gekommen, und niemand weiss im Voraus, wann, das ist Natur!

  • Demokratos am 25.08.2017 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auf Einheimischen hören!

    Behörde hat Tafeln 4 Sprachig als WARNUNG aufstellen lassen und auch per Medien gewarnt, aber die Wanderer wollten dem keine Beachtung schenken.

  • Willy D. am 25.08.2017 12:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SAC-Hütten im Gefahrengebiet?

    Was mich etwas stutzig macht ist, dass die in Frage kommenden SAC-Hütten geöffnet sind. Sie bilden doch einen Anreiz dieses bergsturzgefährdede Gebiet, trotz Warntafeln, zu begehen. Ich möchte allerdings nicht ausschliessen, dass diese Hütten unter Umgehung des Gefahrengebiets aufgesucht werden können.

  • susanna am 25.08.2017 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Effekthascherei

    es ist nicht "durch Zufall überleben" wenn jemand wegen einer Verspätung zur Zeit des Unglücks nicht im Unglücksgebiet war. Das würde implementieren, dass sie andernfalls gestorben wäre, und das ist nicht sicher.

  • Engadinerin am 25.08.2017 12:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glückskette!

    Es wäre schön wenn die CH Befölkerung nun auch für CH Bürger die Glückskette öffnen und Spenden um den Leuten in Bondo zu helfen ! Nicht nur fürs Ausland!