Kriminelle Teenager

23. Juli 2017 19:48; Akt: 23.07.2017 23:03 Print

224 Junge wegen Pornografie verurteilt

Porno-Urteile gegen Jugendliche nehmen massiv zu. Letztes Jahr waren es fünfmal so viele wie 2011. Experten fordern nun bessere Aufklärung an Schulen.

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Ein Elfjähriger wollte einen Porno an seinen Kollegen verschicken. Aus Versehen landete das Material aber im Gruppenchat seiner Klasse. Das hatte Folgen für den Jungen: Er musste vor den Jugendstaatsanwalt.

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Ist das Gesetz zu streng mit Minderjährigen, die Pornografie unter Gleichaltrigen teilen?
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Insgesamt 4719 Teilnehmer

Wie die «Sonntagszeitung» schreibt, nehmen Fälle wie dieser zu. Im letzten Jahr wurden 224 Minderjährige wegen Pornografie verurteilt. Das sind fünfmal so viele wie noch 2011. Auch die Zahl der Anzeigen gegen Minderjährige wegen Pornografie stieg von 61 auf 286 pro Jahr.

43 Prozent erhielten «erotische oder aufreizende Bilder»

Laut der Jugendanwaltschaften sei der Anstieg der Urteile damit zu begründen, dass heute fast jeder Jugendliche Zugang zu pornografischem Material habe. Einen Beleg dafür liefert die James-Studie: 99 Prozent aller Jugendlichen in der Schweiz besitzen ein Smartphone. 43 Prozent erhielten schon «erotische oder aufreizende Videos und Bilder».

Patrik Killer, leitender Jugendanwalt der Stadt Zürich, sagt zur «Sonntagszeitung»: «Sehr oft handelt es sich um Jugendliche, die pornografische Videos und Bilder aus dem Internet in Klassenchats untereinander verschicken.» Die Kinder würden das Material dann den Eltern zeigen oder diese entdecken es selber. Killer: «Sie melden das der Schule, die dann Anzeige erstattet.»

Schutzbestimmung zur milderen Bestrafung

Das Gesetz schreibt vor, dass Kinder unter 16 Jahren keine Sexfilme oder -bilder verschicken dürfen. «Damit will die Justiz Kinder schützen — sie sollen nicht so früh mit Pornografie in Kontakt kommen», sagt Killer zur Zeitung. Man könne sich aber fragen, ob Jugendliche damit nicht selbst kriminalisiert werden.

Niklaus Ruckstuhl, Leiter der Fachgruppe Strafrecht beim Schweizerischen Anwaltsverband, sagt dazu: «Man müsste Schutzbestimmungen einführen, dass Jugendliche massiv milder bestraft werden, die ‹normale› Pornografie unter Gleichaltrigen teilen.» So erachte er etwa erzieherische Massnahmen wie Kurse als sinnvoll. Verbote oder Strafen machen aber laut Ruckstuhl wenig Sinn.

Ähnlich sieht das das Forensische Institut Ostschweiz, das Sexualtäter therapiert: Geschäftsführerin Monika Egli-Alge sagt: «Die Jugendlichen sind oft unbedarft im Umgang mit den sozialen Medien und werden in diesen Dingen viel zu hart bestraft für eine Dummheit»

«Das Thema wird an den Schulen vernachlässigt»

Denn nur den wenigsten ist bewusst, dass das Teilen von Pornografie illegal ist. Esther Elisabeth Schütz, Leiterin des Instituts für Sexualpädagogik in Uster, sagt: «Leider wird das Thema an den Schulen vernachlässigt.» Zudem würde vielen Lehrern das fachliche Wissen fehlen.

Auch Eva Burri von «Achtung Liebe», ein Verein von Studenten mit sexualpädagogischer Ausbildung, der Schulen beim Sexualunterricht unterstützt, findet: «Es braucht unbedingt mehr Aufklärung an den Schulen.»

Keine vorgeschriebene Aufklärung an Unter- und Mittelstufe

Marion Heidelberger, Vizepräsidentin des Schweizer Lehrerverbands, sagt: «Das Thema Pornografie wird im Rahmen des Faches Medienpädagogik in der Oberstufe explizit behandelt.» Dazu würden auch die rechtlichen Aspekte gehören.

Für Mittel- und Unterstufe sei der Umgang mit Pornografie aber nicht vorgeschrieben. Heidelberg: «Ich beantworte im persönlichen Gespräch mit Schülern aber selbstverständlich auch auf der Primarstufe viele Fragen zum Thema Sexualität. Ohne dass das im Lehrplan so geschrieben steht.»

(jen)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Ironiker am 23.07.2017 19:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schutzmechanismen

    Und ich dachte diese weitverbreiteten Schutzmechanismen im Internet "Bist du schon 18? Ja - Nein" wären 100% sicher. Oder kann man diese etwa umgehen?

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  • Wer merkt was am 23.07.2017 20:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mindestalter

    Das Mindestalter für die Nutzung von WhatsApp ist bei 16 Jahren angesetzt. Wie kann also für Elfjährige ein Klassenchat unter Aufsicht der Lehrperson eingerichtet sein?

