Ernährungssicherheit

09. März 2016 09:51; Akt: 09.03.2016 17:08 Print

Bei Selbstversorgung gibt es nur noch das zu essen

von Nikolai Thelitz - Würde die Schweiz die Grenzen dichtmachen, gäbe es fast nur noch Brot, Milch und Äpfel – streng rationiert. Schoggi und Alkohol wären Mangelware.

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Europa im Jahr 2020. Krisen haben den Kontinent destabilisiert. Die Schweiz hat die Grenzen für jeglichen Personen- und Warenverkehr gesperrt. Achteinhalb Millionen Menschen müssten mit den Mitteln ernährt werden, die uns im Inland zur Verfügung stehen. Was wie ein Horrorszenario tönt, ist momentan Thema in der Politik. Das Parlament debattiert am Mittwoch über die Initiative für Ernährungssicherheit, die den Selbstversorgungsgrad der Schweiz steigern will (siehe Box).

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Insgesamt 12501 Teilnehmer

Doch was würden wir essen, wenn überhaupt keine Importe mehr zugelassen wären? Wenn sich die Schweiz vollständig selbst versorgen müsste?

Eine Auswertung zeigt: Auf Kaffee, Schoggi oder Alkohol müssten wir grösstenteils verzichten, denn Kakao und Kaffee stammen fast ausschliesslich aus dem Import, und nur 15 Prozent des Alkohols stammt aus inländischer Produktion. Zitrusfrüchte und Bananen würden vollständig aus dem Menüplan fallen. Ganz ohne Vitamine müsste die Schweiz trotzdem nicht leben: Der Bedarf an Äpfeln und Birnen ist durch die inländische Produktion grösstenteils gedeckt, bei Kirschen gibt es gar einen Überschuss – wenn auch nur in der Erntesaison.

Brot, Kartoffeln, Fleisch und Milchprodukte wären weiterhin vorhanden – wenn auch rationiert. Besonders Milchprodukte werden genug hergestellt. Dort gibt es einen Selbstversorgungsgrad von 115 Prozent. Der Fleischbedarf wird zu 84 Prozent durch inländische Produktion gedeckt, Kartoffeln stammen zu 74 Prozent aus der Schweiz, Getreide zu 59 Prozent.

Insgesamt 58 Prozent des Konsums sind momentan durch die inländische Produktion abgedeckt – ohne Futtermittel-Importe für Tiere wären es noch 50 Prozent. Damit steht die Schweiz im internationalen Vergleich schlecht da. Länder wie Australien (173 Prozent), Frankreich (111 Prozent) oder die USA (124 Prozent) haben laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) einen weitaus grösseren Selbstversorgungsgrad und könnten sich auch bei kompletter Abschottung selbst ernähren.

«Alle Hühner und Schweine sofort schlachten»

Doch auch bei hoher Selbstversorgung könnten wir nicht einfach wie bis anhin Fleisch essen, denn die Hochleistungsmast ist von Futterimporten abhängig, wie Agronom Eric Meili betont. Meili betreibt selbst Weidewirtschaft und hat einen radikalen Plan zur Umgestaltung der Schweizer Landwirtschaft.

Herr Meili, wie müsste die Schweizer Landwirtschaft verändert werden, wenn plötzlich die Grenzen zu sind?
Wir müssten alle Hühner und Schweine sofort schlachten, denn das Getreide, das für die Tierfütterung verwendet wird, müsste für die Ernährung der Menschen zur Verfügung stehen.

Müssten wir denn hungern?
Nein, aber alles wäre streng rationiert. Auf den nur ca. 400'000 Hektaren Ackerland in der Schweiz könnte die Bevölkerung vielleicht knapp mit Getreide und Kartoffeln versorgt werden. Wir müssten unsere Lebensmittel rationieren, so dass jedem Bürger nur noch 2000 Kalorien pro Tag zustünden, denen, die körperlich arbeiten, etwas mehr. Man müsste Märkli verteilen, die man gegen Nahrungsmittel eintauschen könnte.

Gäbe es kein Fleisch mehr?
Doch! Statt auf Hühner und Schweine sollte man aber auf Wiederkäuer wie Rinder oder auch Schafe und Ziegen setzen. Wiederkäuer können sehr gut auch ohne Kraftfutter auf dem Grünland ernährt werden.

Wie viel würde die Weidewirtschaft denn hergeben?
Die Schweiz hat 1,2 Millionen Hektar Grünland inklusive Alpweiden, darauf könnte man im Ernstfall so viel Rinder weiden lassen, dass jeder Schweizer etwa 0,5 Liter Milch und 40 bis 50 Gramm Rindfleisch pro Tag essen könnte.

Also wären wir sicher versorgt?
Nicht unbedingt. Für die Nahrungsmittelproduktion braucht es auch Diesel, der ebenfalls zur Neige gehen dürfte. Wie lange der Treibstoff in den Notlagern für die Produktion reichen würde, ist unklar.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hobby Gärtnerin am 09.03.2016 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Halb-Selbstversorgerin

    Habe jeden Sommer Himbeeren, Erdbeeren, Äpfel, Birnen, Rhabarber, Haselnüsse, Salate, Kohlräbli, Rüebli, Radieschen, Randen, Zucchetti, Blumenkohl, Broccoli und Bohnen aus dem eigenen Garten im Überfluss. Die Menge reicht aus, um einen Anteil einzufrieren, der bis zum Frühjahr hält. Milch und Fleisch bekomme ich bei Bedarf vom Bauern nebenan. Wegen Kaffee, Fisch und Schoggi geht die Welt für mich nicht unter...

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  • Mr. Right am 09.03.2016 10:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vergleich

    Die Schweiz mit den USA und Australien zu vergleichen ist wohl ein Witz!

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  • Tom am 09.03.2016 10:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gute Überlegung...

    ... denn Geld kann man nicht essen!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • FrancBcB am 10.03.2016 22:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fische?

    In der Schweiz haben wir zwar auch Fische, aber egal!!!

  • Luna am 10.03.2016 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    Reicht doch

    Ich sehe das Problem nicht ganz, das reicht doch vollständig aus. Natürlich wäre es ärgerlich, wenn es weder Kaffee noch Alkohol gäbe, aber davon geht die Welt nicht unter. Zudem sind 2000kcal jeden Tag ganz schön viel. Nicht körperlich arbeitenden Menschen können sich damit ziemlich viel Fettpolster anlegen. Zum Überleben brauchen würden man viel weniger.

  • Christoph Stadelmann am 10.03.2016 08:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch dieses zum Essen

    Mir genügt dies. Was wollen wie mehr.

  • Verzichti am 09.03.2016 21:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ressourcen

    Je mehr Menschen im Land wohnen, desto knapper die Ressourcen.

  • Martin W. am 09.03.2016 21:28 Report Diesen Beitrag melden

    Je autarker desto stärker

    Desto stärker, die Schweiz sich selbst versorgt und eigene Produktionen fördert und unterstützt, desto stärkere Handlungsbasis hat die Schweiz gegenüber EU, USA etc. Dies ist ein sehr guter Weg