Tippen war gestern

10. Oktober 2016 17:12; Akt: 10.10.2016 17:12 Print

Und plötzlich verschicken alle Sprachnachrichten

von B. Zanni - Viele junge Menschen ziehen es vor, mündliche statt schriftliche Nachrichten mit dem Handy zu versenden. Verlernen wir das Schreiben?

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Hunderte Whatsapp-Nachrichten pro Tag zu verschicken, ist für viele Jugendliche normal. Dabei plaudern sie ihre Mitteilungen laut Fachleuten zunehmend ins Handy. «Viele finden das bequemer als Schreiben – weil es schneller geht», sagt etwa der Social-Media-Experte und Lehrer Philippe Wampfler. Auch schätzten es viele, etwas zeitversetzt mitteilen zu können, was bei einem Telefongespräch nicht möglich sei. «Sie wollen dem Empfänger Gelegenheit geben, sich etwas dann anzuhören, wenn es passt.»

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Eine weitere Beobachtung von Wampfler: «Jugendliche verwenden Sprachnachrichten auch gerne, wenn es um Emotionales geht wie Freundschaft und Beziehungen, wo schriftlich Missverständnisse entstehen könnten.» Mit der Stimme sei es einfacher, den richtigen Ton zu treffen und bestimmte Emotionen zu vermitteln.

Und nicht zuletzt komme diese Kommunikationsform all jenen entgegen, die zu Rechtschreibfehlern tendieren. «Dann müssen sie sich für Fehler nicht schämen.»

«Erzählen statt überlegen»

Whatsapp bietet Audiobotschaften seit 2013 an. Manuel P. Nappo, Leiter des Center for Digital Business an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich, beobachtet den Trend seit rund einem Jahr. «Die Jugendlichen benutzen Kommunikations-Tools sehr pragmatisch und haben mittlerweile entdeckt, dass Sprachnachrichten für sie praktischer sind.»

Er stellt fest, dass die mündlichen Botschaften oft deutlich länger als die schriftlichen ausfallen. «So können sie etwas frisch von der Leber erzählen, ohne sich gleichzeitig überlegen zu müssen, wie sie sich am kürzesten fassen könnten.»

Laut Nappo ist der Trend Teil einer neuen Kommunikationsweise. «Die jungen Menschen wollen einen bleibenden Eindruck hinterlassen.» Deshalb seien auch Emoticons und Snapchat, auf denen kurze Videos verschickt werden, beliebter als schriftliche Botschaften.

«Risiko, ausgelacht zu werden»

Die Fachpersonen üben aber auch Kritik. Durch die sehr persönliche Note der mündlichen Botschaften sei das Risiko, sich eine Blösse zu geben, grösser, sagt Nappo. «Erzählt ein junger Mann seiner Ex-Freundin in angetrunkenem Zustand seinen Herzschmerz, könnte er von anderen ausgelacht werden, wenn die Audiobotschaft weitergeleitet wird.» Laut Wampfler gibt es zudem Nutzer, die sich über die Sprachnachrichten ärgern. «Wenn sie Musik hören, müssen sie dafür extra unterbrechen.»

Welche Auswirkungen hat die Whatsapp-Plauderei auf die Schreibfertigkeiten? Karina Frick, Medienlinguistin und Co-Autorin des Buchs «Schreiben Digital», sieht die Rechtschreibkompetenz nicht in Gefahr, wenn nicht einmal mehr auf dem Handy geschrieben wird: «Auch das Freizeitschreiben unterscheidet sich vom schulischen Schreiben.» Zudem setzten sich die Jugendlichen etwa durch News-Apps und Social Media heute mehr denn je mit Schriftlichem auseinander.

Lerneffekt für Vorträge?

Frick schliesst nicht aus, dass die Audio-Botschaften sogar einen Lerneffekt haben könnten. «Damit ihre Nachrichten gerne gehört werden, müssen die Jugendlichen diese auch sprachlich ansprechend und eloquent vermitteln können.» Dies könne möglicherweise dabei helfen, bei Schulvorträgen überzeugend aufzutreten.

Aufmerksamkeit zu erhalten, sei in der heutigen Medienkultur das höchste Gut. Sprachnachrichten verlangten vom Empfänger mehr Aufmerksamkeit als schriftliche Nachrichten. «Vielen Jugendlichen geben die Sprachnachrichten auch eine Plattform, um sich zu inszenieren.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hir Tensalat am 10.10.2016 17:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unpraktisch

    Wenn mir jemand regelmässig Sprachnachrichten schickt, schreibe ich ihm/ihr, das bitte zu lassen. Ich trage nicht ständig Kopfhörer und will auch nicht, dass jemand mithört.

