Experten-Interview

01. Juni 2017 18:23; Akt: 01.06.2017 19:09 Print

«Mädchen werden viermal häufiger missbraucht»

von B. Zanni - Die Kinderkliniken zählten letztes Jahr 306 Fälle von sexuellem Missbrauch. Chefarzt Markus Wopmann erklärt, wie sie ans Licht kamen.

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2016 wurden in der Schweiz über 300 Kinder sexuell missbraucht. Unter den Opfern sind vor allem Mädchen. (Bild: Keystone/Christof Schuerpf)

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Herr Wopmann, 2016 wurden laut der Nationalen Kinderschutzstatistik an Kinderkliniken über 300 körperliche Misshandlungen registriert. Zwei Kinder sind daran sogar gestorben. Was ist da passiert?
Ein Säugling starb an einem Schütteltrauma, weil die betreuende Person ihn aus Überforderung grob geschüttelt hatte. Das zweite Kind war ein- bis zweijährig. Wie es misshandelt wurde, ist mir nicht bekannt. Sterben Kinder an körperlichen Misshandlungen, trifft es meist die jüngsten, weil sie am verletzlichsten sind. Zum Glück kommt das aber selten vor.

Trotzdem registriert die Kinderschutzstatistik 2016 bei den Kindsmisshandlungen eine Zunahme von 200 Fällen. Unter anderem wurden 306 Kinder sexuell missbraucht. Wie werden solche Fälle aufgedeckt?
Vor allem Mädchen sind betroffen. Sie werden viermal häufiger Opfer sexuellen Missbrauchs als Knaben. Oft erzählen die Kinder, dass sie von jemandem an einer bestimmten Körperstelle angefasst worden seien und sie dies «grusig» gefunden hätten. Ganz klar ist der Fall, wenn ein Mädchen erzählt, dass es das Geschlechtsteil eines Verwandten habe anschauen und anfassen dürfen und dann «etwas Komisches» passiert sei. Manchmal werden Täter aber auch auf frischer Tat ertappt. Wenn zum Beispiel jemand den neunzehnjährigen Jungen mit dem siebenjährigen Mädchen im Zimmer plötzlich nackt Lego spielen sieht.

Umfrage
Was würden Sie tun, wenn Sie den Verdacht hätten, dass ein Kind misshandelt wird?
21 %
32 %
3 %
24 %
9 %
11 %
Insgesamt 2806 Teilnehmer

Viele Kinder werden laut der Statistik auch vernachlässigt. Was heisst das?
Wenn Eltern sie zum Beispiel ausserhalb der Schule sich selbst überlassen. Kürzlich fiel ein Erstklässler auf, weil er mittags ständig auf dem Schulareal herumlungerte. Die berufstätigen Eltern hielten es für unnötig, eine Betreuung über Mittag für ihn zu organisieren. Sie fanden, es genüge, wenn sie ihm in diesem Alter ein Essen für die Mikrowelle vorbereiteten. Es kommt aber auch vor, dass vernachlässigte Kinder regelmässig ungewaschen und verdreckt in die Krippe oder den Kindergarten kommen oder Eltern ihrem Baby einen gezuckerten Schoppen geben. Genauso wenig erfüllen sie die kindlichen Bedürfnisse, wenn sie den Nachwuchs ständig mit Handys und Tablets ruhigstellen.

Die Universitätskliniken Lausanne und Genf verzeichnen 2016 bei Kindsmisshandlungen eine Zunahme von 200 Fällen. Ist die Schweiz für Kinder ein gefährliches Pflaster?
Die Zunahme hängt in erster Linie damit zusammen, dass die Universitätskliniken Lausanne und Genf neu auch bei Polizeieinsätzen eingeschaltet werden, wenn es zu häuslicher Gewalt in Familien mit Kindern im selben Haushalt kommt. Die Kinder sind dann meist zwar nur indirekt betroffen, das ist aber nicht weniger schlimm. Den höchsten Anteil der Missbrauchsfälle bei Kindern machen mit 36 Prozent psychische Misshandlungen aus.

Wie kommt es dazu?
Die Kinder erleben gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen ihren Eltern, häufig wiederholt. In solchen Fällen eskaliert meist ein verbaler Konflikt zwischen den Eltern in gegenseitige Tätlichkeit. Solche Auseinandersetzungen sind für Kinder extrem bedrohlich. Ältere versuchen oft zu schlichten oder alarmieren die Polizei. Kleine Kinder dagegen ziehen sich zurück. Diese Vorfälle machen aber nur einen Teil der psychischen Misshandlungen aus.

