Convenience-Food für Kinder

18. Januar 2017 05:44; Akt: 18.01.2017 14:52 Print

«Gewisse Eltern schauen lieber TV, als zu kochen»

von Camille Kündig - Immer mehr Eltern setzen bei der Ernährung ihrer Kinder auf Fertigprodukte. Viele Jugendliche können deshalb nicht richtig kochen.

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Gewisse Eltern verordnen ihren Kindern Diäten oder eine vegane Ernährung, andere hingegen greifen immer öfter zu Fertigprodukten. Die Folge: Viele Jugendliche beherrschen das Einmaleins des Kochens nicht.

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In Deutschland ist die Neigung, Fertigprodukte zu konsumieren, deutlich gestiegen (von 32 Prozent im Jahr 2015 auf 41 Prozent Ende 2016). Vor allem Eltern trauen sich offenbar nicht mehr zu, ihren Kindern das Kochen beizubringen und wünschen sich Kochunterricht in den Schulen – wie hierzulande.

In der Schweiz zeigt sich eine ähnliche Entwicklung: Ob bei Aldi, Coop, Denner oder Migros: Die Nachfrage nach Produkten, die sofort genossen oder ohne grossen Aufwand zubereitet werden können, nimmt zu. Oliver Frommenwiler, Sprecher bei Aldi Suisse, sagt: «Neben Fertigprodukten sind zunehmend auch fertig gewaschene Frischsalate oder portioniertes frisches Obst sehr gefragt.» Diese Produkte scheinen auch bei Eltern gut anzukommen.

«Viele Eltern kochen aus Bequemlichkeit nicht»

Stefanie Bürge, Ernährungsberaterin BSc BFH, sagt: «Es ist deutlich zu beobachten, dass junge Eltern heute schneller zu Fertigprodukten greifen.» Viele würden sich für Chicken Nuggets oder Fertigpizzas entscheiden, eine grosse Anzahl aber auch für gesündere Alternativen wie bereits gewaschenen und geschnittenem Salat oder Gemüsetiefkühlkost.

Der Hauptgrund dafür sei wohl der ständige Zeitdruck, der heute herrsche, so Bürge. «Viele junge Väter wie Mütter sind heutzutage berufstätig. Da fehlt es oft schlicht an der Zeit, täglich frische Gerichte zuzubereiten.» Doch auch eine gewisse «Bequemlichkeit» spiele eine Rolle. Fertigprodukte oder Produkte, bei denen ein Verarbeitungsprozess bereits gemacht wurde, seien da natürlich verlockend.

«Manche Jugendliche können nicht mal mehr eine Zwiebel schneiden»

Bürges Tipps an Eltern unter Zeitdruck: Fertigprodukte mit frischen Lebensmitteln kombinieren. «Zum Beispiel eine Fertiglasagne mit frischem Salat, Gemüsestängeli oder eben Tiefkühlgemüse servieren.» Die beste Lösung sei es aber, an den arbeitsfreien Tagen für die Woche frische Produkte vorzukochen.

Dabei sei es wichtig, die Kinder in die Speisenzubereitung einbeziehen. Bürge bietet auch Kochkurse für Jugendliche an. Es sei erschreckend, wie viele nicht mehr kochen könnten. «Gewisse Teenager sind nicht mal mehr imstande, eine Zwiebel zu schneiden.»

«Dem Kind dann das Kochen beizubringen, ist für manche ein zusätzlicher Aufwand»

Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, kann diese Entwicklung bestätigen: «Es ist sicher so, dass viele Schüler heute weniger gewandt im Kochen sind. Viele wissen auch nicht, wann welches Gemüse oder welche Frucht reif ist.» Umso wichtiger sei es, dass in den Schulen das Fach Wirtschaft – Arbeit – Haushalt unterrichtet werde.

Auch Kathrine Balsiger, Präsidentin der LCH-Fachkommission Hauswirtschaft, macht bei ihrer Arbeit ähnliche Erfahrungen mit gewissen Schülern. «Es gibt aber auch Schüler, die dank dem Internet und den damit gut zugänglichen Informationen Nahrungsmittel trotzdem zubereiten und sich Wissen aneignen.» Balsiger beobachtet auch, dass zum Beispiel Abwaschen oder Wischen nicht einfach bei allen abgerufen werden kann. «Dafür schaffen es die Jugendlichen oft, gewisse Elektrogeräte oder Koch-Apps schnell und ohne Bedienungsanleitung zu nutzen.»

Ernährungsberaterin Sonja Ricke stellt fest: «Heute schauen manche Eltern lieber eine Kochsendung als selber zu kochen.» Viele Leute hätten durch Zeitmangel auch einfach andere Prioritäten.«Dem Kind dann das Kochen auch noch beizubringen, ist für manche ein zusätzlicher Aufwand.»

