Gebäude-Verschiebung

22. Mai 2012 09:03; Akt: 22.05.2012 09:37 Print

Der Countdown läuft

Um 11 Uhr startet in Zürich-Oerlikon die grösste Gebäude-Verschiebung Europas. 20 Minuten Online ist live dabei.

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Die grösste Gebäudeverschiebung Europas geht in die zweite Runde. Das ehemalige Verwaltungsratsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon muss zwei neuen Gleisen Platz machen und deshalb um 60 Meter gegen Westen verschoben werden. Seit 6 Uhr früh laufen die Hydraulikpressen wieder auf Hochtouren: Die Mega-Züglete kratzt bereits an der 40-Meter-Marke. Der starke Regen sollte kein Problem für die Verschiebung sein. Gestern lockte das Ereignis jedoch deutlich mehr Leute an. Am frühen Morgen standen trotzdem einige Schaulustige neben dem Backsteinriesen. Am Dienstag konnte das Tagesziel nicht erreicht werden. Zwei Meter fehlten. Der Grund: Nachdem sich das Gebäude leicht quer gestellt hatte, verzögerten die Korrekturarbeiten die Verschiebung. Am 22. Mai um 11 Uhr morgens wurde das MFO-Gebäude angeschoben. Zahlreiche Schaulustige beobachteten das Haus auf seiner Reise in Richtung Westen. Symbolische Geste: Beim Start am Morgen um 11 Uhr wurden die Hydraulikpressen per Knopfdruck gestartet. Heitere Stimmung: Vor dem Gebäude treffen sich ABB-Pensionäre. «Ich habe 33 Jahre im MFO-Gebäude gearbeitet. Bei dem Anblick kommt Wehmut auf», sagt der 79-Jährige Werner Peter. Die Züglete sei eine gewaltige technische Herausforderung. «Ich ziehe den Hut vor den Ingenieuren.» Nach jedem Schub müssen die Hydraulikpressen abmontiert und wieder neu aufgebaut werden. Die Verschiebung des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Maschinenfabrik Oerlikon ist die grösste Häuserverschiebung Europas. Kurz vor dem Start um 11 Uhr wurden die letzten Vorbereitungen getroffen. Innert zwei Tagen soll das ehemalige Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) 60 Meter gegen Westen verschoben werden, um der Erweiterung des Bahnhofs Oerlikon Platz zu machen. Das Projekt ist in seinem Ausmass einzigartig: 80 Meter lang, 12 Meter breit und 6200 Tonnen schwer ist das Backsteingebäude. Das entspricht etwa einem Gewicht von 15 Jumbojets. Die Iten AG aus Morgarten, die sich bereits mit der Translokation des Teufelssteins unterhalb von Göschenen beim Bau der Gotthardautobahn einen Namen gemacht hat, hat sich dem Mammutprojekt angenommen. Das MFO-Gebäude ist ein wichtiges Stück Schweizer Industriegeschichte: 1889 in Oerlikon gebaut, verkörperte es den Wandel des Dorfes zur Vorstadt und ist heute der einzig verbliebene Zeitzeuge der Industrialisierung des 18. und 19. Jahrhunderts. Der anhaltende Boom der Zürcher Agglomeration wurde dem Haus jedoch zum Verhängnis: Das Gebäude stand der Erweiterung des Bahnhofs Oerlikon im Weg. Gegen einen geplanten Abriss wehrten sich Bevölkerung und Stadtrat jedoch vehement - mit Erfolg: Im Herbst 2010 lenkte die ABB ein und stimmte einer Verschiebung zu. Im Juli 2011 wurde die Baubewilligung erteilt. Im August 2011 starteten die Bauarbeiten: Anstatt das Gebäude anzuheben, wurde die unterste Schicht, der Keller, herausgeschnitten. Die fehlenden Kellerwände wurden durch Pfähle ersetzt, die das Gebäude vorübergehend stützten. Anschliessend wurden Verschubbahnen unter das Haus gebaut und die Pfähle wieder entfernt. Die Verschubbahnen bestehen aus Metallstützen und einer Schiene mit Rollen. Auf ihnen wird das MFO-Gebäude 60 Meter in Richtung Westen gestossen - mit einer Geschwindigkeit von rund 4 Metern pro Stunde. Morgen um 11 Uhr erreicht das 12 Millionen teure Projekt endlich seinen Höhepunkt: Dann werden die Hydraulikpressen, die hinter dem Gebäude auf den Verschubbahnen montiert sind, angeworfen. Bis 20 Uhr abends wird durchgearbeitet. Am nächsten Tag geht es um 6 Uhr morgens wieder los. Wenn alles gut geht, dauert die Verschiebung 15 Stunden. Das Wetter spielt grundsätzlich keine Rolle. Nur ein massives Gewitter könnte den Planern einen Strich durch die Rechnung machen. Die grösste Herausforderung ist es, das Absinken des Hauses zu verhindern. Dabei geht es um Millimeter, die bereits Risse in der Gebäudehülle verursachen könnten. 30 elektronische Sensoren überwachen deshalb jede Sekunde der Verschiebung. Sie registrieren bereits eine Senkung von einem Zehntelmillimeter. Wenn das MFO-Gebäude erfolreich verschoben ist, wird der Keller am alten Ort aufgeschüttet. Im August sollten die Bauarbeiten fertig sein. Dann wird der Landteil der SBB übergeben. Sie wird dort zwei neue Gleise für die Duchmesserlinie erstellen.