Was passiert beim anderen Teil?
Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder permanent entwerten und beschimpfen. Sie sagen etwa: «Du bist so fett. Mit dir gehe ich nicht mehr aus dem Haus, ich schäme mich sonst.» Andere Mütter und Väter bedrohen sie. Tatsächlich bekommen Kinder dann Schreckliches zu hören wie: «Wenn du das nicht machst, bringe ich dich um.» Auch drohen Eltern mit dem Heim oder einjährigem Hausarrest, sollten sie nicht gehorchen. Gehäuft kommen solche Fälle in sozial schwachen Schichten vor. Die Eltern haben in Erziehung und Konfliktlösung limitierte Fähigkeiten.

Wie reagieren Eltern, wenn ihnen eine Kindsmisshandlung nachgewiesen wird?
Nur ein kleiner Teil ist einsichtig. Häufig bagatellisieren sie das Delikt: Es sei ja nur ein- oder zweimal vorgekommen. Auch gibt es Mütter und Väter, die ihr Verhalten legitimieren und sagen: «Mein Kind machte mich so wütend. Da konnte ich nicht anders, als zuzuschlagen.» Zudem sehen Eltern aus gewissen Kulturen Schläge und harte Strafen in der Erziehung als gerechtfertigt an.

Welche Konsequenzen drohen?
Je nach Vergehen werden die Täter mit einer Busse bestraft oder einem Freiheitsentzug von bis zu drei Jahren. Wurde an einem Kind ein Verbrechen begangen, ist das Strafmass nach oben offen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Z33 am 01.06.2017 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kommts draufan?

    Jeder missbrauchte Mensch, ob Junge oder Mädchen ist einer zuviel.

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  • Zerono am 01.06.2017 18:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fragwürdig

    Leider werden die Strafen meist zu sanft angesetzt. Wenn man ein paar Pflänzchen bei sich Zuhause hat um am Wochenende mal gemütlich einen zu rauchen wird man zum Teil härter bestraft als jemand der sich an ein Kind vergangen hat..

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  • Chris am 01.06.2017 18:41 Report Diesen Beitrag melden

    Switzerland Zero points

    Zitat: Zudem sehen Eltern aus gewissen Kulturen Schläge und harte Strafen in der Erziehung als gerechtfertigt an. Antwort: Bis vor nicht allzu langer Zeit wurde in der Schweiz gezüchtigt was das Zeug hält, Verbringkinder schamlos ausgenutzt und handicapierte ruck zuck in die Psychiatrie verfrachtet. Ich bin übrigens Schweizer.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf E. am 02.06.2017 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    Dunkelziffer

    Ich glaube, bei Jungen ist die Dunkelziffer sehr viel höher. Denn 1. Das Rollenbild der Jungen verlangt, dass sie sich nicht so leicht als Opfer sehen dürfen. 2. Die Möglichkeit eines Missbrauchs erscheint vielen nicht so naheliegend. Auch wegen Meldungen wie dieser.

  • Rosi E. am 02.06.2017 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Jungs bekommen besonders selten Hilfe

    "Mädchen werden 4 mal häufiger missbraucht." Das kann sogar stimmen. Aber vergessen wir nicht: Bei Jungen kommt 10 mal seltener der Verdacht auf. Daher sind sie besonders arm dran, wenn sie zum Opfer werden.

  • Peter Baumann am 02.06.2017 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Die kranke Gesellschaft

    Ueberforderte Eltern, ueberforderte Lehrer (Lehrplan21 dazu der Finanzielle Druck und eine unsichere Zukunft. Erzeugt Aggression und Wut der an den Kinder ausgelassen wird. Anstatt die Kinder mit Freude und Liebe grosszuziehen werden sie von kleinauf zu Leistungsmaschienen hochgezuechtet. Diesem unsaeglichen Druck koennen nicht alle standhalten. Vorschlag: Kostenlose Kinderbetreung oder ein Grundeinkommen fuer Muetter die ihre Kinder in Wuerde und Liebe betreuen. Der Gesunde Menschenverstand ist gefragt.

  • der auswanderer am 02.06.2017 10:59 Report Diesen Beitrag melden

    schon vor langer zeit entschieden

    die schweiz - ein hundstrauriges land. ich wandere morgen mit meiner familie aus. wohin sag ich nicht. aber es ist bestimmt entspannter als hier. machts gut liebe leute.

  • Sandra Gaberthuel am 02.06.2017 10:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das bin ich

    ich gehe jetzt seit 15 jahren in eine therapie.meine erkrankung:putzzwänge extremes gerechtigkeitsgefühl alles extrem perfekt machen arbeiten bis es schmerzt abhängigkeit von dominanten personen immer genau alles nach meinem plan sonst verlier ich meine sicherheit