Kinderprostitution

04. März 2015 14:34; Akt: 04.03.2015 21:37 Print

«Mädchen haben gelernt, Männern zu gehorchen»

von D. Pomper - Wieso geben Junge ihre Freundinnen für Geld an Kollegen weiter? Und warum machen Mädchen da mit? Antworten vom Psychologen.

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«Dass die Mädchen sich prostituieren lassen, ist kein Zufall», sagt Psychologe Philipp Ramming. Gerade für Frauen, die in archaischen, patriarchalen Verhältnissen aufgewachsen seien, sei es schwieriger sich zu wehren. «Sie haben gelernt, dass sie Männern gehorchen müssen. Im Gegenzug beschützt sie der Mann. Das ist ein Deal.» (Symbolbild) (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

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Herr Ramming, Sie sind Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologen. Wie würden Sie unsere Jugend beschreiben?
Unsere Jugend macht es super. Sie behauptet sich gut in einer Welt, die extrem komplex geworden ist. Die Vielfalt an Möglichkeiten erfordert von den Jugendlichen, dass sie viele Entscheide treffen und frustrationsresistenter werden müssen. Die Jungen vollbringen eine beachtliche Anpassungsleistung. Früher mussten sie sich in patriarchale, rigide Strukturen einpassen. Es war klar welche Regeln gelten. Heute fehlen diese klassischen Strukturen und Abläufe.

Wie sieht ihr Sex- und Beziehungsleben aus?
Kompliziert. Die jungen Mädchen und Buben sind zwar befreit vom Druck moralischer Dämonen. Aber auch im Beziehungsleben gibt es viel weniger Strukturen. Die Jungen sind sehr viel offener, lockerer und haben viel Freiheit. Ihnen stehen so viele Möglichkeiten offen. Das kann auch anstrengend sein.

Wie verbindlich sind diese Beziehungen?
Gerade Mädchen haben eine grössere Handlungsfreiheit. Sie werden von Männern aber auch geachtet und als gleichwertige Partner respektiert. Wenn junge Menschen heutzutage eine feste Verbindung eingehen, dann tauschen sie keine Ringe mehr aus, sondern machen einen Aidstest. So zeigt man gegenseitiges Vertrauen. Nach einer Sturm-und-Drang-Phase mit verschiedenen Partnern suchen die meisten nach Beständigkeit.

Trotz Ihrer positiven Schilderungen über die heutige Jugend: Sexualstraftaten unter Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Teenager zwingen 12- bis 16-Jährige zur Prostitution. Jungs reichen ihre Freundinnen gegen Geld an Kumpel weiter. Warum gibt es Teenager, die so etwas machen?
Das ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Warum lassen sich Mädchen so etwas gefallen? Was haben diese Mädchen für ein Selbstbild? Wo bleibt ihr Selbstbewusstsein? Was für Beziehungsmodelle wurden ihnen vorgelebt? Ihre Familie, ihre Kultur, vielleicht auch die Schule haben ein ganz bestimmtes Frauenbild geprägt. Dass die Mädchen sich prostituieren lassen, ist kein Zufall. Gerade für Frauen, die in archaischen, patriarchalen Verhältnissen aufgewachsen sind, ist es schwieriger sich zu wehren. Sie haben gelernt, dass sie Männern gehorchen müssen. Im Gegenzug beschützt sie der Mann. Das ist ein Deal. Dieser funktioniert auch. Allerdings nur, solange man sich gegenseitig achtet und das Vertrauen nicht missbraucht. Und diese Beziehungsformen sind häufig auch schichtspezifisch. Man findet sie eher in der Unter- als in der Oberschicht.

Das klingt nicht gerade sehr emanzipiert. Was für ein Selbstbild haben denn diese Mädchen?
Junge Mädchen verfügen mit ihrem Körper über eine grosse Macht. Diese testen sie gerne aus. Wenn sich Mädchen aber nur über ihren Körper Anerkennung holen können und nicht von ihren Familien, Kollegen, der Schule oder durch ein bestimmtes Hobby, dann kann es gefährlich werden. Was bei einem Drogensüchtigen das Heroin ist, ist für diese Mädchen die Liebe: Sie machen alles, damit sie Liebe bekommen.

Und bei den Jungs, die ihre Freundinnen prostituieren?
Hier ist es im Grund das Gleiche. Sie holen sich durch ihre Aktivitäten als kleine Unternehmer Anerkennung. Und auch sie sind von einem bestimmten Frauenbild geprägt.

Jugendliche drohen ihren Freundinnen: Wenn du nicht mitmachst, bist du eine Nutte. Was steckt da für eine Logik dahinter?
Zumindest eine effiziente. Mit dem Begriff «Nutte» ist nicht zwangsläufig das gemeint, was wir darunter verstehen. Man könnte damit auch eine Verräterin meinen. Jemanden, der seinen Clan im Stich lässt.

