Kein Recht auf Schutz?

21. März 2012 18:33; Akt: 21.03.2012 18:33 Print

Gehörlose sind bei Alarm chancenlos

von Felix Burch - Im Thurgau wurde Anfang Woche Gift-Alarm ausgelöst. Schleunigst schlossen die Anwohner ihre Fenster und blieben drinnen. Nichts davon mitbekommen hat Martin G.*. Er ist gehörlos.

storybild

In der Schweiz gibt es kein Instrument, um Gehörlose vor Gefahren zu warnen. (Bilder: Colourbox/Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Montagmittag, Wängi im Kanton Thurgau. Die Sirenen heulen, über Radio DRS wird die Bevölkerung aufgerufen, die Fenster zu schliessen. In einer Fabrik ist Salpetersäure ausgetreten, es herrscht Gift-Alarm. Hektik bricht aus, die Menschen sperren Fenster und Türen zu, verlassen ihre Häuser nicht, die Bauern sorgen sich um ihre ungeschützten Tiere in den Ställen.

Von all dem bekommt Martin G.* nichts mit. Er sitzt in seiner Wohnung, irgendwann bekommt er ein SMS von einem Bekannten, der ihn über den Alarm informiert.

Das Beispiel zeigt, dass Gehörlose in der Schweiz im Ernstfall verloren sind. Kurt Münger, Chef Kommunikation des Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS), räumt ein: «Die gesetzlichen Bestimmungen zur Alarmierung der Bevölkerung sind beschränkt auf Sirenen.» Es gebe momentan keine technisch gleichwertige Alternative für Gehörlose. Diese würden jedoch insofern berücksichtigt, als zu den Verhaltensweisen nach einem Sirenenalarm auch gehöre, die Nachbarn zu informieren.

Warum wird nicht per SMS alarmiert?

Das BABS koordiniert die Alarmierung in der Schweiz, für die Umsetzung sind die Kantone verantwortlich. Der Kanton Basel Stadt testete im Februar einen Sirenenalarm mit Auslösung eines SMS-unterstützten Alarmierungssystem für Gehörlose. Die schweizerische Premiere verlief reibungslos. «Es funktionierte einwandfrei», sagt Klaus Mannhart, Mediensprecher der Kantonspolizei Basel Stadt. Warum wird das Modell nicht im ganzen Land angewendet? «Wir befürchten, dass SMS-Alarme im Ernstfall nicht möglich sind, weil es zu Überlastungen kommen könnte und die Dienstleistung dann nicht zur Verfügung stünde», so Münger. Auch bei einem Stromausfall würde die Dienstleistung nicht funktionieren.

Eine informelle Arbeitsgruppe prüfe jedoch Verbesserungen für Gehörlose. Unter anderem wird eine Steuerung über POLYCOM, das sich im Aufbau befindende nationale Sicherheitsnetz Funk der Schweiz, in Betracht bezogen. Dies würde eine «sichere» SMS-Alarmierung ermöglichen. Einsatzbereit wäre es jedoch frühestens im Jahr 2015. In einem ersten Schritt müssen die Kantone für ein gemeinsames Projekt gewonnen werden. Zudem sind noch einige technische Probleme zu lösen.

«Recht auf Schutz muss ausgedehnt werden»

Dem Schweizerischen Gehörlosenverbund geht das alles zu langsam. Sprecherin Antonia D'Orio gibt zu bedenken, dass das Behindertengleichstellungsgesetz leider nicht mit gebotener Dringklichkeit umgesetzt werde. «Namentlich im Bereich der Alarmierung ist geradezu unbegreiflich, dass sich bisher noch keine Mittel gefunden haben, auch Gehörlose und Hörbehinderte vor Gefahren zu warnen.» Man hoffe, die zuständigen Stellen dehnten das verfassungsmässige Recht auf Schutz so rasch wie möglich auf alle Mitglieder der Gesellschaft aus. Dies wünscht sich auch Martin G.: «Heute merke ich schlicht nicht, dass Alarm ausgelöst wurde.» Das sei für ihn und alle Gehörlosen sehr schlecht.

Wie viele Gehörlose genau in der Schweiz leben, ist unklar; es gibt keine offiziellen Statistiken. Schätzungen gehen von zwischen 8000 und 10 000 Menschen aus. Schwerhörige gibt es rund eine halbe Million.

