Elend in Stationen

28. August 2014 11:34; Akt: 28.08.2014 11:34 Print

Schlechter Sommer rafft Igel haufenweise dahin

von R. Neumann - Die Igelstationen sind randvoll. Der nasse und kalte Sommer macht den Schwächsten zu schaffen: Vor allem junge Igel sterben haufenweise – durch Krankheiten und Erschöpfung.

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Ein Igel wird im Igelpflegezentrum in Maggia aufgepäppelt. Derzeit sind alle Stationen in der Schweiz überfüllt. (Bild: Keystone/Carlo Reguzzi)

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Die Igelstation Frutigen BE von Sylvia Michel ist überfüllt: «Von Mai bis August habe ich 200 Igel erhalten – so viele wie noch nie in den vergangenen Jahren.» Bis im Winter werde sich diese Zahl noch verdreifachen.

Das gleiche Bild präsentiert sich in anderen Auffangstationen, zum Beispiel in Rheinfelden. Sie sind voll mit kranken Jungtieren. Leiterin Anneliese Girlich sagt: «Sie sind durch das nasse und kalte Wetter schwach und erschöpft. Sie leiden an Krankheiten, die es vorher bei Igeln eigentlich nicht gab.» Seit kurzem könnten Darmpilze nachgewiesen werden, die sonst nur bei Katzen auftreten.

Girlich erklärt: «Viele Menschen füttern ihre Katzen draussen – und obwohl es herzig ist, wenn sechs kleine Igel sich um das Tellerchen scharen: Hygienisch ist es nicht. Durch Kot und Urin verbreiten sich so diese Krankheitserreger.» Besonders krass: Auf geschwächte Tiere, die draussen liegen bleiben, setzen Fliegen ihre Eier ab. Daraus entstehen Maden, die durch Körperöffnungen in die Tiere kriechen und diese bei lebendigem Leib von innen auffressen.

Hälfte in Stationen überlebt nicht

Girlich: «Kommt man da zu spät, hat man kaum eine Chance.» Wer ein solches Tier finde, solle die Fliegeneier abbürsten und das Tier so schnell wie möglich in eine Igelstation oder zu einem Tierarzt bringen. «Vielleicht kann es dann noch gerettet werden.»

Die Jungtiere, die ab einer gewissen Grösse von ihrer Mutter allein gelassen werden, schaffen es dieses Jahr häufig nicht, zu überleben. Sylvia Michel sagt: «Eigentlich würden sie Futter finden, aber sie sind viel zu geschwächt und krank, um zu fressen.» Michel nimmt in ihrer Station jedes Tier auf – doch die Hälfte davon überlebt nicht.

Igel-Feinde: Pestizide, Motorsensen, Strassenverkehr

Bernhard Bader vom Verein Pro-Igel sagt: «Unser Notfalltelefon läuft heiss. Es ist ein Igeljahr, dank des milden Winters und des Frühlings.» Es werde Igelmütter geben, die in einem Jahr drei Mal Junge bekommen, «und das ist aussergewöhnlich».

Durch die hohe Population gebe es mehr kranke und geschwächte Tiere. Denen mache nicht nur die Kälte und die Nässe zu schaffen, sondern auch jegliche Arten von Pestiziden, der Strassenverkehr, Fadenmäher und Motorsensen.

Um Igel effektiv zu schützen, bräuchte es verschiedene Massnahmen, da ihr Lebensraum in den Siedlungsräumen ist. Bader: «Viele giftfreie, leicht verwilderte Ecken im Garten, igeldurchlässige Gartengrenzen und viel Aufmerksamkeit im nächtlichen Strassenverkehr.»

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Ich lebe in Österreich und wir haben einen Wildwuchs-Wald auf dem angrenzenden Grundstück, das ebenfalls uns gehört. Es ist unglaublich, wieviele Tiere ich hier sehe, die ich seit meiner Kindheit in der CH nicht mehr erblickt habe. Letztens wurde ich sogar fast von einem Rehbock überrannt, der sich wohl tagsüber in diesem Dickicht niedergelassen hatte. Ich finde es schön, dass unsere Nachbarn sich noch nie beschwert haben, obwohl es ungepflegt ausschaut. Die Artenvielfalt ist erstaunlich, obwohl es nur knapp 500 m2 sind. Es sollte mehr solche grünen Oasen geben! – Naturliebhaberin

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • d.m. am 28.08.2014 11:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    elend

    das selbe problem betrifft doch auch unsere vögel. pestizide zuviel überbauungen, aufgeräumte gärten.. zuwenige insekten. deshalb sollten sie das ganze jahr gefüttert werden. wir müssen hinschauen dann sehen wir wie es um unsere tiere steht. ein dankeschön an die igelstationen, tierfreunde...