Merken die Täter, dass sie etwas Unrechtes tun?
Es kommt auf die Signale an, welche die jungen Frauen senden. Erst wenn die Männer das Gefühl haben, die Frauen zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollen, kann dieses Unrechtsbewusstsein entstehen.

Leser fragen sich: Was ist aus unserer Welt geworden? Früher habe es gereicht schöne Tore zu schiessen, um cool zu sein. Heute müsse man seine Freundin prostituieren. Hat ein Wertewandel stattgefunden?

So ein Blödsinn. Was Jugendprostitution angeht, waren Jugendliche in Westeuropa wohl noch nie so wenig betroffen wie heute. Auch dank zahlreicher Präventionsprogramme. Schon immer tendierte die Menschheit dazu, die Vergangenheit zu verklären. Medien tragen allerdings dazu bei, dass die Menschen die Realität verzerrt wahrnehmen und einzelne Ereignisse überinterpretiert werden.

Wie würden Sie einen jungen Mann therapieren, der seine Freundin für Geld Kollegen anbietet?
Zuerst einmal gibts ein paar hinter die Ohren! (lacht) Im Ernst: Solche Männer haben keine Sozialkompetenzen erworben. Sie verfügen über kein Einfühlungsvermögen. Dies müssen sie zuerst erlernen. Dann gilt es ihre kriminelle Energie anders zu kanalisieren. Ist jemand machtgeil, dann muss man einen Bereich finden, wo er diesen Charakterzug ausleben kann, ohne kriminell zu werden. Er könnte etwa Manager oder Politiker werden.

Wie können Eltern ihre Kinder davor schützen, zu Opfern oder Tätern zu werden?
Sie sollen ihre Kinder respektieren und bewundern für das, was sie sind. Sie sollen sie wertschätzen. Wenn man nie Liebe gekriegt hat, dann ist man froh um jeden Bissen, der abfällt. Hat man Hunger, isst man halt eben woanders.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sandro am 04.03.2015 14:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist jemang machtgeil...

    "könnte er Manager oder Politiker werden." Das sagt schon alles.

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  • Michael am 04.03.2015 14:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    immer diese Medien...

    Krass wie alles durch die Medien so versext wird! in jedem 2tem artikel geht es um sex.... da ist ja anzuhehmen das sich die jugend so verändert.. traurig :(

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  • Ralph Fehr am 04.03.2015 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    Wirklich?

    «Mädchen haben gelernt, Männern zu gehorchen». Wo war Herr Ramming nur in den letzten 30 Jahren?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Vierziger am 05.03.2015 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @Bin12: Nein

    Nein, das gab es zu unserer (besseren) Zeit wirklich nicht! Das Handy, von dem aus Sie kommentieren, zahlen Ihre Eltern und das ist für Sie selbstverständlich, nicht wahr? Sehen Sie, genau das meine ich.

  • Vierziger am 05.03.2015 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heutige Jugend - nein, danke!

    Das ist sie, die heutige Generation, der man materiell alles nachwirft und nichts mehr sagen/vorschreiben darf. Das ist das Resultat. Bravo.

    • bin 12 am 05.03.2015 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      mhmm

      Und sie in ihrer jugend gab es da keine solche. das gibt in jeder generation.

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  • Mario am 05.03.2015 12:41 Report Diesen Beitrag melden

    nicht immer den Eltern die Schuld geben

    ich wurde liebevoll erzogen und hatte eine wunderbare Kindheit und trotzdem ein riesen Problem mit meiner Gewaltbereitschafft. wurde ich angepöbelt oder beleidigt (Mutter) rastete ich komplett aus. Nach diversen Anzeigen waren meine Eltern schlussendlich verzweifelt...kann es nicht sein das gewisse Charakterzüge (Stolz, Aggression, Intoleranz) angeboren sind???

  • Vierziger am 05.03.2015 12:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @SueB: Wie wahr

    Sie sprechen mir aus dem Herzen!

  • Vreni Hauser am 05.03.2015 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichberechtigung OHNE Gleichschaltung

    Patriarchalische, archaische Strukturen... Mein Grossvater war noch so ein "richtiger" Patriarch mit starker Frau, jeder hat nach Kräften aufeinander geschaut. Da war nicht einer weniger wert oder musste vor dem anderen Geschlecht "geschützt" werden. Jungs und Mädels bekamen echte Werte vorgelebt. Leider gibt es viele Kulturkreise mit systematischer Benachteiligung der Frauen, teils religiös legitimiert oder gar gefordert. Also, Gleichberechtigung ohne Gleichschaltung, diese zerstört das spannende Verhältnis von Mann und Frau.