Ohne Horn und Hufe

31. März 2017 14:58; Akt: 31.03.2017 14:58 Print

«Sehr geil» – Coop verkauft jetzt vegane Erde

von J. Büchi - Wer in der Ernährung auf Tierisches verzichtet, kann neu auch bedenkenlos gärtnern. Veganer sind euphorisch, Gärtner skeptisch.

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Pünktlich zum Start der Gartensaison hat Coop eine vegane Blumenerde ins Sortiment aufgenommen. Der 15-Liter-Sack kostet 9.50 Franken. Dass gewöhnliche Balkonerde tierische Rückstände enthält, dürfte viele überraschen - und das gilt auch für andere Produkte. Dass der Käse auf dem Bild Milch aus tierischer Herkunft enthält, dürfte den meisten Betrachtern klar sein. Dass für dessen Herstellung auch Lab, ein Stoff aus Kälbermägen, verwendet wird, ebenfalls. Weniger bekannt ist, dass Wein ebenfalls nicht frei von tierischen Stoffen ist. Er wird meist mit einem Protein aus Fischblase oder Gelatine gefiltert. Dasselbe gilt für klaren Apfelsaft ... ... und viele Biersorten. Auch hier findet jedoch ein Umdenken statt: Die irische Guinness-Brauerei verzichtet seit vergangenem Jahr bei der Bierherstellung auf die bis dahin verwendeten, getrockneten Schwimmblasen von Fischen. Kondome bestehen zum grössten Teil aus Latex, das vom Kautschukbaum gewonnen wird. Allerdings wird bei der Herstellung oft auch Casein verwendet, ein Milchbestandteil, der auch zur Herstellung von Käse eingesetzt wird. Auch Nagellack enthält oft tierische Bestandteile. So etwa das Farbpigment Karmin, für dessen Gewinnung Schildläuse zerquetscht werden. Oder das schimmernde Guanin, das aus Fischschuppen gewonnen wird. Auch viele Kosmetikprodukte enthalten tierische Bestandteile. Die Vegane Gesellschaft Schweiz erwähnt auf ihrer Seite etwa Amino- und Fettsäuren, die aus Zellgewebe gewonnen werden, Cysteine aus Hörnern oder Borsten und Plazentawasser.

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Coop baut sein veganes Sortiment weiter aus: Wie der Detailhändler in seinen Produktenews für die Monate März/April schreibt, kommen nicht nur ein Bärlauch-Tofu und ein Cashew-Chia-Riegel neu in die Regale. Auch eine vegane Balkonerde ist ab sofort im Sortiment. Der 15-Liter-Sack kostet 9.50 Franken – rund zehnmal mehr als die günstigste Blumenerde von Prix Garantie.

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Auf die Neuheit ist man beim Grossisten merklich stolz: «Coop war schon immer zuvorderst, wenn es darum ging, Trends aufzuspüren und Innovationen umzusetzen», sagt Sprecherin Angela Wimmer. Entsprechend biete Coop nun als erster Detailhändler in der Schweiz Erde an, die keinerlei tierische Rückstände enthalte.

Gemahlenes Horn in der Erde

Veganer sind begeistert. «Wie geil ist das denn?», fragt ein Blogger in einem Eintrag auf Vegan.ch. Und gibt sich die Antwort gleich selber: «Sehr geil.» Herkömmliche Erde werde mit Hornspänen gedüngt, also mit gemahlenen Hörnern und Hufen von geschlachteten Rindern, erklärt er. Zudem enthalte Kompost oft Eierschalen.

«Bis jetzt waren deine Tomaten nicht wirklich vegan», folgert er. Und führt weiter aus, wer herkömmliche Erde kaufe, unterstütze damit indirekt die Nutztierindustrie. Zwar räumt er ein, dass beim Hacken des Blumenbeets auch bei Verwendung veganer Erde Würmer oder Käfer in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Diesbezüglich plädiert er aber für eine pragmatische Haltung.

Nicht jeder Wein ist vegan

Auch Raphael Neuburger, Sprecher der Veganen Gesellschaft Schweiz, ist vom neuen Coop-Produkt begeistert. «Die Hersteller der Erde sind auf uns zugekommen», erzählt er. Das Beispiel zeige, dass die Nachfrage nach Produkten, die «ganz ohne Nebenprodukte der Nutztierhaltung» auskommen, zunehme.

Bei vielen Produkten wüssten die Konsumenten nicht einmal, dass sie tierische Bestandteile enthalten, so Neuburger. «Beispiele sind Getränke wie Apfelsaft, Wein oder Bier, die mit Gelatine aus Schweineknochen oder mithilfe von Fischblasen gefiltert werden, damit sie klar werden.»