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  • Jack am 28.08.2014 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tierfreund

    Ich würde auch ein paar Igel aufnehmen. Da ich iv. bin hätte ich Zeit und auch lust zu helfen.

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  • rolf mündig am 28.08.2014 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    tja.....

    Das Nashorn und den Tiger können wir unseren Kindern schon heute nur noch in Bilderbüchern zeigen, das wird auch bei dem Igel bald so sein. Aber Hauptsache wir können rund um die Uhr shoppen, Spargeln und Erdbeeren 365 Tage im Jahr kaufen, Hauptsache Wirtschaftswachstum und unkonrolliertes Bevölkerungswachstum.....was interessieren uns schon Tiere.....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sascha am 28.08.2014 20:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Igel

    Den Schmetterlingen gehts etwa gleich, was ich bisher sah waren nur noch die kohlweisslinge. Normalerweise fliegen um diese Jahreszeit die 3 Generation. Aber kein einziger gesichtet!

  • Alfred Eisler am 28.08.2014 18:51 Report Diesen Beitrag melden

    Der Lauf der Zeit!

    So traurig das auch ist in der Natur findet ein ewiger Kreislauf statt. Die einen kommen die anderen gehen das wird auch mit den Menschen irgendwann einmal geschehen. Die grosse Anzahl der Bevölkerung hat einfach Nebenwirkungen, die den einen Schaden und den anderen nützen! Wir können den Lauf der Entwicklung beim besten Willen nicht aufhalten!

    • Tierfreund am 28.08.2014 21:13 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Jeder kann in seinem persönlichen Bereich irgendetwas tun (oder Schädliches unterlassen), noch besser natürlich auch im Grösseren - und wenn es nur etwas Kleines ist. Unterschlupf für die Igel schaffen, wer einen Garten hat, anhalten, wenn ein Igel über die Strasse läuft (wenn möglich), keine Abfälle in der Natur liegenlassen, an denen Tiere ersticken könnten etc.Wer Tiere wirklich liebt und schätzt, wird immer wieder Möglichkeiten finden, zu helfen und Sorge zu ihnen zu tragen.Dass viele Tierarten aussterben, hat mit ewigem Kreislauf wohl weniger zu tun als mit unserem destruktiven Konsumwahn

    • Yuli am 29.08.2014 12:44 Report Diesen Beitrag melden

      auch ein Tierfreund

      Da gebe ich Ihnen Recht. Die Leute müssten umweltbewusster denken und handeln. Da ich Tiere liebe, mache ich das auch so. Auch zur Umwelt trage ich Sorge indem ich z.B. nur gut, biologisch abbaubare Reinigungsmittel verwende und den Müll trenne, vor Batterie bis zum Karton. Wenn jeder sein Denken ändert und mithilft, könnten wir Grosses erreichen. Aber den meisten Leuten ist das zu aufwändig.

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  • Ecopöpler am 28.08.2014 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    Die Einwanderung ist das Problem

    Es liegt auch daran das wir alles wegen den Einwanderer zubetonieren. Wo sollen sonst die Tiere hin? Entweder sterben sie wegen mangels Lebensraum oder sie sterben auf den Strassen. Wenn wir die Einwanderung nicht stoppen gibt es bald keine Tiere mehr in der Schweiz.

    • yumiiko am 29.08.2014 08:03 Report Diesen Beitrag melden

      Und natürlich wieder einmal....

      Ochje.. klar es liegt nur an den Einwanderen... Ach mein Lieber, meine Liebe, zuerst einmal selber vor der eigenen Haustüre kehren. Jeder, aber absoult jeder trägt dazu bei!!

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  • Stefan am 28.08.2014 17:08 Report Diesen Beitrag melden

    Igelfreundliche Gegend

    wäre da nicht mein Nachbar der alle Bäume und Büsche abhacken will, einen Rasenmäher Roboter hat und sein Gras so kurz schneidet, dass kein Tier dort leben kann.

  • Peter Meyer am 28.08.2014 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    Arme Igel und Co.

    Wir hatten letztes Jahr einen Igel im Garten, der dann durch die Igelstation aufgepäppelt wurde und wieder zu uns zurückkehren konnte. Leider sehe ich aber längerfristig schwarz für die Igel in der Schweiz wie auch für viele andere Tier- und Pflanzenarten: So wie sich die Menschheit breit macht und alles bewusst zerstört nur für etwas Wirtschaftswachstum, welches eh nur den oberen Zehntausend zu Gute kommt, wird es bald auch für uns Menschen unangenehm werden. Ein Stichwort dazu: Antibiotikaresistenzen durch Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung/Fleischproduktion!