Gleichstellung

24. Mai 2017 14:25; Akt: 24.05.2017 14:25 Print

«Frauen lassen sich für den Job nicht ausbluten»

Der Anteil der Frauen, die Vollzeit arbeiten, sinkt. Die Männer sollten sich an ihnen ein Beispiel nehmen, fordert der Dachverband der Schweizer Männer.

Der Direktor des Bundesamtes für Statistik, Georges-Simon Ulrich, erklärt den Rückgang der Vollzeit arbeitenden Frauen und weshalb Frauen mit Migrationshintergrund öfter 100 Prozent arbeiten.
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Trotz Emanzipation und der Zunahme von Akademikerinnen: 2016 arbeiteten 41 Prozent aller Frauen Vollzeit. Das sind 10 Prozentpunkte weniger als noch im Jahr 1991. Zum Vergleich: Aktuell arbeiten 83 Prozent aller Männer Vollzeit (1991: 92 Prozent). In Chefpositionen sind Frauen mit einem Anteil von 35,8 Prozent nach wie vor in der Minderheit.

Jedoch sind mittlerweile deutlich mehr Frauen erwerbstätig als vor 25 Jahren. Gingen 1992 noch fast 31 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 keiner Arbeit nach, sind es heute 21 Prozent. Das ist einer der tiefsten Werte in Europa. Personen, die nicht erwerbstätig sind, gehen keinem Beruf nach, sind aber auch nicht auf Arbeitssuche. Das zeigen neue Zahlen des Bundesamts für Statistik

Frauen arbeiten weniger Vollzeit als vor 25 Jahren

«Es gibt einen Trend zur Teilzeit»

Warum gibt es immer mehr Frauen, die Teilzeit arbeiten? «Es gibt generell einen Trend zur Teilzeitarbeit. Gerade Väter und Mütter wollen Zeit mit ihren Familien verbringen, eine Weiterbildung machen oder Hobbys nachgehen. Gleichzeitig werden teilweise von den Unternehmen auch Teilzeitstellen angeboten und gerade Frauen würden oft auch gern in höheren Pensen arbeiten», sagt Lucia M. Lanfranconi, Dozentin und Projektleiterin des Projekts Gleichstellen.ch der Hochschule Luzern. So sei denn auch bei Männern der Vollzeitanteil um 10 Prozent gesunken in den letzten 15 Jahren. Dazu komme, dass Frauen generell mehr erwerbstätig seien, sich jedoch gleichzeitig um die Familie kümmern müssten: «Vollzeitarbeit ist dann oft nicht möglich.» Das sei jedoch auch ein Problem: «Teilzeitarbeit verringert die Chance auf einen Chefposten.» In vielen Betrieben herrscht noch immer die Idee, dass dazu eine 100-prozentige Anwesenheit nötig ist. Dies führt dazu, dass Frauen seltener in Führungspositionen anzutreffen sind.

Clivia Koch von den Wirtschaftsfrauen bedauert, dass nicht mehr Frauen Vollzeit arbeiten können: «Die Gesellschaft erwartet noch immer von den Frauen, dass sie sich um die Kinder kümmern, und arbeiten deshalb höchstens Teilzeit.» Ausserdem lohne es sich für viele Frauen und Familien finanziell nicht, Familie und Beruf zu vereinen: «Externe Kinderbetreuung ist oft zu teuer oder nicht vorhanden.» Koch lobt das Modell der Stadt Zürich: «Sie hat in Kinderkrippen investiert, worauf die Erwerbsquote bei den Frauen gestiegen ist.»

«Männer sollen sich an Frauen ein Vorbild nehmen»

Markus Theunert vom Dachverband der Schweizer Männer dagegen findet es gut, dass immer mehr Frauen auf einen 100-Prozent-Job verzichten: «Frauen lassen sich weniger ausbluten für ihren Job.» Männer sollten diesem Beispiel folgen, findet Theunert: «Männer und Frauen sollen sich Familien- und Erwerbsarbeit gleichmässig aufteilen.» Der Verband hat sich deshalb das Ziel gesetzt, dass 20 Prozent der Männer bis 2020 Teilzeit arbeiten sollen. Ausserdem fordert der Verband einen Elternurlaub auch für Männer, damit sie sich schon von Anfang an um die Kinder kümmern können.

(asc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sashditrash am 24.05.2017 15:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zielfrage

    Vielleicht ist es auch nicht das Ziel jeder Frau ihre Kinder auszulagern ... nur um noch effizienter zu sein und mehr arbeiten zu können. Also lieber Teilzeit mit wenig Arbeitspensum ... sonst keine Kinder! scheiss leistungsgesellschaft!

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  • anonym am 24.05.2017 15:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahrheit

    Wenn alle einen Std. Lohn von 70+ kriegen wie die Politiker würde sehr viel mehr Leute Teilzeit arbeiten KÖNNEN.

  • Julia am 24.05.2017 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Work-Life-Balance

    Ich bin eine Frau, habe keine Kinder und arbeite 70%. Mir ist die Gesundheit wichtiger, als viel Kohle. Als ich noch 100% gearbeitet habe, kam ich gesundheitlich ständig an meine Grenzen, da ich offenbar nicht so belastbar bin. Vielleicht wäre es mit einem anderen Beruf anders, aber ich bin zufrieden so. Mit dem Geld komme ich gut zurecht, auch wenn ich etwas darauf achten muss. Wichtig ist mir zudem eine gute Altersvorsorge, damit ich später möglichst nicht auf Sozialhilfe oder so angewiesen bin. Ich möchte nämlich nicht andern auf der Tasche liegen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bürger am 24.05.2017 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist gar nicht so einfach

    Findet mal zuerst einen Job der 80% ist und der auch auf einem zugeschnitten ist. Die meisten Arbeitgeber wollen jemand der 100% arbeitet wenn möglich auch am Samstag. Es gibt solche die möchten eine Weiterbildung machen aber das Pensum lässt es nicht zu.

  • Wissender am 24.05.2017 18:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wo der Schuh drückt

    Solange Eltern zusammen mindestens zu 170% erwerbstätig sein müssen, damit sie auf ein gemeinsames Einkommen kommen, mit welchem sie wenigstens am unteren Rand des Mittelstandes leben können, ist der Spielraum für Reduktion der Arbeitspensen sowohl für Frau als auch Mann gering. Zudem kann bei tieferen Einkommen nicht ausreichend Geld in die Altersvorsorge einbezahlt werden, so dass die Altersarmut vorprogrammiert ist. Damit der Traum vom weniger Arbeiten realisierbar würde, müssten insbesondere die tieferen Einkommen erheblich von den Steuern entlastet werden.

  • Minnie_A am 24.05.2017 18:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Individuelle Entscheidung

    Das sollte doch jede Familie für sich entscheiden können, je nach Situation können die Gründe doch recht unterschiedlich sein.

  • Pragmatiker am 24.05.2017 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    Männer sollen sich ein Beispiel nehmen?

    Träumt weiter! As man kann man meistens nicht Teilzeit arbeiten. Oder nur zu sehr, sehr schlechten Bedingungen.

  • Franz Kuster am 24.05.2017 17:55 Report Diesen Beitrag melden

    Teilzeit nicht gut wegen Koordinationsab

    Ich arbeite seit bald 20 Jahren Teilzeit (60-80%). Bis ich in ca. 20 Jahren pensioniert bin, wird mir wegen dem Koordinationsabzug ziemlich viel Geld auf dem Pensionskassenkonto fehlen. Deshalb muss man gut rechnen, ob man sich das im Alter leisten kann.