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Der Countdown für die spektakuläre Hausverschiebung beim Bahnhof in Zürich-Oerlikon läuft. Um 11 Uhr wird das 80 Meter lange und 6200 Tonnen schwere Gebäude der ehemaligen Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) auf die Reise geschickt. Die letzten Vorbereitungen laufen planmässig.

«Ein Gebäude wird verrückt», verkündet seit Wochen ein riesiges Banner am MFO-Gebäude. 123 Jahre stand der markante Backsteinbau an seinem angestammten Platz neben den Gleisen. Nun wird das Gebäude zum ersten und wohl letzten Mal mobil. Auf Stahlschienen wird es um 60 Meter nach Westen vor das Gebäude der Swiss Prime Site (SPS) verschoben.

Grosses Zuschauerinteresse

Noch nie wurde in der Schweiz ein so grosses Gebäude als Ganzes auf die Reise geschickt. Entsprechend gross ist das Zuschauerinteresse. Bereits Stunden vor dem Anschieben drängten sich zahlreiche Schaulustige, um das Gebäude zum letzten Mal am alten Standort zu fotografieren.

Mit einem symbolischen Startknopf werden um 11 Uhr die Hydraulikpressen angeworfen, die das Gebäude in Bewegung bringen werden. «Es erfüllt uns mit Stolz, dass das scheinbar Unmögliche nun Zentimeter um Zentimeter Realität wird», sagte Peter Lehmann von Swiss Prime Site. Noch nie sei ein Objekt auf so unkonventionellem Weg in das Portfolio der SPS gelangt.

Ziel am Mittwoch erreicht

Der verantwortliche Ingenieur Rolf Iten bezeichnet das Unterfangen als «Routineprojekt unter stark erschwerten Rahmenbedingungen». Seine Spezialfirma hat 26 Mitarbeiter im Einsatz.

Nach monatelangen Vorbereitungen werden Spezialisten das markante Backsteingebäude um 11 Uhr auf sechs Stahlschienen auf die Reise schicken. Am späten Mittwochnachmittag soll der 80 Meter lange, 12 Meter breite und 6200 Tonnen schwere Koloss am neuen Standort ankommen. Ein solch grosses Gebäude wurde in der Schweiz noch nie verschoben.

Vorangetrieben wird das auf Stahlträgern abgestützte Gebäude von zwei Hydraulikpressen. Zwei weitere stehen für allfällige Richtungskorrekturen bereit. Gleiten wird das Gebäude auf 500 Stahlrollen mit durchschnittlich 4 Metern pro Stunde.

Nach jeweils 60 Zentimetern müssen die Hydraulikpumpen neu platziert werden. Verläuft alles planmässig, soll die Aktion innerhalb von 15 Stunden abgeschlossen sein.

Ingenieure sind zuversichtlich

Verantwortlich für die Verschiebung zeichnet die Iten AG, eine kleine Spezialfirma aus dem zugerischen Morgarten, die auf diesem Gebiet grosse Erfahrungen hat. Das Unternehmen von Ingenieur Peter Iten hat in den vergangenen 60 Jahren rund 400 Häuser, Brücken und andere Objekte verschoben.

Das grösste bisher verschobene Gebäude war die Kirche St. Blaise am Neuenburgersee mit einer Länge von 40 Metern. Das MFO-Gebäude ist doppelt so lang. Die Verschiebung in Längsrichtung berge bei einem solch langen Gebäude Risiken bezüglich allfälliger Senkungen, sagte Iten. Es sei aber «alles Erdenkliche» vorgekehrt worden, dass das Gebäude heil am neuen Standort ankommen werde.

Platz für neue Gleise

Das Direktionsgebäude der MFO gilt als letzter Zeuge der Industrie des 19. Jahrhunderts in Oerlikon. Es wurde 1889 als Verwaltungssitz der MFO gebaut. Das Unternehmen produzierte ab 1876 vor allem Werkzeuge, Maschinen, Waffen und Elektrolokomotiven. 1967 wurde die MFO von der BBC, der heutigen ABB, übernommen.

Platz machen muss das 123-jährige Gebäude zwei neuen Gleisen der Zürcher Durchmesserlinie. Lange Zeit sah es nach einem Abbruch aus. Erst als sich die Bevölkerung zur Wehr setzte, konnten sich nach langem Hin und Her SBB, ABB und Swiss Prime Site (SPS), die neue Besitzerin des Gebäudes, auf eine Verschiebung einigen. Den grössten Teil der Kosten von rund 11 Millionen Franken trägt die SPS.

Auf 20 Minuten Online können Sie live mitverfolgen, wie der Backsteinriese mit 4 Metern pro Stunde an seinen neuen Platz gelangt: Am 22. Mai um 11 Uhr beginnt die Übertragung.

(dwi/sda)