Flucht mit Aufseherin

11. Februar 2016 13:59; Akt: 11.02.2016 13:59 Print

«Dieser Fall wird allen Strafgefangenen schaden»

Laut dem Schweizer Verein für Strafgefangene leistet die grosse Mehrheit der Aufseher gute Arbeit. Die Flucht von Magdici und Kiko werde aber für alle Häftlinge negative Folgen haben.

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Peter Zimmermann, der selbst lange hinter Gittern sass, setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte der Schweizer Häftlinge ein. Der Präsident des Vereins für Strafgefangene Reform 91 sagt zur Flucht von Aufseherin Angela Magdici (32) mit Vergewaltiger Hassan Kiko (27): «Das ist ein krasser Einzelfall.»

Zwar «menschele» es natürlich auch im Gefängnis. Doch von Liebesaffären zwischen Gefängnisangestellten und Häftlingen habe er kaum je gehört: «99,9 Prozent der Aufseherinnen und Aufseher machen einen überdurchschnittlich guten Job. Sie würden Avancen von Gefangenen konsequent abweisen.»

«Zu Schlüsselknechten degradiert»

Generell sei ein gutes Verhältnis zu den Betreuern etwas vom Wichtigsten für jeden Gefangenen, sagt Zimmermann. Er beispielsweise pflege noch heute freundschaftlichen Kontakt mit dem Werkmeister der Strafanstalt Lenzburg, in der er inhaftiert gewesen war. «Leider gibt es aber die Tendenz, die Aufseher zu Schlüsselknechten zu degradieren und stattdessen nur noch Psychologen und Forensiker auf die Gefängnisinsassen loszulassen», sagt Zimmermann. Er befürchte, dass sich diese Entwicklung nun noch verstärken werde. «Dieser Fall wird allen Strafgefangenen schaden.»

Was aber müssen Gefängnisangestellte tun, wenn sie sich in einen Häftling verlieben? Thomas Noll, Schweizer Chefausbildner für Strafvollzugspersonal, sagt zur NZZ, niemand sei davor gefeit, dass ihm dies passiere. Ausschlaggebend sei jedoch, wie der Aufseher oder die Aufseherin damit umgehe. «Wer sich in einen Insassen oder in eine Insassin verliebt, muss das unverzüglich dem Vorgesetzten melden.»

Verliebtheit rechtzeitig melden

Dies müsse geschehen, bevor ein erster, illegaler Schritt gemacht werde. «Mit einer rechtzeitigen Meldung reagiert der Mitarbeiter professionell und muss keine Kündigung befürchten.»
Stattdessen werde man daraufhin den Aufseher in eine andere Abteilung versetzen – oder den Insassen.

Zimmermann wundert sich, dass man im Gefängnis Limmattal nichts von einer Beziehung zwischen der Aufseherin und dem Häftling bemerkt hat: «Das hätte auffallen müssen, da scheint etwas schiefgelaufen zu sein.»

Häftlinge mit Drogen und Pizza versorgt

Vor Angela Magdici machte erst kürzlich auch eine andere Aufseherin aus dem Kanton Zürich durch ihr Fehlverhalten Schlagzeilen: Im Juni 2015 stand eine Mitarbeiterin des Gefängnisses Affoltern am Albis vor Gericht. Die 29-Jährige hatte Häftlinge auf Bestellung mit Kokain, Marihuana und Testosteron versorgt – und mit begehrten Lebensmitteln wie Hamburger und Pizza. Entlöhnen liess sie sich mit Drogen für den Eigengebrauch. Die Aufseherin wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt.

(lüs)