Tierfett im Banknötli

Weiter verweist er auf die englische 5-Pfund-Note: Im letzten November räumte die Bank of England ein, dass der Geldschein Spuren von tierischem Talg enthält – worauf sich im Königreich heftiger Protest entlud.

«Das heisst natürlich nicht, dass man als Veganer nicht mit 5-Pfund-Noten bezahlen dürfte», sagt Neuburger. Die Aufzählung zeige nur, wie tief die Nutztierhaltung in unser Leben eingreife. «Unsere Devise ist, dass man dort, wo es Alternativen gibt, diese auch fördern sollte. Wie eben im Fall der Balkonerde.»

Zwei Anfragen in zehn Jahren

Beim Unternehmerverband Gärtner Schweiz, JardinSuisse, war vegane Erde bisher kein Thema. Auch bei den Herstellern von Erde sei die Nachfrage äusserst gering, wie Sprecher Marius Maissen in Erfahrung gebracht hat. «Ein Produzent sagte mir, dass sich in zehn Jahren zweimal ein Kunde danach erkundigt habe.» Ob es so etwas wie vegane Erde überhaupt gibt, sei zudem fraglich: «In der Natur existiert kein Boden, in dem es keine minimalen Reste von Insekten oder anderen tierischen Organismen gibt.»

Gelassen nimmt man den Trend auch bei der Centravo-Gruppe, die auf die Verwertung der Schweizer Schlacht-Nebenprodukte spezialisiert ist. «Eine Entscheidung, vegane Produkte zu bevorzugen, ist jeweils persönlicher Natur, die es zu respektieren gilt», so Sprecher Georg O. Herringer. Auf das Geschäft habe die vegane Bewegung bislang keinen Einfluss.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • A. G. am 31.03.2017 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Und ich...

    ...freue mich auf mein veganes Steak, das auf der veganen Weide beim veganen Bauern aufgewachsen ist und in der veganen Metzgerei geschlachtet worden ist! Als hätten wir keine anderen Probleme!

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  • Peter Müller am 31.03.2017 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    Verfrühter Scherz

    Ist morgen nicht der 1. April?

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  • Neutralo am 31.03.2017 15:10 Report Diesen Beitrag melden

    Wasser & Brot

    Ich würde den Veganern ja zu Wasser und Brot raten, aber ich bin mir sicher, dass auch bei der Gewinnung von Getreide Millionen Insekten jährlich ihr leben lassen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • A. Pril am 01.04.2017 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Cool!

    Schön, dass nun wir Veganer unser Gemüse Vegan wachsen lassen können! Wollte soeben im Onlineshop von Coop bestellen, aber auf der ganze Seite nichts zu finden. Liegt es vielleicht daran, dass gestern der 31. März war und heute der 1. April ist?!?

  • NoEmoji Fan am 01.04.2017 13:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schizophrene Firma - nicht nur am 1.4.

    Coop ist eben ökologischer und biologischer als alle anderen Grossverteiler. Man sieht es immer dann, wenn sie als Zugabe tonnenenweise billige Plastikteile verteilen, die kurzerhand auf dem Abfall landen. Have a smily! ;-)

  • Marcel am 01.04.2017 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Persönlich...

    Persönlich hört dort auf, wo andere darunter leiden. Aber Fleischesser wollen davon ja nichts wissen. Durch Fleischkonsum leidet die Umwelt, das Tier. Ja sogar Menschen verhungern - weil wir für Tierfutter mehr zahlen als es sich Menschen in der 3. Welt leisten können. Aber ihr Fleischesser seid ja alle so sozial - das dort ein a davor gehört, wisst ihr ja mittlerweile selbst. Super @erde!

  • M. Koller am 01.04.2017 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    Natur

    Vegane Erde dürfte zu den unnatürlichsten Dinge gehören, welche der Mensch je "kreiert" hat.

  • maxi am 01.04.2017 12:09 Report Diesen Beitrag melden

    99% der Beiträge hier...

    befassen sich damit, dass Erde und was auch immer alles nicht vegan sein kann, wegen der Würmer, Insekten, etc. Eine absolut stumpfsinnige Argumentation, denn was bringt es? Toll ja wir wissen es gibt in der Erde Würmer, trotzdem ist ein Veganer ein Veganer. Das Wort ist wie jedes Wort reine Definitionssache. Weswegen es auch gar keinen Sinn macht darüber zu diskutieren. Fakt ist Mikroorganismen sind ein natürlicher Bestandteil der Erde, wir kultivieren aber keine Würmer, trocknen und vermahlen sie um sie dann wieder der Erde beizumischen. Wer da den Unterschied nicht versteht. #Bildung.