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  • Debby am 23.07.2017 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Ob verschicken oder nicht, im Internet ist ja dann sowieso alles zugänglich. Wie sinnvoll ist eine Verurteilung?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • David Stoop am 24.07.2017 16:10 Report Diesen Beitrag melden

    Versagen der Gesetze

    Wenn ein Gesetz zum Schutz von Jugendlichen gedacht ist, aber stattdessen nur dazu verwendet wird, Jugendliche zu kriminalisieren, dann hat das Gesetz einfach versagt und gehört angepasst. Ein Versagen des Gesetzgebers sollte nicht über Spezialübungen an den Schulen behoben werden müssen. Es gibt ja nun wirklich genug Parlamentarier, welche einfach das eigentliche Problem beheben könnten.

  • Dreist am 24.07.2017 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Das kommt halt davon

    und dann gibt es in diesem Land noch Politiker, die würden unsere Kinder am liebsten noch früher sexualisieren.

  • Kevin84 am 24.07.2017 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    Back 2 the roots

    Naja wir waren früher halt erkunden mit einen Händen... Wenn ein Bild heute schon genügt gibt's bald keinen Nachwuchs mehr. Das Problem ist halt, dass alles, was einmal auf dem Handy ist, Google oder Apple gehört. Und wenn man es übers Netz teilt sowieso, dann sieht das mit den Datenschutzbestimmungen wieder ein Bisschen anders aus.

  • Fraz am 24.07.2017 14:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Gesellschaft - arme Kinder!

    Ich denke, unsere Gesellschaft wird es noch bitter bereuen, wie verantwortungslos, planlos und egoistisch sie heute mit unseren Kindern umgeht. "Recht" auf ein Kind um jeden Preis, gezüchtet im Reagenzglas, mit Samen von ...?, geliehene Bäuche, Säuglinge als Acessoires, Kleinkinder abgeschoben, und mangels Zeit unbeaufsichtigt und unkontrolliert wenn sie etwas älter sind. Und dann werden sie auch noch bestraft. Für ihre soziale Verwahrlosung, für ihre fehlende Erziehung, für fehlende Zuneigung, für fehlende Gespräche, für nicht vorhandene Werte, für fehlende Vorbilder. Pfui!

    • David Stoop am 24.07.2017 15:32 Report Diesen Beitrag melden

      @Fraz

      Ehrlich gesagt sehe ich nicht, dass der Umgang mit Kindern heute verantwortungsloser ist, als früher. Es hat sich da eher viel getan und ist heute wohl besser denn je. Was früher teils abging und ja heute auch immer mal wieder auskommt, gleicht da schon eher einem Horrorkabinett. PS: Der Einsatz moderner Medizin um Kinder zu bekommen sagt rein gar nichts über den Umgang mit diesen Kindern aus. Nur weil Sie künstliche Befruchtung ablehnen, bedeutet dies nicht, dass diese Kinder es irgendwie schlechter haben.

    • unglaublich am 24.07.2017 15:55 Report Diesen Beitrag melden

      aber wahr

      @ Fraz....ich sehe es genauso wie sie !!! Heute ist alles künstlich vorgespielt! Heute ist es wichtig sagen zu können "Ich habe über 500 Freunde auf Facebook". Was die Samen betrifft: Die kann man ja aussuchen.Gross blond blaue Augen hoch Intelligent sollte Sie/Er sein.Wahnsinn einfach nur EGOISTISCH und WAHNSINN!"Lasst doch einfach nur die Natur arbeiten."

    • w schöni am 24.07.2017 16:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @David Stoop

      früher haben die meisten mütter zu den kinder geschaut, heute zählt in vielen fällen nur kohle gelieste auto fernseher ferien teure wohnung wo ist da zeit für kinder ?? nb ich wohne an einem fussweg zum schulhaus was da abgeht zt nicht zu glauben

    • Kinder sind heute arm dran am 24.07.2017 22:42 Report Diesen Beitrag melden

      und Kinder die

      zerstückelt und als Abfall entsorgt werden und Kinder die man 2 speziellen Männern aushändigt - Männer die zuvor Pädophile sein können und sich dann zusammentun um als "Ehepaar" endlich ihr echtes eigenes Fleisches-Kind zu erhalten. Oder Kinder die man sich zulegt um die eigene Lebensform rechtfertigen zu können und die man dann nach Lust und Laune umerziehen kann zur Gleichgeschlechtlichkeit. Angebot und Nachfrage. Je mehr Kinder von Kindesbeinen an umerzogen werden desto grösser wird der Frischfleischmarkt. Was tut man nicht alles für sich.

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  • Vater am 24.07.2017 13:24 Report Diesen Beitrag melden

    selber beobachtet

    Zuerst: Ich möchte nicht rassistisch sein. Es gibt Kinder welche bereits mit 8 Jahren ein Handy haben weil die Eltern ev. keine Zeit/Lust haben sich um Ihr Kind zu kümmern. Wenn sie es dann haben, ist eine Kontrolle sehr schwer... Zudem denke ich, dass die hochgepriesene Integration eben doch nicht so funktionierte wie uns diese von den Politikern immer wieder gepriesen wird - mehr darf ich dazu leider nicht sagen - sehe es aber in meinem Umfeld tagtäglich. Und zuguter Letzt - wir haben auch Dökterlis gespielt - aber dazumals war das noch eine andere Zeit...