«Kochen wäre für Kinder eine gute Vorbeugung für Beziehungsstörungen»

Viele Eltern wenden sich bezüglich der Ernährung ihrer Kinder auch oft mit Fragen an Beratungsstellen. Sabine Knoesels von der Elternberatungsstelle Basel-Stadt (Basler Fachstelle für Eltern mit Kindern von 0 bis 5 Jahren) sagt: «Gesunde Ernährung ist bei uns oft ein Thema.»

Bei der Eltern-Beratungsstelle Pinocchio in Zürich stellt Stellenleiterin und Jugendpsychologin Christina Häberlin fest, dass vor allem in Notlagen allgemein weniger innerer Raum für gemeinsame Aktivitäten, so auch Kochen, bestehe. «Dabei ist das Kochen mit den Kindern als gemeinsames kreatives Tun eine gute Vorbeugung für Beziehungsstörungen», sagt Häberlin.

In der Tat könnten die Kinder durch das gemeinsame Kochen Selbstwirksamkeit, Teamarbeit und Lob von den Essenden erfahren. Weiterer Pluspunkt gemäss Häberlin: «Das Kind übt mathematisches Basiswissen ein, ohne es zu merken!»

Bereiten auch Sie oft Convenience Food für Ihre Kinder zu? Oder leben Sie noch bei Ihren Eltern und essen oft Fertigprodukte? Schreiben Sie uns und erzählen uns davon. Ihre Angaben werden auf Ihren Wunsch hin anonym behandelt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Reto am 18.01.2017 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Verständnis

    Kinder werden es den Eltern dann später danken, dass sie dann gesundheitliche Probleme haben. Ich sehe es schon an der Schule meiner Kinder. Schlimm wie fast alles richtig fett geworden sind. Gesunde Ernährung, das ich nicht lache. Eltern sind verantwortlich. Dann nimmt man sich die Zeit und kocht anständig. Kosten sind auch nur eine billige Ausrede. Entweder diese Eltern können nicht kochen oder wollen es einfach nicht, weil sie zu faul sind. Dafür habe ich kein Verständnis.

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  • greenfizz am 18.01.2017 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig/falsch kochen

    Was heisst richtig kochen? Kann man auch falsch kochen? Die meisten Jungen können gar nicht kochen. Kochen heisst für sie, Convience Produkte in der Microwelle aufzuwärmen. Das höchste der Gefühle ist ein (ein einer richtigen Pfanne) durchgebratenes (schwarzes) Stück Fleisch..... e Guete....

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  • Ulrich Heimberg am 18.01.2017 10:38 Report Diesen Beitrag melden

    Verweigerung

    Wer sich bei der Erziehung verweigert, darf dies beim kochen auch. Schöne, neue Schweiz !

Die neusten Leser-Kommentare

  • Eveline am 18.01.2017 21:41 Report Diesen Beitrag melden

    Beruf und andere Ausreden

    Und kommt mir jetzt nicht damit, dass die Eltern berufstätig wären und abends zu müde wären zum Kochen. Ich bin mittlerweile 60, arbeite 80% und koche noch immer jeden Tag frische Produkte. Fertigfutter kommt bei mir nicht auf den Tisch und das wird auch Geschätzt und über Generationen weitergegeben.

  • Ich am 18.01.2017 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Relativ

    Mein Grosi (geb 30er Jahre ) kann noch kochen, wie eben nur ein echtes Grosi es kann! Ihre Tochter (60er jahre) hasst es und kann es deshalb auch nicht gut... ich nun... hatte zwar Kochunterricht aber zu einer Zeit, wo anderes wichtiger war... hab mir nun alles selber beigebracht und koche gesund, ausgewogen etc. Mein bruder: nicht. Es liegt an jedem selber, auch ezwas Eigeninitiative zu zeigen

  • Hobbykoch am 18.01.2017 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    Ich liebe es.

    Bei uns kann die ganze Familie sehr gut kochen und dafür bin ich sehr dankbar. Kochen ist für mich Freude, Kreativität und Abschalten zugleich ;)

  • Cosh am 18.01.2017 17:11 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder

    Lieg an der erziung. Meine beide töchter 3 und 5 helfen mir jedesmal in der küche wen ich koche und sie haben frwude dran

    • defence first am 18.01.2017 21:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Cosh

      Jetzt noch... auch die werden älter....

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  • Annamaria am 18.01.2017 17:02 Report Diesen Beitrag melden

    kein Zusammenhang

    Also das mit dem kochen können und schlechte Ernährung liegt nicht zusammen. Habe 3 fast erwachsene Kinder. Die älteste kocht gerne und auch mal was innovatives. Die andern beiden überhaupt nicht. Die bekommen knapp Spaghetti hin. Ich darf von mir behaupten, dass ich "normal gesund" mit saisonalem Gemüse aus dem eigenen Garten oder vom Markt aus der Region koche.