Kritik an Notruf

23. Oktober 2012 18:51; Akt: 23.10.2012 18:59 Print

Ambulanz kommt trotz Lebensgefahr nicht

Sie keuchen und ächzen, doch Hilfe naht nicht: Obwohl die Betroffenen in Lebensgefahr waren, wurde in Zug in mehreren Fällen die Ambulanz nicht aufgeboten. Fahrlässig oder überfordert?

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Wer die Nummer 144 wählt und in Lebensgefahr ist, der rechnet fest mit dem Erscheinen der Ambulanz. Im Kanton Zug machte jedoch Claudia Vögeli eine andere Erfahrung. Als ihre diabeteskranke Tochter vor zwei Wochen den ganzen Tag erbrochen hatte und keine Flüssigkeit bei sich halten konnte, wählte sie den Notruf 144. Vögeli landete beim Sanitätsnotruf in Luzern. Diese kamen zum Schluss, dass der Rettungsdienst Zug nicht aufgeboten werden muss.

Die Mutter wandte sich daraufhin an eine Notfallärztin, welche die schwer kranke 16-Jährige sofort im Kantonsspital Baar anmeldete. Ein Nachbar fuhr das Mädchen schliesslich ins Spital. Die Jugendliche litt an Ketoazidose, bei einem Diabetiker Typ 1 ein lebensbedrohlicher Zustand, der unbehandelt zum Tod führt.

Auch bei Herzinfarkt nicht aufgeboten

Wie die «Neue Zuger Zeitung» aufdeckte, ist dies kein Einzelfall. Erst mitte September machte Hugo Ferrari aus Rotkreuz ähnliche Erfahrungen. Der 63-Jährige wachte um vier Uhr in der Früh mit massiven Herzbeschwerden auf. Ein Kollege wählte die Nummer 144, doch auch hier kam die Ambulanz nicht vorbei. Später diagnostizierten die Ärzte bei Ferrari ein Vorhofflimmern und einen erlittenen Herzinfarkt.

Warum in beiden Fällen die Ambulanz nicht aufgeboten wurde, wird nun abgeklärt. Dazu der Zuger Kantonsarzt Ruedi Hauri: «Der Gesundheitsdirektor hat den Kantonsarzt mit den Abklärungen beauftragt. Diese nehmen Zeit in Anspruch.» Sie werden nach rechtsstaatlichen Prinzipien vorgenommen und sind nicht öffentlich. «Es ist mir somit vorläufig nicht möglich, weitere Angaben zu machen.»

Patientenschutz ist informiert

Bei der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz bezeichnet man die Vorfälle als «seltsam». «Wenn man die Nummer 144 wählt, sollte man schon darauf vertrauen können, dass der Krankenwagen wenn nötig kommt», sagt Barbara Züst, Co-Geschäftsführerin der SPO. Züst sei bekannt, dass die Notrufzentralen immer mehr auch mit Bagatell-Fällen belästigt werden. «Dann erwarte ich aber, dass mit entsprechendem Personal eine seriöse Triage gemacht wird.»

Die Vereinigung der Rettungssanitäter Schweiz hat hingegen keine Kenntnisse von den in Zug passierten Vorfällen. So sagt Vorstandsmitglied Elmar Rollwage genüber 20 Minuten Online: «Ich möchte über die Ursachen nicht spekulieren, solange ich die genauen Details nicht kenne.» Fakt ist aber, dass die Sanitätsnotrufzentralen 144 immer mehr häufiger und auch bei Kleinigkeiten kontaktiert werden. So sagte Roland Portmann, Sprecher von Schutz und ­Rettung Zürich, gegenüber 20Minuten im August: «Die Hemmschwelle, den Rettungsdienst anzurufen, ist in den letzten Jahren deutlich gesunken. ­Immer öfter ­werden wir auch wegen eines Schnitts im Finger oder Fieber aufgeboten. Selbst wegen eingewachsener Nägel wurden wir schon angerufen.» In Bern und Basel wird dieser Trend bestätigt.

Sanitäter entscheiden nach festen Kriterien

Rücken die Ambulanzen möglicherweise aufgrund der grossen Anzahl von Bagatell-Anrufen manchmal nicht aus, obwohl sie sollten? Rollwage dazu: «Das möchte ich nicht ausschliessen. Aber das sind sicher Einzelfälle.» Zudem sitze in der Einsatzzentrale immer auch ein Mensch und kein Computer am Telefon. «Die Disponenten, alles diplomierte Rettungssanitäter, versuchen aber immer nach bestem Wissen und Gewissen die Informationen auszuwerten.» Dabei sei klar festgelegt: «Verwendet der Anrufer Begriffe wie Atemnot, Brustschmerzen oder Bewusstlosigkeit, rücke die Ambulanz sofort aus». Je weiniger Informationen der Disponent zum Zeitpunkt des Anrufes habe, sei es nicht immer einfach abzuschätzen, ob nun wirklich eine Ambulanz benötigt wird oder nicht. «Im Zweifel wird man eher eine Ambulanz alarmieren.»

Auch im Kanton Zürich sitzen gemäss Theo Flacher, Chef Einsatzunterstützung der Schutz und Rettung Zürich, Rettungssanitäter am Telefon. Wie er gegenüber 20Minuten Online sagt, hat die Einsatzzentrale des Notrufes bei dringenden Fälle maximal 90 Sekunden Zeit, das Rettungsfahrzeug 144 aufzubieten. «In der Regel läuft das Aufgebot parallel zur Befragung des Anrufers», sagt Flacher. Dabei gehe man exakt nach einem bestimmten Schema vor. So werde der Name, der Ort und die Rückrufnummer abgefragt. «Da zählt jede Sekunde», so Flacher.

In der Regel lasse sich gut einordnen, ob eine Ambulanz aufgeboten werden müsse oder nicht. Bei weniger dringlichen Fällen werde der Anrufer je nach Region an den Hausarzt oder den ärztlichen Notdienst weiter verwiesen.

Feedback
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(bat)

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