Schweizerin beim IS

12. Januar 2016 14:56; Akt: 12.01.2016 18:07 Print

«Sie hat eine totale Gehirnwäsche hinter sich»

von R. Neumann - Franziska S.* (29) wollte mit ihrem vierjährigen Sohn Adam zum IS nach Syrien reisen, wurde aber gestoppt. Der Vater von Adam spricht nun über die Entführung.

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Die 29-jährige Franziska, die sechs Jahre in Ägypten lebte, versuchte, mit ihrem Sohn über Griechenland nach Syrien zu reisen. An der türkischen Grenze wurde sie gestoppt.

Der Vater von Adam erhielt von einem griechischen Gericht das Sorgerecht und holte seinen Sohn zurück. Nun ist auch die Mutter wieder zurück in der Schweiz. 20 Minuten erreichte den Vater des gemeinsamen Kindes in Ägypten.

Mahmoud A.*, wie geht es Ihrem Sohn?
Durch die strenge Reise hat er eine starke Erkältung, die wir derzeit auskurieren. Er ist aber glücklich, wieder bei mir zu sein. Bei mir darf er mit Spielsachen spielen, bei seiner Mutter durfte er das nicht. Er fragt aber immer wieder nach seiner Mutter, ich weiss nicht, was ich ihm antworten soll, und wechsle das Thema.

Wissen Sie, wo Franziska S. jetzt ist?
Sie sagte mir, dass sie alles tun wolle, um ihre Reise nach Syrien fortzusetzen. Sie wollte unbedingt nach Raqqa und bei den Leuten vom «Islamischen Staat» leben. Sie sagte, dass es ihre einzige Option in ihrem Leben sei, und dass sie das unter allen Umständen erreichen wolle. Sie sprach mit allen darüber, dass dies ihr Traum sei, den sie verwirklichen wolle.

Wer steckt hinter all dem? Gibt es eine bestimmte Person?
Ich weiss es nicht. Sie hat Kontakte über Twitter und Berater des IS, aber ich kenne diese Leute nicht. Sie hat eine totale Gehirnwäsche hinter sich.

Wie äusserte sich das?
Sie nennt sich zum Beispiel nur noch Um Adam, das ist jetzt ihr neuer Name. Er bedeutet «Mutter von Adam». Als ich in Griechenland war, sagte sie, dass der Teufel mich geleitet haben müsse, um zu verhindern, dass ihr Sohn ins Paradies komme.

Welche Auswirkungen hatte ihre Radikalisierung auf Adam?
Sie liess ihn nicht mehr mit Spielsachen spielen, Musik hören und Fernsehen verbot sie ebenfalls. Adam war sehr frustriert und wartete nur drauf, um am Wochenende bei mir zu sein. Sie selbst wurde äusserst aggressiv in jeglicher Hinsicht, reagierte auf alles sehr emotional. Sie weinte fast nonstop. Schliesslich verkaufte sie alles aus der Wohnung, um sich die Reise leisten zu können.

Wann begann die Radikalisierung?
Etwa ein Jahr, nachdem sie eine Muslimin geworden war. Wir heirateten im Februar 2010, sechs Monate später konvertierte sie aus eigenem Willen. Sie verfolgte die Predigten von Pierre Vogel im Internet und nahm dies als Anleitung für ihr eigenes Leben. Da begannen die Probleme: Auch mich sah sie fortan als Ungläubigen an. Vor drei Jahren trennte ich mich von ihr.

Wie nahm ihr Umfeld die Radikalisierung auf?
Ob sie noch Freunde in der Schweiz hat, weiss ich nicht. Auf ihrem Facebook-Profil ist jedenfalls jeder gegen sie. Ihre Eltern und ihre Schwestern haben oft versucht, sie davon abzubringen – vergeblich. Ihre Familie hat mich immer unterstützt und war so schockiert wie ich, als sie gehört hat, dass Franziska zum IS reisen will.

Wie konnte sie vom radikalen Gedankengut überzeugt werden?
Es trifft immer solche, die erst kürzlich zum Islam konvertiert sind. Sie sind leicht zu manipulieren. Die Leute vom IS suchen sich deshalb gezielt solche Leute aus. Mein Sohn muss jetzt lernen, ohne seine Mutter aufzuwachsen.

*Namen der Redaktion bekannt