*Name der Redaktion bekannt

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • J. Meyer am 21.03.2012 23:01 Report Diesen Beitrag melden

    Hörbehinderung-unsichtbare Behinderung

    Hörbehinderung ist immer noch eine Behinderung, der viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, von Seiten der Ämter wie auch von Seiten der Mitmenschen. Diese Art von Behinderung ist unauffällig und auch nicht nachvollziehbar. Blinde erkennt man an ihren Zeichen, Stock oder Blindenhund, während Hörbehinderte aber normal laufen, gehen, sehen und z.T. auch ganz normal reden können, nur gut hören können sie nicht u Manche wundern sich dann. Es gibt im Alltag viele Begebenheiten wie eben dieser Alarm, welche Hörbehinderte nicht erkennen können u sind dank dem Egoismus der Mitmenschen ohne Chancen.

    einklappen einklappen
  • Andrea Mordasini, Bern am 21.03.2012 22:13 Report Diesen Beitrag melden

    SMS-Alarmierung ist ein Muss!

    @ A. Sozial: Auch wenn es "nur" 20'000 sind, haben auch die das Recht, rechtzeitig alarmiert und geschützt zu werden! Sorry, Ihr Kommentar ist sehr diskriminierend! Ich selber bin hörend, pflege aber seit Jahren sehr guten Kontakt zu Gehörlosen. Eine Alarmierung per Handy/SMS sollte im heutigen Zeitalter mit der heutigen Technik selbstverständlich sein. Ich bin sehr erstaunt und enttäuscht, dass dies scheinbar nicht der Fall ist. Da herrscht tatsächlich dringendster Nachholbedarf! Ich hoffe sehr, dass diesbezüglich so rasch wie möglich gehandelt wird.

  • TomTom am 21.03.2012 20:41 Report Diesen Beitrag melden

    SMS!

    Jede Versicherung bietet heute regionale Unwetterwarnungen per SMS an - klar dass das ein Bundesamt nicht hinkriegt...

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bidu am 22.03.2012 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Gehörlose. Auch Hörende

    Viele Hörenden tragen Musik-Kopfhörer und hören nichts von Alarm. Also, alle müssen sie eine SMS bekommen, wenn der Alarm kommt. Das ist eine Lösung.

  • Beat am 22.03.2012 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    Die sehen dann schon..

    Wenn alle anderen Leute rennen oder sich zurückziehen, dass da etwas nicht stimmt.

  • Stefan am 22.03.2012 09:30 Report Diesen Beitrag melden

    Offene Kommunikation

    Ich persönlich hätte kein Problem einen Nachbarn/in zu informieren bei einem Alarm. Allerdings kenne ich kaum einen Nachbarn, also müsste diese/r aktiv auf mich zukommen und mich informieren. Und ich denke soviel Anstand haben die meisten von uns. Allerdings gäbe es ja bestimmt auch techinsche Massnahmen, denke da an einen Beeper wie es ihn in der Feuerwehr gibt, natürlich mit Vibration und Visuellem Effekt. Verstehe die Diskussion nicht. Eigentlich hätte da schon lange etwas unternommen werden müssen.

    • Connie Daniels am 24.03.2012 08:07 Report Diesen Beitrag melden

      Offene Kommunation ???

      Was fuer ein Stuss ist das denn?? " Ich persönlich hätte kein Problem einen Nachbarn/in zu informieren bei einem Alarm. Allerdings kenne ich kaum einen Nachbarn, also müsste diese/r aktiv auf mich zukommen und mich informieren. Und ich denke soviel Anstand haben die meisten von uns." Warum soll denn Ihr Nachbar auf Sie zukommen? Soviel zum Anstand.

    einklappen einklappen
  • Hannes am 22.03.2012 08:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    geht alles

    alles kein problem. es gibt geraete die senden sms an jedes handy das im funkbereich ist. das heisst feuerwehr etc kann einen solchen sender an den einsatzort mitnehmen und bei bedarf lossenden. so ein ding kostet 1500.- und funktioniert tadellos...natuerlich auch fuer schabernack.

  • Hör Gerlos am 22.03.2012 08:30 Report Diesen Beitrag melden

    Gehörlosenbund

    Und Wo war der Schweizerische Gehörlosenbund? Die sollten schon längst eine komplette Info rausgeben bei Gefahren etc...Eben Schlafkappen...