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  • Xsasan am 10.10.2016 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnlos

    Also ich hasse Sprachnachrichten. Die kann man im Bus, im Büro etc. nicht abhören, ausser mit Kopfhörern. Zudem kann man nicht mal eben schnell was nachschlagen, was jemand mal gesagt hat - man muss sich alle Nachrichten anhören. Was ich aber teilweise mache: Speech to Text Eingabe. Geht ganz gut. Wenn ich mit jemandem Reden und Zuhören will, rufe ich an oder treffe mich persönlich. Hier einen Trend herbei zu reden ist dummes Gequatsche. Von sinnloser Bandbreitenverschwendung mal abgesehen.

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  • Mensch am 10.10.2016 17:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Quatsch

    Also müssten die Leute bereits beim Aufkommen des Telefons das Schreiben verlernt haben, wenn man mit dieser Logik denkt...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf von Moos am 11.10.2016 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Diktat

    Ich diktiere die SMS mit Siri. Anfänglich war das mühsam, aber nun versteht sie mich immer besser.

  • maricla am 11.10.2016 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    erst mit handy lernten wir schreiben?

    ja, konnten wir vor dem Handy nicht schreiben? oder was soll das? diese Technik ist noch in den Kinderschuhen..aber in einigen Jahren..werden wir dass sicher öfters einsetzten

  • Elias Canetti am 11.10.2016 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Faulis

    Das machen nur Faulis. In meinem Bekanntenkreis nutzen das nur Leute, die auch sonst etwas faul/bequemlich sind. Ich finde das unhöflich. Ich hab auch schon jemandem geantwortet, dass er das Texten sein lassen soll, wenn er zum tippen zu faul ist. Oder ich antworte einfach nicht. Dann kommt die Nachricht meist einige Stunden später in Textform.

  • John McCleaver am 11.10.2016 10:51 Report Diesen Beitrag melden

    Was heisst da: verlernen wir schreiben?

    Es ist erbärmlich, was und wie geschrieben wird. Vor lauter Abkürzungen, Emoticons und Anglizismen kommt die Sprache und das Schreiben immer mehr ins Hintertreffen. Vor allem Junge können sich nicht mehr deutlich und acurat ausdrücken. Ja, manchmal habe ich fast den Eindruck, dass sie Angst haben mit dem vis-à-vis persönlich zu sprechen. Dazu kommt noch, dass in einigen Kreisen der Balkanslang als korrektes Deutsch verstanden wird. Gleich salopp wird an neue Sprachen herangegangen; die Englischkenntnisse sind oft schlimm; kopiert von Games und schlechten Filmen.

    • Fabio am 11.10.2016 11:44 Report Diesen Beitrag melden

      Balkanslang beherrschender

      Ich (18) schreibe und spreche privat ungefähr so wie Sie es in Ihrem Kommentar erwähnt haben. Das heißt aber noch lange nicht dass ich es nicht normal könnte. In der Arbeit führe ich eine sehr gepflegte Sprache und muss auch viele Geschäftsmails verfassen. Das selbe gilt auch für meine Freunde, die Privat auch diese "Jugendsprache" verwenden.

    • Elias Canetti am 11.10.2016 12:31 Report Diesen Beitrag melden

      @Fabio

      Es würde dann heissen "bei der Arbeit".

    • B. Obachter am 11.10.2016 12:55 Report Diesen Beitrag melden

      @Fabio

      Wer weiss, vielleicht merken Sie gar nicht, dass dem nicht so ist, wie Sie es darstellen? Ich kenne viele Junge. Quasi alle sprechen entweder so oder eben so. Das mit dem Wechseln zwischen zwei Welten kommt mir vor wie die, die behaupten zu Hause Ordnung zu haben, aber im Geschäft und anderweitig haben sie einen Saustall. Oder umgekehrt.

    • Fabio am 11.10.2016 13:11 Report Diesen Beitrag melden

      @B. Obachter

      Wenn dem nicht so wäre, hätte ich meinen Arbeitsplatz gar nicht erst bekommen. Da bin ich mir sicher!

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  • Alessandro am 11.10.2016 10:30 Report Diesen Beitrag melden

    Schreiben verlernen

    Früher hatte man Angst, dass man die Rechtschreibung verlernt. Jetzt sind es die Sprachnachrichten. Die Kommunikation übers Handy ist sehr vielseitig. Es gibt immer wieder neue Abkürzungen und Fremdwörter. Man wird das schreiben nicht verlernen. Die Kommunikation verändert sich! Das ist schon seit beginn der Menschheit so.